Dilemma bzw. die Lämmer

Ich wohne zwischen dem Ufer des Flusses und dem Fuße des Berges. In dieser schmalen Zone. Der Boden steigt zuerst leicht an, dann wird er ein steiler Hang. Gerade stehen ist nicht vorgesehen. Auf der Wiese mit den Streuobstbäumen weiden Schafe trächtig mit Lämmern. Sie gucken blöd und blöken.Schaf8Schafe denken immer ich wolle ihnen was. Weit gefehlt. Wegen denen komme ich doch her. Das kapieren die nicht. Nur weil ich anders aussehe akzeptieren sie mich nicht. Oder sie sind wirklich klug und denken an das was Albert Einstein gesagt hat: Willst du ein ordentliches Mitglied der Schafherde sein, musst du vor allem eins sein: Ein Schaf. Okay, ich bin kein Schaf. Ich fühle mich nur verwandt. Das reicht aber nicht. Verdrängt von einer Mauer aus Misstrauen gehe ich zurück zum Fluss.

Am anderen Ufer steht Anna und winkt. Sie hüpft auf der Stelle. Ihr roter Mantel sendet rote Signale. An ihrem Hüpfen erkenne ich sie. Die Schiffe kümmert das nicht, mich schon. Würde sie rufen könnte ich nichts hören. Das Wasser ist still doch die Strömung dröhnt. Nonverbal können wir hier nicht kommunizieren. Das Netz geht nicht. Niemand kann Nachrichten senden. Wirklich. Seit Wochen schon. Annas Arm macht ausladende Andeutungen in Richtung Fähre. Heißt das sie setzt über oder soll ich? Würden wir weiter warten stünden wir noch eine Weile. Die Beherzte bin ich. Schon immer gewesen. Weil Stillstand nicht mein Ding ist. Bewegung ist meine Berufung. Das klingt gut, ist es aber nicht immer. Manchmal schieße ich am Ziel vorbei. Zuviel Fahrt weil ich bergab renne. Allein. Kurz vor dem Ufer bremse ich ab.

Auf dem Schiff schlottern mir die Knie. Der Wind ist kalt und stark. Anna wird größer und das Rot ihres Mantels reicht für uns beide. In ihrer Umarmung schwindet mein Schwarz. Ihre Lippen sind wie Purpur. Mein Schwarz, ihr Rot und das Weiß der ersten Blumen erinnern mich an Schneewittchen, Weiß wie Schnee, Rot wie Blut, Schwarz wie Ebenholz. Anna fängt an zu erzählen und in ihre Worte wärmen mich. Das mit dem Fluss ist ein Dilemma sagt sie. Ich stimme zu und umklammere dabei mein mobiles Endgerät, das nur noch Fotos und Filme trägt. Erinnerungen, die niemanden mehr erreichen, jedenfalls im Moment nicht. Das Ganze ist wie eine Endzeitübung. Am Ende wäre Anna auf der einen Seite und ich auf der anderen. Der Fluss ist breit und brutal. Die Möven kreischen ihr Geschrei.

Grünes Licht

glitzer3Schlossleuchten auf Schloss Drachenburg– so lautet der offizielle Titel der Lichtinstallation, die ab morgen an vier Wochenenden geschaltet ist. Hunderttausende von Lichtern, unzählige LEDs, riesige Projektoren erleuchten Bäume, Wege und Sträucher, aber vor allem die Architektur des Schlosses. Natürlich nicht nur Grün, sondern alle Farben des Spektrums kommen zum Einsatz. Das Schloss eignet sich sehr gut dafür, es sieht ja schon ohne bunte Scheinwerfer aus wie ein Hologramm direkt aus Disneyworld.

Lila und grün für den Nordturm, rot und pink für den Gotikbogen des Haupteingangs, Glitzer, Glimmer, Schimmer. Besondere Kontraste entstehen durch die harten Schatten im verschnörkelten Mauerwerk. Noch mehr als sonst steht hier ein Märchenschloss – und sieht aus  Heute Abend ist es noch ganz leer, morgen wird hier ein Rummel sein. Karneval ist ja auch schon ein paar Tage vorbei, da braucht die rheinische Feierlaune neues Feuer.

„Wir lieben Licht“

Die Event Firma World of Lights mit Wolfgang Flammersfeld und Reinhard Hartleif liebt Licht (der Slogan kommt mir irgendwie bekannt vor) hat schon viele eindrucksvolle Licht-Installationen realisiert. Ein ganzes Team von Lichttechnikern, Logistikern, Videoanimateuren, Metallbauern und Helfern hat gestern aufgebaut, installiert, getestet und vorgefühlt. Beim Arbeiten lief Musik. Das wird kein andächtiges Werk, schon zum Staunen, aber noch im Schunkelschwung von vor drei Tagen.

