Ein paar Prozent Oberhand

OberhandAnna will mich trösten und streckt ihre Arme aus. Da soll ich wohl rein. In diese Wärme. Will ich aber nicht. Ich will hier stehen wie ein Fels im Regen und die Nässe soll an mir heruntertropfen. Ich werde auch nicht weich oder kleiner, wie ein Stein eben.

Als Anna sagt: Auf deinem Grabstein wird einst stehen „Wollte nie getröstet werden“, grinse ich schief. Das wäre eine angemessene Beschreibung. Also nicht im Sinne von „Fand keinen Trost“, sondern von „Lehnte es strikt ab von irgendwem getröstet zu werden.“ Klingt nach einer Kopfsache, nicht wahr? Ist es aber nicht. Es ist eine Macke und kommt direkt aus dem Bauch. Von Kind auf kultiviert. Von keinem Psychologen therapeutisch kuriert. Nie einen gebeten es zu tun. Als Kleinkind verweigere ich jede Art von tröstender Zuwendung. Auch wenn mein Knie blutig, mein Gehirn erschüttert oder meine Haut verbrannt ist. Indianerin nannte ich das früher. Als es die Bezeichnung First Nation noch nicht gab.

Anna lacht: Ja, klar. Erzähl mal, wie ist das mit dem Schmerz?

Ich zucke mit den Schultern. Abgesehen davon oder gerade weil es ein Wort mit einem widerwärtigen Klang ist, das seine Bedeutung schon in sich trägt, habe ich eine nüchterne Einstellung zu Schmerz und Schmerzäußerungen, sowohl bei mir selbst als auch bei anderen. Das Ermessen liegt immer in der Betrachterin und Mitfühlerin selbst. Und bei mir hängt die Latte eben etwas höher. Der Schmerz kommt und geht. Geschickt vom Gehirn, das gerne Experimente macht. Während er wirkt, fühle ich ihm nach, atme in ihn hinein und versuche, nicht ohnmächtig zu werden. Obwohl, das ist mir auch schon passiert. Die Ohnmacht als Überschätzung meiner Leidensfähigkeit. Aber seit ich die Ohnmacht kenne und wie sie sich heranschleicht, kann ich sie aufhalten und zurückdrängen. Will bei Bewusstsein bleiben, ihm die paar Prozent gewähren, die es die Oberhand hat. Ebbt der Schmerz wieder ab ist Schluss ist mit dem Getue.

Und seelischer Schmerz? Bist du jetzt meine Seelenklempnerin, frage ich Anna. Bevor sie etwas sagen kann, behaupte ich: Ist doch das Gleiche.

Also Atmen, sagt Anna. Ja. Tief atmen und stumm durch das Jammertal laufen. Bis sich die Nebel wie von allein auflösen. Hört sich einfach an. Ist es nicht.

Anna breitet ihre Arme wieder aus. Was soll das? Ich will dich drücken, nicht trösten. Okay.

Schweine

WaldIm Wald begegnen wir einer parfümierte Frau. Ihr Duft weht wie ein Spinnenfaden hinter ihr her, verfängt sich im Gestrüpp und sinkt lautlos aufs Moos. Wir könnten leicht in ihren Sog geraten. Mit unseren feinen Nasen den verstreuten Molekülen folgen. Immer tiefer in den dunklen Wald hinein. Anna sieht mich schweigend an. Ich nicke.

Ab und zu leuchten ihre blondierten Haare zwischen den Bäumen auf, denn die Sonnenstrahlen verfangen sich in ihrem Haar wie ihr Duft im Dickicht. Keine Äste knacken, als wir die Wege verlassen. Längst ist unsere Orientierung an den dicken Stämmen kleben geblieben. Seit dem letzten Sturm liegen sie auf dem Boden, wir steigen darüber, unsere Nägel versinken im Harz. Würziger Baumsaftgeruch drängt sich auf. Wir scheuchen ihn fort. Wollen die Fährte der Frau nicht verlieren. Mühe- und schwerelos schreitet sie. Sieht sich nicht um. Anna hat diesen fixierten Blick. Will ihren Willen.

