Fremder Schmerz

Anna und ich

Nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Träne, und jeder weint eigentlich für sich selbst.
Heinrich Heine

“Schau dir dieses Bild an. Ich mag es in diesem Licht.”
“Ich weiß nicht …. mir kommt es brutal vor.”
“Brutal? Hm, vielleicht, aber auch anziehend.”
“Da scheint mir eine Menge Schmerz im Spiel zu sein.”
“Ja, brennender Schmerz…”
„Fremder Schmerz geht nicht ans Herz.“
„Was ist das? Eine Bauernregel gegen Empathie?“
„Es ist ein Sprichwort, das ich aus meiner Sprichwortsammlung kenne.“
„Shakespeare sagt auch so etwas Ähnliches: „Jeder kann den Schmerz bemeistern, nur der nicht, der ihn fühlt“.“
„Seltsam. Beides kommt mir fremd vor. Dein Schmerz, meine Liebe, scheint wie ein Echo auch bei mir zu wirken.“
„Vielleicht weil wir verbunden sind.“
„Aber auch der Schmerz in diesem Bild löst Rührung und Mitgefühl in mir aus.“

„Was nicht mehr Schmerz wäre…“
„…. sondern die Erinnerung an etwas, wovon ich glaube, es so schon empfunden zu haben.“

„Sicher kannst du da nie sein.“
„Nein, aber es geht um die Annäherung, nicht wahr? Der Versuch erzeugt Wärme.“
„Womit wir wieder bei diesem Bild wären … brennender Schmerz.“

Champagner mit Judith Butler

Die Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit

Judith Butler live in Köln, das ist ein Fest für mich und meine Freundinnen Anna, Micha und Andi. Mit Hingabe, Lust und Laune wuchten wir unsere performative Geschlechtsidentität in die Aula der Universität und können sie gleich wieder als löchrigen Käse neben uns ablegen. Wir sind dem Butler-Charme ausgeliefert und haben Tränen der Rührung in den Augen ob unserer aller Verletzlichkeit.

Sie wird die „Ikone der Genderforschung“ genannt und festgemacht wird ihr Ruhm an der Infragestellung der binären Geschlechtlichkeit und der herrschenden Heteronormativität. Wir kennen das Leid am eigenen Leib. Wir sind auf Fruchtbarkeit und Empfängnis festgeschrieben, wo wir Lust und Wonne doch ganz woanders empfinden. Naja, so sagt sie, wir arbeiten eben noch an unserem postsouveränen Subjekt.

Butler spricht deutsch, macht sich damit selbst verletzlich und erzeugt eine Atmosphäre der Nähe im Saal der deutschsprachiger Anhänger/innen, die sich auf einen schweren Pokal englischsprachiger Philosophie eingestellt haben und einen munter perlenden Champagner serviert bekommen.

Dabei geht es im Vortrag „Die Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit“ um das Leben selbst, den Anspruch auf Unversehrtheit ohne Wenn und Aber. Es geht um Gleichwertigkeit, um die Betrauerbarkeit eines jeden Lebens, ohne definitorische oder kontextuelle Ausnahmen aufgrund von Macht, Gesetz oder Status. Butler sagt, das Konzept von Menschlichkeit fällt je nach Kontext unterschiedlich aus. Ihr Begriff Betrauerbarkeit misst sich an der radikal ungleichen Verteilung dessen, was als betrauerbar angesehen wird.

Judith Butler fordert uns auf, eine aktive Haltung zu kultivieren, den Verlust jeden Lebens zu verhindern. Sie fordert und auf zu kritischer Geduld. Selbsterhaltung ist immer an die Gewaltlosigkeit gegen andere gebunden.

Da vorn am Pult spricht Butler auch mit ihren Händen. Wir lauschen und schauen. Meine Freundinnen und ich sind hingerissen. Berührt. Gerührt, nicht geschüttelt. Aber wir ahnen: Sich diese kritische Geduld zu erarbeiten: leicht wird das nicht.

  • Heute Abend in einem weiteren Vortrag „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“ live oder per livestream zu erleben: Judith Butler in Köln, 19.30 Uhr.

