Blauschwarz

Meine, deine und ihre Sicht, meine und ihre aus deiner Sicht, ihre und deine aus meiner Sicht, unsere aus meiner Sicht, unsere aus deiner Sicht und unsere aus der Sicht einer oder mehrerer anderer…

Pferd und Reiter schwarze Silhouette

Wir sitzen viel in der Garage herum, mein Freund, der Ex-Banker und ich. Manchmal gesellt sich kurz seine Frau dazu, um sich zu versichern, dass ich keine Gefahr für ihre Ehe bin. Sie sagt das ganz offen und zum Glück ist ihr Humor dabei, sonst müsste ich mich rechtfertigen, wo es nichts zu rechtfertigen gibt. Ich will ja keine Ehe, schon gar nicht mit ihm. Er will auch keine Ehe mit mir. Meine Güte, was für eine absurde Vorstellung. Wir wollen einfach nur in der Garage sitzen und Zeit zusammen verbringen. Reden, trinken und schweigen. Wenn das eine Ehe gefährdet, dann weiß ich auch nicht.

Das Einzige, was seine Ehe gefährden könnte, sind seine Haare. Wie sie schwarzglänzend über seine Schultern fließen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Haare ein Scheidungsgrund sind. Vielleicht denkt das auch seine Frau. Sie hat darüber nie gesprochen und mit mir schon gar nicht, aber vielleicht liebt sie seine Haare mehr als alles andere. Also nicht die Haare an sich, aber ihren Anblick und die Anmutung von Seide. Sie darf als Ehefrau ja wahrscheinlich auch mit dem Handrücken über das Haar streichen und seine Wärme spüren. Ob sie das macht, weiß ich nicht. Ich mache es nicht, weil es mir nicht so wichtig ist. Ich stelle mir vor, wie sie es macht und das reicht.

Ich stelle mir auch vor, wie sie sich vorstellt, wie sein Verhältnis zu mir ist. Wie sie Indikatoren und deren Ausprägung auf einer Skala von 1 bis 5 aufstellt. Wie sie zum Beispiel die Menge an Zeit, die wir miteinander in der Garage verbringen zu der Menge an Zeit ins Verhältnis setzt, die sie mit ihm im Wohnzimmer zusammen sitzt. Sie kann das nur quantitativ und ärgert sich darüber, dass sie keine qualitativen Aussagen ableiten kann. Sie könnte behaupten, dass aus soundsoviel Minuten mehr Zeit mit mir in der Garage mehr Beziehungsqualität wächst als ihre gemeinsame Zeit im ehelichen Schlafzimmer, doch dann würde sie sich selbst demontieren. Außerdem wäre der Vergleich von Garage und Schlafzimmer nicht adäquat und das würde sie wissen, wenn sie ehrlich zu sich wäre.

Wenn sie also ihre Blitzbesuche in der Garage macht, dann lade ich sie immer zu einem Bier aus ihrem eigenen Kühlschrank ein. Das würde ich ihr holen, während sie sich zu ihrem Mann, meinem Freund und Ex-Banker auf die Regentonne setzt.

Sie würde dann dort seine Sprüche hören, zum Beispiel wie er Goethe im Götz von Berlichingen zitiert: „Ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen überall durch.“ Sie würde sehen, wie er und ich uns auf die (jeweils eigenen) Schenkel klopfen und würde sich wundern, was daran so witzig wäre und wenn sie nicht auch Vergnügen daran hätte, dann würde ihr Blick zwischen mir und ihm in einer Weise hin und her wandern, in die mindestens ein kleiner Tadel verfangen könnte: bitte nicht ganz so viel ausgelassene Vertrautheit in meiner Anwesenheit.

Ich denke, so ein Scheiß, weil eigentlich wollen wir mit dem Spruch frei assoziieren und gucken, was wir daraus an Mehrwert gewinnen. Der Spruch hat viel Potential. Und ist von Goethe. Was denkt er? Als Ex-Banker zieht er eine Bilanz, oder? Wägt Augenblicke ab. Für ihn lohnen sich beide. Die mit mir und die mit ihr. „Doch der den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann.“ Goethe, Faust.

Ein gutes Zitat. Er macht sich keine Gedanken um nicht ausgesprochene Hirngespinste. Lässt sie in den Köpfen wüten, bis ihnen die Luft ausgeht und sie selbst wieder zur Ruhe kommen. Gäbe er ihr zu viel Raum „O, unermessner Raum des Weiberwillens!“ Shakespeare, König Lear, würde er eventuell die Garage verlieren, sein kleines Universum des Sprüche- und auf die Schenkel-Klopfens.

Ein Sonnenstrahl stiehlt sich durch das winzige Fenster und verfängt sich im Blauschwarz seiner Haare. Es ist Zeit für mich zu gehen.

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Einsicht ins Mich

 

Auch wenn ich mich über die Nominierung von fuerhilde sehr freue und fürs hier und jetzt auch Antworten geschrieben habe weil ich auch gerne gelesen habe was sie geschrieben hat, sträubt sich in mir der Gedanke an die Kette. Auch kommt es mir vor, als wären fast alle um mich herum schon nominiert und ich wüsste gar nicht mehr wen ich für den Award nennen sollte… Obwohl ich zugeben muss, dass ich einige neue mir unbekannte schöne Texte gelesen habe… danke trotzdem.