Gestern war Generalprobe – und das Probeleuchten war schon ziemlich eindrucksvoll. Ab morgen Abend leuchtet Schloss Drachenburg in allen Farben. Das sieht auch vom Tal gut aus, doch der steile Anstieg lohnt sich.

Die Zeit ist um

In meine Wanne steigt ein dicker Mann, sehr dick. Der Wasserspiegel steigt um mehrere Zentimeter. Ich lächle höflich und denke Mann ist der dick. Sein Körper verschwindet unter der Oberfläche. Sein großer gelockter Kopf hüpft wie ein Korken auf und ab. Dampf steigt auf. Dann spricht er zu mir. Er sagt nicht Hallo oder seinen Namen. Nein, er erzählt von seinem Krampf. Ein anhaltender Krampf in der Wade. So schlimm, dass er orthopädisch behandelt werden muss. Der Arzt hat ihm mehr Bewegung verordnet. Seitdem fährt er Rad, also E-Bike.

Ich tauche kurz unter, denn die Wanne ist ein Whirlpool im Freien und es ist Winter. Da wird der Kopf kalt. Das Wasser ist warm, aber der Kopf wird kalt. Der Pool ist direkt am Rhein, es tuckern Frachter vorbei. Meine Beine machen Schwimmbewegungen wie ein Frosch. Dabei schaue ich auf die Uhr. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Der Mann redet, ich strample. Er spricht von den Touren mit seinem E-Bike. Er fährt zum Beispiel mit der Bahn bis an die belgische Grenze und radelt dann durch das hügelige Land. Oder er fährt nach Aachen und von da nach Holland. Holland finden wir beide gut. Ich nicke stumm.

Rhein_10Von der Wanne haben wir Aussicht auf eine Burg über Bad Breisig. Diese Burg kenne ich nicht. Ich frage den Mann ob er weiß was mit der Burg ist. Er sagt, da wohnt ein amerikanischer Nerd, Computer und so. Echt? Ja, nicht Steve Jobs, RIP, aber auch ziemlich groß. Also ist die Burg in Privatbesitz. Jaja. Ich glaube ihm nicht. Wenn ich auf die Burg schaue, gucke ich immer gegen das Licht. Ich sehe nur die Silhouette.

Nach fünfzehn Minuten verabschiede ich mich. Sage ich wolle noch schwimmen. Aber ich will nur weg. Dieses Missverhältnis der Proportionen irritiert mich. Am Arm des Mannes ist mehr als an meinem Bein. Also mehr von Allem: Knochen, Gefäße, Fleisch, Haut, Haare. Mein Gehirn betont diese Dinge wie Dexter. Der diese Teile im Meer versenkt. In schwarzen Mülltüten. Weil es Morgen ist und weil die Sonne scheint fröstelt mich nicht. Meine Anteilnahme bei Dexter ist keine Opfersicht.

Mit kräftigen Zügen schwimme ich gegen meine Zickigkeit. In der Halle steht der Bademeister auf einem Bein und animiert mit lauter Stimme die Badenden, es ihm gleichzutun. Die Menschen fallen wie in Zeitlupe. Ich ziehe meine Bahnen und zähle die Minuten. Im Bad geht es immer um die Zeit. Ich bezahle die Zeit, die ich hier verbringe. Der Meister balanciert noch. Er folgt meinem vorbeischwimmenden Blick. Dann ist es vorbei. Die Zeit ist um.

Lumumb…ae

Lumumbae2Hier oben pfeift der Wind durch die Mauerlöcher. Durch die warmen Mäntel. Kühlt die Körper aus. Das weite Land ist Aussicht. Es streckt und dehnt sich, will nur Land sein. Hügel, Wald und Acker. Der Horizont ist stärker, er drängt die Erde nach unten, macht dem Himmel platz. Der Himmel ist eine große Herde Schafe mit dickem Fell. Dicht an dicht wehen sie weiter.

Anna hat blaue Ränder unter den Augen. Die Kälte lässt ihre Zähne klappern. Trotzdem ist sie gut gelaunt. Ihre Heiterkeit ist solide wie die Grundsteine dieser Burg. Alt. Fest. Haltbar. Sie zieht eine kleine silberne Flasche aus ihrer Tasche. Schraubt den Deckel auf. Hält sie mir hin. Trink. Ich frage nicht was drin ist. Es ist Wärme mit etwas Hitze. Sie bahnt sich einen Weg in meine Wangen.

Warum ist hier niemand? Es ist Wochenende und das Wetter ist schlecht. Wir wagen uns dennoch in diese Gegend, wägen die Gefahren leichtsinnig ab, Steine, Felsen, Stürze, Äste, die uns erschlagen. So abwegig ist das nicht. Wir wären nicht die ersten. Wollen sie auch nicht sein. So ein Ast fällt schnell auf den Weg. Also schauen wir nach oben in die Wipfel, wo sich die schwarze Rinde reibt. Sehen aus wie verbrannt. Kohlrabenschwarz wie die Krähen, die auf ihnen lauern und uns die Augen aushacken, wenn wir am Boden liegen.