Was meinst du, wo geht sie hin? Ich zucke mit den Schultern. Bin ja eigentlich gerne im Wald. Laufe auch stundenlang ohne Zeichen an den Bäumen, bis es endlich ruhig ist. Bin durchaus überzeugt von Kräften, die ich nicht verstehen oder ermessen kann. Aber einer parfümierten Frau folgen? Ist das gut?

Anna sagt es ist Abenteuer. Ich habe keine Lust mehr. Nun stehen wir hier und streiten. Wie Elster und Häher. Der Wald kennt das. Man muss nicht schweigen, um sich angemessen zu verhalten. Die Hirsche brüllen, die Vögel kreischen, die Mäuse piepsen und die Schweine machen schnorchelige Geräusche, als würden sie unter Wasser atmen. Überhaupt, die Schweine. Sie sind so rücksichtslos. Stecken ihre Rüssel in die weiche Erde und zertrampeln zarte Triebe mit ihren Hufen. Scheren sich den Teufel um die Ästhetik des Anblicks. Nachts rennen sie kilometerweit auf und ab, suhlen sich im Schlamm und machen Töne, die uns das Blut in den Adern gefrieren ließen, wären wir da. Sind wir aber nicht. Anna sagt Spielverderberin.

Die Frau ist verschwunden. Das Gelände ist hügelig und von Hohlwegen durchzogen. Wollten wir ihr auf den Fersen bleiben müssten wir jetzt hetzen. Hetzjagd. Will ich nicht. Mein Nichtwille ist stärker als Annas Trotz. Was soll sie auch machen? Alleine weiter? Eine Ablenkung wäre gut. Wie vorhin das Parfum, das uns abgelenkt hat.

Da hinten in der Senke glitzert etwas. Ich zupfe Anna am Arm und wir folgen dem Licht.

Escheschlitten

Ein neues Blatt im Baumkalender: Esche, Fraxinus excelsior.

Was für ein Name.

PflanzenWie ein Hotel. Scheint adelig zu sein mit einer Tradition von Bögen und Speeren. Bei den Germanen und Kelten heilig heißt sie Weltenbaum Yggdrasil und umspannt den ganzen Kosmos von den Göttern bis zur Unterwelt. In ihren Wurzeln sitzen drei Schicksalsgöttinnen. Nach der nordischen Mythologie sind aus einer Esche die ersten Menschen entstanden.

Was für ein Hintergrund.

Ihrer puren Erscheinung im Park merke ich den Stammbaum nicht an. Doch jetzt, mit botanisch historischem Hintergrundwissen wächst eine Ehrfurcht. Dazu kommt die bestürzende Lektüre des Buchs Die Intelligenz der Pflanzen, wärmstens empfohlen von Petra Wiemann und verschlungen in einer Nacht bis kurz vor die Dämmerung.

Was für ein Buch.

Darin steht die teilweise bewiesene These, „dass Pflanzen trotz ihrer (scheinbaren) Unbeweglichkeit über stupende Fähigkeiten verfügen, ja über Intelligenz.“ Ich habe es geahnt. Warum sonst durchströmen mich warme Wellen der Glückseligkeit, wenn ich in einer Wiese liege? Wenn mein Blick über den Teppich aus grünem Moos wandert? Wenn Dornen mir die Haut reißen weil ich unbeholfen durch das Unterholz krieche? Die Kultur nagelt mir Bretter vor den Kopf. Nicht aus Esche. Aus IKEAKiefer.

Was für ein Baum.

Wärmeliebender Pionierlaubbaum mit gutem Stockausschlagvermögen. In krautreichen Laubmischwäldern flussbegleitend in der feuchten Hartholzaue. Entlang kleiner Wasserläufe auf tiefgründigen frischen feinerde-, nährstoff- und basenreichen Lehm- und Tonböden humider Klimalagen. Menschen lieben ihn als Park- und Straßenbaum. Wenn sie ihn fällen, verarbeiten sie ihn zu Parkettböden und Sportgeräten, zum Beispiel Schlitten. Escheschlitten.

Thorbeckes Bäume Kalender 2015

Die Intelligenz der Pflanzen, Stefano Mancuso, Alessandra Viola, 2015

Lexikon der Baum- und Straucharten, 2011

addicted to Buschwindröschen

BKick1Es scheint als rauben mir die Wälder die Worte. Nicht nur den Atem, nein, ganze Sätze wischen sie weg. Wollen nur gesehen und bewundert werden, nicht beschrieben mit wohlüberlegten Wendungen. Also halte ich die Bilder fest, banal auf digital.

