Holzturm, hohl

Weintraube weissAuf dem Weg zur Burg steht ein Holzturm. Von weitem sieht er aus wie ein Aussichtsturm, von nahem eigentlich auch, aber es geht nirgendwo hinein oder hinauf. Ich umkreise den Turm als Suchende, drücke meine Schulter gegen die dicken Bretter. Manche Schranktüren öffnen sich so. Diese hier reagieren nicht. Kein Ein- oder Aufgang, keine Infotafel, was es mit diesem Ding auf sich hat. Ich gehe auf Distanz. Aus fünf Meter Höhe blicken Bullaugen auf mich herab. Ich will jetzt da hoch. Möchte aus diesen Löchern gucken. Sehen was sie sehen. Aber der Weg ist versperrt. Oder von vornherein nicht vorgesehen.

Der Turm macht mich machtlos. Blöde Kiste. Ich spüre die Wut in mir aufsteigen wie schmutziges Wasser in einem Wehr. Wehrlos. Warum? Weil er einfach so steht und nichts verrät. Dann flüstert mein Gehirn: Ist wahrscheinlich Kunst. Ja natürlich, dass ich darauf nicht sofort gekommen bin. Erleichterung zieht den Stöpsel und die Wut fließt ab. Sofort ist die Scham zur Stelle und brennt mir eine Röte ins Gesicht. Ich schäme mich für die Scham und diese Wechselbäder der Gefühle: Wut, Erleichterung, Scham.

Tatsache ist, der Turm ist Kunst und heißt Orbi. Urbi et Orbi. Ein monumentales Holzobjekt gezimmert aus Papstbänken. Was sind Papstbänke? Hat auf all diesem Holz der Herr gekniet? Nein. Auf diesem Holz haben die gesessen, die auf den Papst gewartet haben, als er 2011 in unserem Land war. Die Bänke wurden als Papstbänke unter die Leute gebracht und aus einigen hat der Künstler Marco Schuler den Turm gebaut. Der Corpus ist hohl, die Löcher sind Augen. Sie blicken aus fünf Metern Höhe in jede Himmelsrichtung übers Land. Im Osten schauen sie auf den schwarzen Wald, im Westen auf die Burg, im Süden und Norden auf die goldenen Weinberge.

Inmitten Edler Weinreben (Vitus vinifera subsp. vinifera) thront der Turm. Vorher steht er jahrelang auf einem Berg und umschließt mit seiner grauen Fassade das Gipfelkreuz. In das verwaschene Holz ritzen Leute ihre Namen oder Weisheiten wie „Der Berg ist die Zwischenstation zwischen Himmel und Erde“ oder „Offizielle Kultstätte Bernd das Brot“. Manche finden den Turm besser als das Kreuz. Andere schreiben „Es muss nicht auf jedem Gipfel ein Kreuz stehen“. Das finde ich auch.

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