Silberblick

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Dies ist eine Geschichte aus dem Schwarzwald. Genauer gesagt vom Rande des Schwarzwalds, dort, wo die lichten Weinberge an dunkle Wälder grenzen, die bei entsprechendem Lichteinfall schwarz und undurchdringlich wirken. Die Höfe unserer Familien liegen nicht weit auseinander und da es auf beiden einige Töchter gibt, bin ich mit einer von ihnen befreundet. Franziska, die ich niemals Sissi nenne wie ihre Schwestern, sondern bis heute Franziska. Sie hat dichtes rotes Haar und allein diese Tatsache macht mich zur treuesten Freundin aller Zeiten.

Während mein Vater in den Bergwerken nach Erzen und Salz gräbt, baut Franziskas Vater Kachelöfen. Weit über Freiburg hinaus und nach Süden bis Basel reichen seine Aufträge. In der Stube von Franziskas Familie steht ein prächtig gekachelter Ofen, den alle nur Kunst nennen – eigentlich Kunscht, um präzise zu sein. In Fachkreisen heißen die Öfen Kunscht oder auch Chunscht, auch wenn in Wikipedia steht, dass nur die „unabhängig beheizte Bank“ so heißt. Aber unabhängig von diesem traditionshandwerklichen Detail ist diese warme Bank der Blockbuster in unseren einst fernsehfreien Tagen.

Manchmal ist die Kunst zu heiß, um länger als eine Minute still auf ihr zu sitzen und dann kommen die flachen selbstgenähten Kissen zum Einsatz. Sie sind mit Kirschkernen der Kirschen gefüllt, die wir im Sommer direkt vom Baum gespuckt haben. Das trockene Rascheln der Kerne fühlt sich komisch an. Komisch wie in Kichern. Zusammen mit Franziska und mir sind wir sieben Mädchen. Das bedeutet eine Menge Kichern. Auf der Kunst haben auf zwei Ebenen neun Leute Platz. Oben sitzen mit angewinkelten Beinen die Kinder; unten sitzen die Erwachsenen. Aber nur an Feiertagen ist die Kunst voll besetzt.

Franziskas Mutter bringt am Nachmittag einen großen Teller mit Marmeladebrötchenhälften. Dieser Moment brennt sich in mein Gedächtnis. Außer, dass ich dies als unglaublichen Luxus empfinde, bleiben in meiner Erinnerung ihre roten Haare, ihre weiße Haut und ihr bezaubender Silberblick, der sie selbst unsicher und distanziert macht. Für mich sieht sie aus wie ein Filmstar. Trotz der vielen Arbeit auf dem Hof strahlt sie eine gewisse Vornehmheit aus. Poltert Franziskas Vater nach einem langen Tag in die Stube, wischt sie die Kinder wie Staubkörner von der Ofenbank. Der Vater setzt sich auf die Kunst und sie zieht ihm die derben Schuhe aus. Er breitet seine Arme aus und betrachtet müde sein gekacheltes Werk.

„Die heutigen Kachelkünste haben sich vom Kachelofen gelöst und bilden eigenständige Heizsysteme, die sehr effizient sind, da sie die Funktion Kochen mit der Funktion Heizen verbinden, und sind vor allem in der Schweiz und im südlichen Baden-Württemberg sehr beliebt.“
Wikipedia

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7 thoughts on “Silberblick

  1. Liebe Peggi,
    da löst du auch bei mir Kindheitserinnerungen aus, denn meine Großeltern hatten noch solch einen besonderen (Kunscht) Kachelofen.
    Ich weiß noch genau, wehe es hat sich jemand an Opas Platz gesetzt, da genügte allein der Blick und husch, war er frei ;)
    So etwas Feines sieht man heute nur noch selten und teuer sind die auch geworden, gegenüber den früheren Zeiten.

    Einen lieben Gruß in die Weihnachtswoche,
    und ein Frohes Fest,
    Uschi

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    • Schön, diese Erinnerungen, vielen Dank liebe Uschi. In der Schweiz gibt es auch in den modernen Häusern noch viele Kachelöfen, aber bei uns scheinen sie langsam auszusterben, schade. Liebe Grüße, Peggi

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