Julian und Ezra

sind eigentlich Esther und Julia. Ein kleiner Versprecher gepaart mit flüchtigem Verstehen extrahiert aus langjährigen Freundinnen in Nullkommanix zwei Existenzen, die mit ihrer Identität ringen.

Sie waren sich nicht immer grün; ganz im Sinne von Snow White Stiefmutters Spiegel wollte eine immer die Schönere sein und setzte dafür auch schon mal mediocre Methoden ein. Blöde Beautytipps zum Beispiel, Masken die Pickel machen, gentechnisch veränderte Gurken auf den Augen, geheuchelte Komplimente zu schief sitzenden Karohosen. Das sieht toll aus. Nur du kannst das tragen. Trotzdem diese aus gemeiner Abhängigkeit bestehende Treue.

Über viele Jahre Sommerferien auf einem Campingplatz in der Toskana. Wer da wen übertrumpfte war saisonabhängig und glich sich mit den Jahren aus. Nicht das übliche User und Dealer Beziehungsgefüge, aber sie waren ja auch nicht zusammen. Nicht mal die Idee stand irgendwann im Raum. Umarmungen nach durchtanzten Nächten und verkatertes Kuscheln vor dem Fernseher von der harmlosen Art, die nicht am Esther-oder Julia-Selbstverständnis knabbert.

Und jetzt das. Neue Kennung, Körper und Küsse. Sie sind Julian und Ezra und sie wohnen in dieser Wohnung mit einem Schlafzimmer, dessen Blick auf einen ummauerten Garten geht. Sanft gezähmte Wildnis. Weinranken und Wiesenblumen. Wacholder Juniperus sabina für den Wunsch nach Wirklichkeit: Sie nennen ihn ihren de Sadebaum, er ist in allen Teilen giftig und hätte ihnen in ihrem früheren Leben ersthaften Schaden zufügen beziehungsweise zu Fehlgeburten führen können.

„Wie sind wir nur hierher gekommen?“

„Vielleicht eine Zeitschleife oder ein Paralleluniversum.“

„Du versuchst ja nicht einmal eine vernünftige Erklärung zu finden.“

„Wäre es dir lieber wir könnten uns nicht an die anderen erinnern?“

Wenn sie von früher sprechen sind sie die anderen. Lachen über die Leichen, über die sie gingen. Gewonnen haben sie ein gewaltiges Maß an Ungestüm und Unverfrorenheit. Gewissheit über ihre Gefühle. Gemeinsamkeit.

Verloren haben sie … nichts. Außer vielleicht den Reiz von Rüschenblusen und die Lust auf fieses Versteckspiel. Ihre Rolle war nie eindeutig pro- oder antagonistisch also vernachlässigen sie das. Nun sind sie beide irgendwie gleich. Ob das auf Dauer genug Spannung erzeugt. Warum sollen sie sich einem abstrakten Prinzip beugen. Irgendwie nagt der Zweifel an ihrem Glück wie die Maus an einer Wurzel. Dieses ständige Grübeln. Warum haben es die anderen nicht mit ins Grab genommen. Sind sie überhaupt gestorben. Oder nur gehirngewaschen. Vielleicht vergiftet mit Sadebaumöl.

wacholder

Robert de Förster

imBaum

Ich habe dieses Bild im Kopf. Ausgelöst durch die Affen-Analogie hat sich meine Wahrnehmung ein wenig verschoben. Das ist ein bekanntes Phänomen: Beschäftigt mich etwas intensiv, konzentrieren sich alle Sinne: Als Schwangere sehe ich plötzlich Tausende andere Schwangere, als rote Kleid Trägerin wundere ich mich: es gibt mehr Frauen die wie ich ein rotes Kleid tragen als ich dachte; als Fußverletzte, die durch die Fußgängerzone humpelt registriere ich plötzlich den dichten Verkehr der Gehhilfen; die Vase, die ich auf dem Sideboard meiner Freundin so außergewöhnlich fand, steht in jedem dritten Schaufenster.