BKick7BKick5Dazu etwas Prosa aufs Auge: Die zarten Blüten der Buschwindröschen, die alle Böden bedecken wie frischer Schnee. Wie ihre Kelche im Wind zittern und ihr kaum wahrnehmbares Rosa verschütten. Wie sie anmutig unter den Baumriesen ihre Haltung bewahren. Ihre Beweglichkeit feiern mit hundertjährigen Stammgästen.

BKick3BKick6Sie besetzen meine Netzhaut, belagern meine Sinne für den einen Moment der Bewunderung. Seufzen könnte ich. Addicted bin ich. Alle Schatten auf der Seele blenden sie weg. Weiß. Anemone nemorosa und Anemone sylvestris.

Elisabeth, Moni- und Veronika

elsbeereIch und mein Pflanzenkalender.
Die Elsbeere ist mit der Mehl- und Vogelbeere verwandt. Das klingt wie: Die Elisabeth ist mit der Moni- und Veronika verwandt. Schlagen in die gleiche Art. Sind aus dem selben Holz geschnitzt. Das Holz der Elsbeere ist hart aber elastisch. Die Haut von Elisabeth ist zart aber plastisch. Die apfelähnlichen Früchte der Elsbeere sind gekocht oder in sehr reifem Zustand genießbar und bei Vögeln sehr beliebt. Aus ihnen kochen die Damen Schnäpse und Marmelade, die sie gut gelaunt genießen, auf den Schnaps fangen sie an, Lieder zu singen von Vögeln, die Elsbeeren futtern.

In der Pflanzenliteratur* werden die Pflanzen stark vermenschlicht beschrieben. Verwandtschaft. Gesellschaft. Treue. Kultur. Reich. Mega- und Mikro. Ein Beispiel für die Elsbeere (Sorbus torminalis): … eine der wenigen Sorbus-Arten, die nicht bastardiert. Also keine nichtehelichen Nachkommen. Das ist jetzt bei Elisabeth, Moni- und Veronika anders. Sie sind moderne Frauen mit Kindern aus nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Die Kinder werden zum Glück nicht mehr Bastarde genannt.

Während die Menschengesellschaft sich hierzulande in Bezug auf Begriffe liberal weiterentwickelt, bleibt die Pflanzen beschreibende Sprache im historischen Slang hängen: Die wurzelbrutbildende Halbschattenbaumart mit collin-submediterranem Optimum meidet feuchte Schattenlagen und geht nicht über 1.000 m. Liefert ein schweres, hartes und zähes Holz für Spezialzwecke.

Welche Spezialzwecke sind gemeint? Elsbeerenbaummöbel? Noch nie gehört. Musikinstrumente aus Elsbeerenholz? Hochelastische Prothesen für Menschenbeine? Whatever.

Elisabeth, Moni- und Veronika und die Kinder lieben die Berge. Vor allem die über 1.000 m, weil da gibt es mehr Felsen und Aussicht auf die leuchtend gelbe Elsbeerenherbstfärbung an den sonnigen Hängen. Die Kinder klettern auf die kalkigen Steine und wieder herunter. Die Frauen picknicken. Ihre Verwandtschaft ist eine gewählte. In ihren Augen spiegeln sich Aufrichtigkeit und Achtung vor der Aura der anderen. Außenstehende könnten sie leicht für Schwestern halten, so vertraut sind sie. Als wären sie zusammen aufgewachsen. Als wüchsen und stünden sie wie ein kleiner Hain aus Els-, Mehl- und Vogelbeere. Sie wachen mit aufmerksamem Blick über ihre Brut neeee, Kinder, damit sie sich nicht stoßen oder stürzen. Die Kinder sind wild. Haben noch keine festen Wurzeln. Wachsen noch eine Weile. Ihr Geist soll frei sein. Kein Einsatz für Spezialzwecke ist für die Kinder geplant. Sie sollen machen was und wo immer sie wollen. Elsewhere.

*Lexikon der Baum- und Straucharten, P. Schütt, H.J. Schuck, B. Stimm, 2011