Zaunkönig

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Auf der Suche nach Stille schlagen wir uns durch das Unterholz. Auf diese Seite des Berges prallen alle Geräusche des Tals. Weil der Wind von Westen weht. Fast immer. Ein ständiges Rauschen und Rollen von Maschinen und Motoren. Über uns rotiert der Hubschrauber und nimmt uns ins Visier. So scheint es zumindest.

zaunkönig2Anna will ihre Ruhe, ich meinen Frieden. Wir würden beide wahrscheinlich an einem Ort finden, wäre er abgeschieden und weit weg. Also wandern wir weiter mit nassen Hosenbeinen die Obstwiesen hoch. Faule Äpfel hängen an den Bäumen. Die Erde haben Schweine aufgewühlt. Wir können sie riechen, nicht sehen, sie verkriechen sich. Wir wollen ihnen auch gar nicht begegnen, auch wenn wir einen Plan haben falls das geschieht. Regungslos erstarren wie ein Stamm. Nicht in die fiesen kleinen Augen gucken. Nicht zittern sondern sie so lange schnüffeln lassen bis sie genug haben. Das wird nicht einfach und da wir nicht wissen ob uns das gelingen wird, sind wir froh dass es nicht passiert.

zaunkönig1Endlich kommen wir auf den Kamm. Wir überqueren den Wall und lassen das Wabern hinter uns. Die Landschaft schirmt den Lärm ab. Leider ist hier nur Wald und Schatten, keine Lichtung. Aber für den Anfang gibt es Ruhe. Nur das Rascheln der Haselmaus, das Flüstern des Laubs und das Zwitschern der Zaunkönige. Beim Betrachten dieser kleinen Flieger finde ich dann auch meinen Frieden. Anna breitet die Decke aus. Komm, sagt sie.

Beerenhunger

Ich sage zu Anna den Regen finde ich nicht schlimm, er lässt die Bäche sprudeln und die Blätter glänzen. 

Anna nickt. Auf der Obstwiese pflücken wir Pflaumen, die sind so reif, dass sie schon von weitem duften. Unter der Glocke aus reifen Früchten hören wir die Tropfen aufschlagen wie kleine Steinchen auf Dachpappe, dumpf. Sie perlen grün auf die Wiese. Tak tak tak.

Die süße Schwere klebt an unseren Fingern, unsere Lippen von honigfarbenem Saft benetzt. Ist das Naturkosmetik fragt Anna vergnügt. Die Wespen summen, der Schimmel scheint sich vor unseren Augen zu feinen Netzkostümen zu verästeln. Weiße Muster auf dunkellila Zwetschgenhaut. Niemand ist hier für die Ernte. Im Frühjahr blühen die Bäume, dann kommen die Bienen und nun hängt das Obst blau bis zum Gras. Keinen kümmert es. Außer uns natürlich und die anderen heimlichen Besucherinnen, von denen wir nichts wissen, aber ihre Spuren auf dem Boden sehen. Sie sind zu anderen Zeiten hier als wir. Mit geblähten Bäuchen machen wir uns auf den Weg, sehen die kleinen wilden Erdbeeren am Ufer und lassen sie stehen.

Du kleines Ding

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Anna und ich gehen zum Garten der Schmetterlinge Schloss Sayn. Die Schmetterlinge werden in einem Glashaus gehalten, die tropischen Temperaturen darin entsprechen ihrer Art. Jedes Jahr werden 700 neue Schmetterlingsarten entdeckt. Anna kann das kaum glauben, aber es steht auf der Tafel der Fürstenfamilie Sayn-Wittgenstein-Sayn.

nymphe1„Der Wiederaufbau von Schloss und Burg Sayn und die Erschließung des Besitzes für den Fremdenverkehr stehen im Vordergrund der Bemühungen von Fürst Alexander und Fürstin Gabriela, einer Gräfin von Schönborn-Wiesentheid.“ Die kleinen Brücken im Garten der Schmetterlinge sind nach ihren sieben Kindern benannt: den Prinzessinnen Filippa, Alexandra, Sofia und den Prinzen Louis, Heinrich, Casimir und Christian Peter. Die Geschichte der Fürstenfamilie fasziniert Anna mehr als die Schmetterlinge. Außerdem ist es sehr laut im Glashaus. Nicht vom Flattern der Viecher, die hier zu Tausenden ihre engen Runden drehen, sondern vom Geschrei der Touristen. Anna sagt wäre ich ein Schmetterling wäre ich schon lange durchgedreht.