Will auch die Regeln nicht verschweigen: Es geht darum weniger bekannte Blogs vorzustellen und miteinander zu verlinken.

verlinke die Person, die Dich nominiert hat
beantworte die 11 an Dich gestellten Fragen
denke Dir selbst 11 Fragen aus
nominiere 5-11 Blogs, die weniger als 200 Follower haben
die Nominierten müssen über die Nominierungen informiert werden

Wie viel Platz hat das Bloggen in deinem Alltag?

Ich schreibe alles auf. Um mich herum liegen Zettel, auf die ich Dinge schreibe, die ich nicht vergessen möchte. Also relativ ungeordnet und ich schreibe dann BLOG dazu, wenn ich meine, das ich darüber mal schreiben will. Der Alltag ist die Essenz für den Blog, das Aufblasen und Dehnen von Bemerkungen, von Berichterstattung im Radio, von Blicken aus dem Fenster, wenn die Nachbarin wieder die Schirme aufspannt, um ihre Pflanzen vor dem Regen zu schützen. Also ist auch Bloggen Alltag, es gehört dazu wie Geschirrspülen und den Staub wegwischen. Die Entropie der Wörter und der Eindrücke aufhalten und sie in eine vertraute Form packen. Den Blog.

Wie viele deiner Verwandten, Bekannten und Freunde setzen sich mit deinem Schreiben auseinander?

Nur ein paar. Sie lesen. Auseinandersetzen tun sich nur einige wenige. Vielleicht verstehen sie nicht was das ist, Bloggen. Mein Bloggen. Meine Mischung aus Wahrheit und Dichtung. Meine Bilder zu weit weg. Zu erklärungsbedüftig oder absurd. Übertrieben. Nur wenige haben wie ich auch immer geschrieben. Oder auch immer gelesen. Verstanden. Nicht zu vergessen die Passiven, die weder das eine noch das andere tun. Und diejenigen, die keine Zeit haben. So viele haben keine Zeit für so etwas wie Blog lesen oder verstehen. Sie fragen mich woher ich die Zeit nehme „auch noch zu bloggen“ und „wofür eigentlich?“

Wohin gehst du, wenn du traurig bist?

In den Wald. Im Wald wird Größe relativ. Auch die Größe der Trauer. An den Rhein. Ich weine in das Wasser. Es trägt die Trauer fort. Ich brauche diesen ritualhaften Symbolismus. Bin im Innern pathetisch und Drama.

Wann ist die beste Zeit zum Schreiben?

Ich schreibe immer. Es gibt nicht die ideale Zeit. Ideal ist der Zustand genau dann schreiben zu können wenn mir etwas einfällt. Wenn plötzlich ein Gedanke im Kopf erscheint, der formuliert werden will. Oder wenn sich ein Gefühl einschleicht, das exakt beschrieben werden will. Bis es auseinanderfällt. Die Suche nach den richtigen Worten ist wie ein Abtauchen in eine zeitlose Zone. Bin schon oft wieder daraus aufgetaucht und habe mich gewundert, wie viel Zeit vergangen ist. Kostbare Zeit, sinnvoll verbracht, haha.

Wann hast du angefangen zu schreiben?

Mit 12. In einem Dänemark-Urlaub, als ein Cousin mich dauernd geärgert hat und ich mich präpubertistisch darüber aufgeregt habe. Danach habe ich nie wieder aufgehört. Vor einigen Jahren habe ich meine frühen Tagebücher verbrannt, nachdem ich sie vorher zu einer Geschichte zusammengeschrieben habe. Das könnte ich eigentlich mal wieder tun. Es ist schon wieder soviel Zeit vergangen.

Welche ist deine Lieblingsjahreszeit?

Frühling. Alles wächst, sprießt, drängt sich in den Vordergrund. Ich mag Blender, vor allem bei Pflanzen. Die an Kraft zunehmende Sonne. Die sich erwärmende Erde. Das zarte Grün.

Wirst du irgendwann aufhören zu schreiben?

Ich glaube nicht. Habe es nicht vor. Ich werde schreiben bis ich umfalle. Noch beim Umfallen in die Luft schreiben und mit dem letzten Atemzug Buchstaben in die Erde kratzen.

In welcher Stadt fühlst du dich am wohlsten?

Königswinter und Berlin. Klein und groß. Königswinter etwas lieber, weil kleiner. Berlin intensiver für zwischenmenschliche Gefühle, Abenteuer, Auseinandersetzungen. Am wohlsten fühle ich mich aber außerhalb der Stadt, im Wald, in der Landschaft, am Rhein. Ich bin am liebsten so oft wie möglich draußen.

Was liefert dir die Rohstoffe aus denen am Ende ein Text entsteht?

Der Alltag. Mein dramatisches Innenleben, von dem ich mich manchmal wundere, warum es so wuchtig ist. Warum es in mir wühlt. Warum mir mein Gehirn so oft etwas vormacht. Projektionen. Fantasie. Möglichkeiten. Abenteuer. Grenzerfahrungen. Jedes kleine Ereignis kann ganz groß und mächtig werden. Insofern leitet mich nicht ein bestimmtes Thema, sondern eine Vielfalt von wechselnden Empfindungen und Erlebnisse, die mein tägliches Leben ausmachen.