weiß ist unbunt

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Ich stehe in einer Schneelandschaft und schreie: „Jetzt wird es mir aber zu bunt!“ Ich soll Erhabenheit spüren, Reinheit, Einfachheit, Frieden. Deshalb haben sie mich auf die verschneite Wiese gestellt. „Stell dich da hin und fühle den Frieden.“ Alles, was ich merke, ist, wie mir die Kälte an den Strumpfhosen hochkriecht. Vom gefrorenen Boden schlängeln sich eisige Kristalle wie Kraken in der Antarktis.

Ja, es gibt Kraken unter dem ewigen Eis. Ein typischer Name: Ewiges Eis. Das weiß doch keiner und behauptet es trotzdem. So wie es im Moment aussieht, dauert die Ewigkeit nicht mehr lange.

Zurück auf die Wiese. Meine Familie meint, ich soll doch mal abkühlen. Im Sommer hätten sie mich in einen See geschmissen. Im Januar stellen sie mich auf das harte Gras und gucken, ob ich Dampf ablasse. Sie finden, ich bin zu aufgeblasen. Zu heißblütig. Sie haben eine Vorliebe für symbolische Akte. Nicht lange diskutieren, sondern einfach tun. Und schauen, was rauskommt.

Außer, dass mir kalt ist, blendet mich das Weiß der Wiese. Beeindruckende Farbe, denke ich und prompt widerspricht mein Gehirn: Weiß ist keine Farbe! Weiß ist eine physiologische Wahrnehmung, wenn alle einstrahlenden Wellenlängen des Lichts zu 100 Prozent reflektiert und dann noch gleichmäßig gestreut werden. Blöde Besserwisserin. Aber das passiert hier gerade. Meine Zapfen erstarren zu Eiszapfen. Mit weit aufgerissenen Augen stehe ich da und sterbe langsam. „Ich sehe das Weiße in deinen Augen“, macht sich ein Familienmitglied lustig.

Letztlich haben sie Erbarmen. Verwechseln Weiß mit Weisheit und lassen mich gehen. Ich könnte jetzt vor Wut den Kreidekalk von den Felsen kratzen und Wandgemälde malen: Fratzen mit großen Mündern und unregelmäßigen weißen Zähnen. Meine Familie. Zuhause liegt ein weißes Tischtuch auf dem Tisch. Es gibt Titanentortellini mit Sahnesoße. Was für eine Übertreibung. Da ich nur äußerlich abgekühlt bin, schmieren sie mich zum Schluss mit Zink ein. Eine weiße Frau, die stets das Gute will und immer das Böse schafft. Skinny white bitch, sagt mein Gehirn. Wir lachen. Die Familie lacht mit.

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Kleine Eiszeit

zwerg-im-schnee

Alles ist weiß. Schnee und klirrende Kälte. Eine Wand aus Glas der Wind. Gut, dass ich lache, wenn mir das Gesicht gefriert. Eine grinsende Maske aus blauer Haut und roter Nase. So sehe ich aus, die anderen auch. Sie schieben sich in ihren Polkappen schief gegen das Wetter. Manche haben nur kleine Atemlöcher. Wie die Robben im Eismeer schnaufen sie Wärme in die Luft. Auf die Robbe wartet der Bär, mit blutigen Zähnen und schmutzigem Fell. Auf uns wartet niemand, nur schlechte Nachrichten aus der neuen Welt.

Das Kalte ist Atmosphäre. Ein Frösteln, wenn ich in den Raum gehe und die Feindseligkeit spüre. Der Raum kann einfach alles. Von jetzt auf gleich kalt sein. Warm. Traurig. Ausgelassen. Kippt die Stimmung auf die Atmosphäre, werden ganze Geselligkeiten verschüttet. Wie eine Lawine rollt die Kälte über die Leute. Knallt sie auf die Kanten der Stühle. Sie schreien nicht, weil ihnen die Kälte die Stimme wegschneidet.

Die Kälte ist gegenseitig, aber jeder ist sein eigener Körper. Jede ist ihr eigener Körper. In der Kälte ist mein Körper sicher vor der Kälte der anderen. Wir können uns nicht riechen. Geruch und Duft haben nichts zu suchen. Das Blut gefriert in den Adern. Kristallines Knacken und Knistern. Das liegt an der Angst. Kaltblütigkeit ist im Ausverkauf.

Eisschollen treiben auf dem Fluss und frostige Krusten krallen sich am Ufer fest. Die Sonne schickt Sorglosigkeit, die Heuchlerin. Den Blick auf die Prismen geheftet könnte ich festfrieren. Von den Sirenen des Regenbogens ins eisige Grab geschickt. Also lieber Scholle sein. Treiben und in der Bewegung Befriedigung finden. Ständig diese Grenzwerte. Wenn, dann. Wenn nicht, dann. Wenn ich jetzt nicht meine Füße bewege, werde ich hier einfrieren.

Der Schnee schmilzt nicht. Er bleibt für immer liegen. Die Kälte schneidet die Sonne weg. Schickt sie mit den Strahlen auf geradem Weg zurück ins All. Soll das All sich laben. Je länger der Schnee liegt, desto kälter wird es. Noch eine kleine Eiszeit, bevor es richtig warm wird. Bevor mich die Hitze wahnsinnig macht und ich mit Hingabe Kühlung suche.