Zeitfenster

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Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht (Schiller, Wilhelm Tell)

Hätte ich ihr bloß nicht mein Herz ausgeschüttet. Nicht geredet wie ein Wasserfall und mich von sanften braunen Augen in Sicherheit wiegen lassen. Das war ein Fehler. Falsches Thema, falsche Person, falsche Umgebung. Die ganze Konstellation ist am Kippen.

Konstellationen neigen dazu, zu zerfallen. Sie sind zerbrechliche Zustände, Zeitfenster. So ein Zeitfenster ist eine Gelegenheit zum Nichtstun. Meistens tue ich nicht nichts, sondern viel zu viel für so ein relativ kleines Fenster. So wie ich zu viel Wäsche in die Maschine stopfe, baue ich komplexe Konstellationen auf. Aus Worthülsen, Satzfetzen, Sprachstilen und rhetorischen Figuren. Viel zu viel Zeug. So eine Konstellation ist kaum zu ertragen. Sie tut so, als wäre sie manifest, dabei ist sie nur auf Sand gebaut. Stürzt schnell zusammen. Konstellationen sind keine auf Dauer errichteten Konstruktionen.

Bedauern quillt wie Brei in mein Bewusstsein. Erste Beschwerden über die brutale Wortwahl. Zurücknehmen geht nicht, Bedauern schon. Bedauern hat eine Komponente der Gemeinsamkeit und ist in der Lage, eine alte Konstellation mit einer neuen zu ersetzen. Bedauern begünstigt die Leichtbauweise der Lebenslustigen. Sich von deren Lust und Laune leiten zu lassen – und Luftschlösser zu bauen.

Am Ende fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe es nur ausgeschüttet, nicht verloren. Gebrochen ist es auch nicht. Es schlägt mir bis zum Hals. Hätte mich diese miese kleine Konstellation in die Klinik gebracht, so stünde auf meinem Krankenblatt: Beim Sturz aus dem Zeitfenster mit einem blauen Auge davongekommen.