Blauschwarz

Meine, deine und ihre Sicht, meine und ihre aus deiner Sicht, ihre und deine aus meiner Sicht, unsere aus meiner Sicht, unsere aus deiner Sicht und unsere aus der Sicht einer oder mehrerer anderer…

Pferd und Reiter schwarze Silhouette

Wir sitzen viel in der Garage herum, mein Freund, der Ex-Banker und ich. Manchmal gesellt sich kurz seine Frau dazu, um sich zu versichern, dass ich keine Gefahr für ihre Ehe bin. Sie sagt das ganz offen und zum Glück ist ihr Humor dabei, sonst müsste ich mich rechtfertigen, wo es nichts zu rechtfertigen gibt. Ich will ja keine Ehe, schon gar nicht mit ihm. Er will auch keine Ehe mit mir. Meine Güte, was für eine absurde Vorstellung. Wir wollen einfach nur in der Garage sitzen und Zeit zusammen verbringen. Reden, trinken und schweigen. Wenn das eine Ehe gefährdet, dann weiß ich auch nicht.

Das Einzige, was seine Ehe gefährden könnte, sind seine Haare. Wie sie schwarzglänzend über seine Schultern fließen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Haare ein Scheidungsgrund sind. Vielleicht denkt das auch seine Frau. Sie hat darüber nie gesprochen und mit mir schon gar nicht, aber vielleicht liebt sie seine Haare mehr als alles andere. Also nicht die Haare an sich, aber ihren Anblick und die Anmutung von Seide. Sie darf als Ehefrau ja wahrscheinlich auch mit dem Handrücken über das Haar streichen und seine Wärme spüren. Ob sie das macht, weiß ich nicht. Ich mache es nicht, weil es mir nicht so wichtig ist. Ich stelle mir vor, wie sie es macht und das reicht.

Ich stelle mir auch vor, wie sie sich vorstellt, wie sein Verhältnis zu mir ist. Wie sie Indikatoren und deren Ausprägung auf einer Skala von 1 bis 5 aufstellt. Wie sie zum Beispiel die Menge an Zeit, die wir miteinander in der Garage verbringen zu der Menge an Zeit ins Verhältnis setzt, die sie mit ihm im Wohnzimmer zusammen sitzt. Sie kann das nur quantitativ und ärgert sich darüber, dass sie keine qualitativen Aussagen ableiten kann. Sie könnte behaupten, dass aus soundsoviel Minuten mehr Zeit mit mir in der Garage mehr Beziehungsqualität wächst als ihre gemeinsame Zeit im ehelichen Schlafzimmer, doch dann würde sie sich selbst demontieren. Außerdem wäre der Vergleich von Garage und Schlafzimmer nicht adäquat und das würde sie wissen, wenn sie ehrlich zu sich wäre.

Wenn sie also ihre Blitzbesuche in der Garage macht, dann lade ich sie immer zu einem Bier aus ihrem eigenen Kühlschrank ein. Das würde ich ihr holen, während sie sich zu ihrem Mann, meinem Freund und Ex-Banker auf die Regentonne setzt.

Sie würde dann dort seine Sprüche hören, zum Beispiel wie er Goethe im Götz von Berlichingen zitiert: „Ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen überall durch.“ Sie würde sehen, wie er und ich uns auf die (jeweils eigenen) Schenkel klopfen und würde sich wundern, was daran so witzig wäre und wenn sie nicht auch Vergnügen daran hätte, dann würde ihr Blick zwischen mir und ihm in einer Weise hin und her wandern, in die mindestens ein kleiner Tadel verfangen könnte: bitte nicht ganz so viel ausgelassene Vertrautheit in meiner Anwesenheit.

Ich denke, so ein Scheiß, weil eigentlich wollen wir mit dem Spruch frei assoziieren und gucken, was wir daraus an Mehrwert gewinnen. Der Spruch hat viel Potential. Und ist von Goethe. Was denkt er? Als Ex-Banker zieht er eine Bilanz, oder? Wägt Augenblicke ab. Für ihn lohnen sich beide. Die mit mir und die mit ihr. „Doch der den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann.“ Goethe, Faust.

Ein gutes Zitat. Er macht sich keine Gedanken um nicht ausgesprochene Hirngespinste. Lässt sie in den Köpfen wüten, bis ihnen die Luft ausgeht und sie selbst wieder zur Ruhe kommen. Gäbe er ihr zu viel Raum „O, unermessner Raum des Weiberwillens!“ Shakespeare, König Lear, würde er eventuell die Garage verlieren, sein kleines Universum des Sprüche- und auf die Schenkel-Klopfens.

Ein Sonnenstrahl stiehlt sich durch das winzige Fenster und verfängt sich im Blauschwarz seiner Haare. Es ist Zeit für mich zu gehen.

