Die Königin der Ananas ist ein Apfel

Ananasrenette historische Zeichnung und Querschnitt

Im Raum rieche ich Ananas. Habe keine gekauft schnelldenkt mein Hirn. Der Blick fällt auf das Fallobst. Eine Schale mit goldgelben Äpfeln steht auf dem Tisch. Der Duft kommt von dort. Selten habe ich eine Ananas so intensiv gerochen wie diese Äpfel. Ich nehme die Schale und trage sie durchs Haus wie eine Kostbarkeit. Danach duften sie immer noch.

Wäre ich früher geboren, wäre ich entzückt. Die kleinen Äpfelchen, kaum größer als eine Kinderfaust, muten an wie eine seltene Art der Begegnung. Begleitet von einem Lächeln im Gesicht. Ich lese sie aus dem hohen Gras und probiere zum Spaß einen winzigen Biss. Meine Geschmacksknospen erwachen aus ihrer Genügsamkeit und senden wilde Signale: Aroma-Alarm! Fruchtig. Süßsauer. Dicht. Knackig. Edel. Ein klitzekleiner Apfel mit einer Konzentration an Aroma, dass es mir vorkommt, als wäre jeder Apfel davor nur ein Schatten seiner Art.

Nein, sie schmecken nicht wie Ananas, sie duften nur so. Da hat jemand die Äpfel erst mit nach Hause genommen, sie ins Warme gelegt und sie dann Ananasrenetten genannt. Hat sie dann zu einem guten Wirtschaftsapfel gezüchtet und sie ins Rheinland verfrachtet, wo ich sie im 21. Jahrhundert zum ersten Mal rieche. Rein optisch würden sie im Supermarkt nicht einmal als Apfel durchgehen. Die Kühlung würde außerdem den Duft unterbinden.

Pomona, die Göttin der Gartenfrüchte, hat sich einen dezenten Scherz erlaubt. Sie hat in den Obstkorb der nördlichen Hemisphäre eine olfaktorische Sehnsucht nach dem Süden geschmuggelt. Der Ananasrenettenbaum ist wie seine Früchte eine zierliche Erscheinung, unscheinbar. Wer sie einmal kostet, wird sie nie wieder vergessen, weil dieses Geruchs- und Geschmackserlebnis eine Schneise ins Gehirn brennt.

Alle Apfelexperten lachen jetzt. Sie umgeben sich wahrscheinlich seit Jahren mit dieser wunderbaren Frucht und ihre Häuser duften im Herbst nach Ananas, dass es eine Freude ist.

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Zaunkönig

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Auf der Suche nach Stille schlagen wir uns durch das Unterholz. Auf diese Seite des Berges prallen alle Geräusche des Tals. Weil der Wind von Westen weht. Fast immer. Ein ständiges Rauschen und Rollen von Maschinen und Motoren. Über uns rotiert der Hubschrauber und nimmt uns ins Visier. So scheint es zumindest.

zaunkönig2Anna will ihre Ruhe, ich meinen Frieden. Wir würden beide wahrscheinlich an einem Ort finden, wäre er abgeschieden und weit weg. Also wandern wir weiter mit nassen Hosenbeinen die Obstwiesen hoch. Faule Äpfel hängen an den Bäumen. Die Erde haben Schweine aufgewühlt. Wir können sie riechen, nicht sehen, sie verkriechen sich. Wir wollen ihnen auch gar nicht begegnen, auch wenn wir einen Plan haben falls das geschieht. Regungslos erstarren wie ein Stamm. Nicht in die fiesen kleinen Augen gucken. Nicht zittern sondern sie so lange schnüffeln lassen bis sie genug haben. Das wird nicht einfach und da wir nicht wissen ob uns das gelingen wird, sind wir froh dass es nicht passiert.

zaunkönig1Endlich kommen wir auf den Kamm. Wir überqueren den Wall und lassen das Wabern hinter uns. Die Landschaft schirmt den Lärm ab. Leider ist hier nur Wald und Schatten, keine Lichtung. Aber für den Anfang gibt es Ruhe. Nur das Rascheln der Haselmaus, das Flüstern des Laubs und das Zwitschern der Zaunkönige. Beim Betrachten dieser kleinen Flieger finde ich dann auch meinen Frieden. Anna breitet die Decke aus. Komm, sagt sie.