Anna lacht. Du bist düster, sagt sie zu mir. Ich weiß. Muss meinen Geist mal einweihen, dass diese Grabesstimmung eine schlechte Gewohnheit meines Gehirns ist. Sobald es eine Schwäche findet verbündet es sich. Wir atmen die Gruftluft, huhu. Dumpf steigt sie aus dem Gemäuer. Was ist da unten, frage ich. Nichts, sagt Anna. Woher willst du das wissen? Ich weiß es. Ich muss das nicht vertiefen. Wir klettern über das Verboten-Vorsicht-Lebensgefahr-Schild und steigen die Steintreppe hoch. Oben tobt der Sturm. Keine Geländer, kaum was zum Festhalten. Die Wolken haben jetzt die Erde erreicht und rollen auf uns zu.

Lumumbae1Schnell weg hier. Wir wollen schließlich noch ins Einkehrhäuschen. Das ist so eine Art Truckstop mitten im Wald, also ohne Trucks, aber 24 Stunden offen. Dort gibt es Lumumba, also heiße Schokolade mit Sahne und Rum. Der Barmann wirft seine Tolle nach vorn und lächelt uns an während er die Drinks erhitzt. Er hat rote Bäckchen wie wir, weil er dauernd raus muss ins Zelt. Dort sitzen die, die keine Bänke an der Bar bekommen haben. Sie verpassen die Barman Rockabilly Show. Dressed in Black, Gitarren Country Sound aus den Boxen schüttelt er, schäumt und schwenkt. Rührt und serviert. Anna sagt das rockt und bestellt noch zwei Lumumb…ae. Danach gackern wir wie Wildgänse auf ihrem Weg nach Süden. Wir haken uns ein und lassen uns vom Gefälle ins Tal leiten. Es fängt an zu schneien.

Ein Schiff namens Silver

Auf meiner täglichen Tour am Rhein entlang kommt mir heute das Schiff Silver entgegen. Es liegt tief im braunen Hochwasser, blauer Bug silberne Schrift. Ein Blick und mein Gehirn denkt: You make my day. Ist zwar schon Nachmittag, aber egal, so wird er noch zum Sternchentag, dieser langweilige staubige Tag, an dem ich vor allem den Dreck wegwische, der aus den Wänden meiner Wohnung quillt.

silverAlles ist von einer feinen Schicht Steinstaub überzogen, ich atme ihn ein, ich esse ihn mit, ich fege ihn weg, ich spüle ihn ab. Aber er haftet wie ein Pflaster. Ist Materie aus altem Gemäuer. Wird jetzt zermahlen von Spezialwerkzeugen und auf mich gestreut. Ich werfe Wasser zurück. Die Handwerker sind freundlich und lachen über meine Manie. Überall hängen schwarze Filzlappen, die sollen den Staub schlucken. Tun sie aber nicht. Sie wehen im Durchzug und warten den Moment ab, in dem sich eine Tür öffnet, dann schütteln sie den Staub in den Raum. Wo ich stehe und huste.

Draußen ist es besser. Den Gedanken wieder rein zu müssen verkneife ich mir. Es stürmt. Dann kommt das Schiff Silver angefahren und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Anna sagt schreib mal alles Gute auf an einem Tag. Und das jeden Tag. Hat der Tag drei gute Sachen machst du ein Sternchen in den Kalender. Dann wirst du glücklich. Ich mache das seit gestern. Da bin ich noch ungeübt und erkenne das Gute nicht. Heute ist es schon besser. Der Wind ist gut, der Abstand von der Baustelle ist gut, das Schiff ist gut. Sternchen.

Wenn der Fluss so hoch ist versinkt das Ufer. Unrat wird angeschwemmt. So nennen es die Einheimischen. Man könnte auch Müll sagen. Aber das stimmt nicht. Das meiste ist Holz. Millionen von kleinen Stöckchen, manche geformt und verwaschen wie kleine Schlangen. Große Äste und ganze Baumstämme fließen mississippimäßig flussabwärts. Bleiben hängen und liegen. Wälzen sich im Schlamm. Teppiche aus Treibholz mit trügerischer Oberfläche. Sieht aus wie fest und ist es nicht. Aber Enten kommen durch, auch Kormorane. Meine Augen bleiben an ihren öligen Federn hängen. Ich mag diese Vögel nicht. Finde keinen Gefallen an ihrer Art plötzlich zu verschwinden und nicht zu wissen wo sie wieder auftauchen.

Das Schiff Silver ist außer Sicht. Ich glaube es hatte Sand geladen. Eine kleine Gebirgskette aus Sandbergen ist vorbeigezogen. Mein Gehirn schaltet auf Analogiemodus und sendet Staub. Erinnert mich daran was mich zu Hause erwartet. Ein neues Zimmer in zwei Wochen. Gut oder.