Plastik Pathos Poesie

Ex-Banker mit Winnetouhaaren

„Plastik ist alles was es überhaupt gibt und das Ergebnis von allem was es je gegeben hat im Ganzen gesehen.“ Elfriede Jelinek, Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr

Mein Freund, der Ex-Banker, der seine Haare trägt wie Winnetou, ist jetzt Umwelt-Aktivist. Er grinst über seine veränderten globalen Interessen und sagt: „Mein kapitalistischer Antrieb hat mich aus der Bahn geworfen“. Er meint das wörtlich. Seine Bank hat ihm die Bahncard 100 gestrichen. Ohne die Bahn kommt er aber nicht zur Bank. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon ein Banker ohne Auto. Die Bäume wachsen an Bedeutung. Also steigt er aus.

In seiner Garage, deren Geräumigkeit er neu nutzt, sitzen wir auf Gartenstühlen und trinken Regenwasser. Gelegentlich lädt er seine Nachbarn ein und erzählt Geschichten. Er macht das ganz auf seine Art, ziemlich kitschig für meinen Geschmack, aber die Leute stehen drauf.

Er sagt Sachen wie: „Das dem Plastik nahestehende Gefühl ist Gleichgültigkeit. Ein Großteil der Egal-Haltung kommt aus einem Nebenfluss des Mainstream. Dort treibt sie an der Oberfläche mit dem Schaum der vereinigten Spülwasser, driftet mit der Strömung ins Meer und verteilt sich über die ganze Welt.“

Er zitiert Elfriede Jelinek (siehe oben, woher kennt er die überhaupt?) und ergänzt: „Im Ganzen gesehen ist alles schon geschehen: gesehen, geschrieben, gesagt, gefordert, gefressen. Wale verschlingen Kunststoffkrill.“ Ich muss lachen, weil er so überbordet und den Moralapostel raushängt, doch die Menschen im Schatten der Garage haben ernste Gesichter. Als Ex-Banker ist er der perfekte Apostel. Mit langer Mähne, schwarzglänzend wie ein nasser Pottwal. Wenn die anderen hier ähnliche Assoziationen haben, dann ist die Performance perfekt.

Das Beste: Der Ex-Banker fordert nix. Er wirft nur seine Worte in die Ex-Garage. Dort wirken sie wie das Getriebe des abgeschafften Autos – als Drehmoment. Alle finden ihren eigenen Antrieb. Sie räumen vielleicht schon morgen ihre Garagen leer. Wer weiß.

Wo wohnt Andi Argwohn?

Andis SesselBei Andi weiß ich nicht so recht woran ich bin. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Mann, eine Frau oder etwas Anderes ist. Ich tippe auf das Andere und ich bin sehr gespannt darauf, es herauszufinden.

Als wir uns kennen lernen, stellt Andi sich als Argwohn vor. Ist das eine Angewohnheit, frage ich ahnungslos. Nein, nur ein Name mit einer Bedeutung und eine Neigung zur Vermutung. Ein Talent? Nein, eher eine Bürde. Mir gefällt die Wortwahl und die Vermutung, ich möge schon verstehen. Meine Metaebene läuft auf Hochtouren während wir sprechen. Jeden Millimeter scanne ich auf Eindeutigkeit und kann keine finden. Dafür finde ich Erregung und Sinneslust. Breitbeinig schieben sie sich zwischen unsere zarte Bekanntschaft und werfen mir anzügliche Bemerkungen zu.

Mein verstörtes Lächeln schiebe ich auf die Umstände. Andi nickt, obwohl die Umstände völlig normal sind. Dann rückt er den Sessel an mich heran. In dieser Nähe kann ich gar nichts mehr entscheiden. Ich sehe nur noch Augen, blau, braun oder grün und Lippen mit kühnem Schwung.

Ich mag das Unbestimmte, sagt Andi Argwohn. Ich nicke und kriege eine Gänsehaut. Ist das noch Erregung oder schon Angst? Ich habe keine Ahnung. Dann schickt mir mein Gehirn eine Nachricht: Andi ist anders. Als hätte ich das nicht schon gemerkt.

Das Andere ist anziehend. Ich gerate in einen Bann. Andi erzählt irgendwas von Italien oder Afrika und die Worte sind wie ein warmes Bad. Meine schwache Entgegnung, ich mag mehr die kühlen Länder, verhallt ungehört. Vielleicht habe ich das auch nur gedacht. Lass uns gehen sagt Andi.

Wo wohnt Andi Argwohn? In einem Appartement, das am Ende der Stadt liegt. Dort haben sie Hochhäuser hingebaut, damit man nachts auf die Lichter schauen kann. Wir stehen drin und gucken raus. Das ist der Wahnsinn sage ich. Wir sind nicht mehr allein mit Vermutung und Angst. Sinneslust und Erregung sind auch wieder da. Fehlt nur noch Mut. Hoffentlich kommt der bald.