Auf der Fürstlichen Schlossterrasse, wo schon vor 150 Jahren Kaiser und Königinnen zu Gast waren, trinken wir mit Aussicht auf den Fürstlichen Schlosspark Kaffee. Leider sind wir nicht vorangemeldet und so entgeht uns eine Führung durch die Fürstlichen Salons mit „außergewöhnlichen Gemälden und prächtiger Ausstattung.“ Anna schmollt. Sie wirft einen Blick in die Fürstliche Speisekarte. Dort stehen tatsächlich Farfalle drauf. Eine Fürstliche Küche mit Humor. Das gefällt uns.

Wir schmökern noch ein wenig in der Fürstlichen Familiengeschichte und bewundern die Fotos, meistens von Festen, auf denen die Kinder andere Prinzen, Grafen und Fürstinnen heiraten. Es gibt auch tragische Geschichten wie die von Fürstin Filippa, die wie Fürstin Grazia als junge Frau tödlich bei einem Autounfall verunglückte. Was für ein Schicksalsschlag. Anna wischt sich eine Träne aus den Augen und sieht mich glücklich an. Große Gefühle.

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Fotos Schmetterlinge: Weiße Baumnymphe (Idea leuconoe) ist ein großer weißer Schmetterling aus der Familie der Edelfalter.

Schwebe-Baldrian

Baldrianstängel mit Blüte. 

 Das Arboretum Park Härle in Oberkassel bei Bonn “vereinigt umfangreiche Pflanzensammlungen der Gattungen Wacholder (Juniperus), Scheinzypresse (Chamaecyparis), Eibe (Taxus), Lebensbaum (Thuja) mit Rosen und wertvollen Solitärpflanzen besonders seltender Gehölze wie z.B. Spießtanne (Cunninghamia lanceolata), Zimt-Ahorn (Acer griseum), Küstenmammutbaum (Sequoia smpervirens), Spanische Tanne (Acer pinsapo `Glauca´) und Buntblättrigem Pagoden-Hartriegel (Cornus controversa `Variegata´)”.
(… aus dem aktuellen Parkflyer)

wild ist relativ

Ich stehe auf wild. Bei Menschen und in der Natur. Auch in der Kombination. Wirklich definiert ist wild in Bezug auf Natur, da haben sich schon Viele Gedanken gemacht. Zum Beispiel die IUCN (Internationale Naturschutzorganisation der UNESCO).

wild1Sie sagt unter Wildnis werden Flächen verstanden, die ein ursprüngliches und nicht verändertes Gebiet umfassen, das diesen Charakter über eine ungestörte Lebensraumdynamik bewahren soll. Das Gebiet darf keine ständigen Siedlungen und sonstige Infrastrukturen aufweisen und sein Management darf ausschließlich dazu dienen, diesen ursprünglichen Charakter zu erhalten. Damit werden auch Eingriffe wegen wissenschaftlicher Forschungsarbeiten sowie eine touristische oder Erholungsnutzung ausgeschlossen.

Ich liebe diese nüchterne Definition und wende es mal kurz auf Menschen an…. verkürze auf… ursprünglichen Charakter… der ist selten, der ist besonders, der ist fast nicht existent und entfaltet eine besondere Anziehungskraft (auf mich). Mir ist klar: wild ist relativ und manche finden wild barbarisch und chaotisch. Ich nicht. Mir geht kultiviert auf die Nerven, wäre ich ein Mann würde ich sagen auf den Sack. Sorry.

Ich lebe in einer Kulturlandschaft. Das Siebengebirge ist schon seit der Römerzeit nicht mehr wild. Es gibt aber mittlerweile eine Naturwaldzelle und ein paar ungestörte FFH-Waldformationen (Flora-Fauna-Habitat), die kenne ich natürlich. Vor einigen Jahren ist eine Initiative gescheitert, das Siebengebirge zu einem Nationalpark zu machen. Die Menschen mit den gepflegten Gärten und einer trügerischen Zivilisation haben Angst vor der Wildnis, die sich ausbreiten könnte. Naturpark reicht doch. Wozu etwas wieder herstellen, was es seit Hunderten von Jahren schon nicht mehr gibt? Wer weiß wozu das führt. Womöglich kommen dann wieder Wölfe. Das wäre wirklich wild.