Laufe ich jetzt durch den Wald, suchen meine Augen die Bäume nach bequemen Ästen ab. Lange weiche Mulden aus warmer Rinde, in die ich mich schmiegen kann. Es gibt sie zu Haufe. Erleichtert erinnere ich mich daran das hier ist das Siebengebirge ist und kein Gorillawald. Sich gegen die vom Gehirn gelieferten Ideen zu wehren hat keinen Sinn, ich lasse sie kommen und fließen und weg. Es wird eine Weile dauern, bis es geschnallt hat, dass ich den Hahn nicht mehr zudrehe und der Fluss seiner Gedanken in den Sandboden sickert. Ein angenehmer Nebeneffekt ist die Mühelosigkeit der neuen Perspektive. Knorrige Eichen als Kletterparadies, langhalsige Buchen die glatte Herausforderung, dornige Akazien bieten Schutz vor … ja, vor was? Löwen, Füchsen, Förstern?

Der Förster, der für diesen Waldabschnitt zuständig ist würde einen gewaltigen Schreck kriegen, wenn hier langhaarige Gestalten in seinem Revier herumlungerten. Er hat zwar Verständnis für alle Arten von außergewöhnlichen Anwandlungen, solange niemand ein Messer in den Stamm stößt. Aber wie er auf eine aggressive Assoziation reagiert, wer weiß das schon? Als ich ihm begegne, schaut er mich lange an. Er sieht aus wie Robert de Niro im Film Kap der Angst. Keine Ahnung ob er merkt dass diese Ähnlichkeit einen krassen Argwohn in mir weckt. Ich mache mich vom Acker.

 

Anna K.

Auf einer Party treffe ich meine frühere Freundin Anna K., die sagt, sorry ich bin weder verliebt noch habe ich ein Problem, über was sollen wir also reden? Sie ist immer so direkt und das mag ich an ihr. Anna und ich haben uns aus den Augen verloren als wir uns beide verliebten und mit gewissen Problemen rangen. Eine unserer Gemeinsamkeiten – so haben wir uns kennengelernt – ist auf Empfängen herumstehen, den Kleidersaum schwingen und neue Drinks ausprobieren. Dabei legen wir spontane Kriterien fest, zum Beispiel muss die Farbe des Cocktails mit unseren Klamotten harmonieren oder eindeutig in die Sweeeeet-Kategorie gehören, was bedeutet dass wir schneller einen Schwips haben, um das mal vornehm auszudrücken.

PinkperlmuttPink, Lila und Perlmutt dominiert unser Wiedersehen. Der Barmann mit dem Künstlernamen Joe Gilmore  mixt zwei Kensington Court Special und garniert sie mit kandierten Veilchen. Als echte Freundinnen haben wir einen Schwur geleistet. Sobald unser Gekicher peinlich werden könnte, ziehen wir uns beziehungsweise die eine die andere unauffällig in den Lounge-Bereich zurück und trinken dort weiter. Im Sitzen fällt eine Entgleisung niemandem auf. Wären wir jung und schön wäre das nicht so schlimm, doch das war früher und jetzt ist uns eine gewisse Haltung wichtig.

Anna wiederzusehen ist wundervoll. Wir sind vertraut als wären nicht diese Jahre vergangen, in denen wir Kinder, Männer, Häuser, Jobs, Inselurlaube und Geldanlagen hinter uns gelassen haben. Über alle diese Ereignisse könnten wir stundenlang reden, tun wir aber nicht. Wir befinden uns in einer geräumigen Glocke der Gegenwart, intensiv und mit viel hochprozentigem Alkohol, umgeben von einem gänseschwarmartigen Geräuschpegel und heben unsere Gläser. Auf das was passiert. Mehr ist nicht zu sagen.

 

x-beliebig

Image

Dieses Identitäts-Hin-und-Her mit meinem Gehirn mache ich nicht länger mit. Wie kommt es überhaupt auf die Idee, eine einzige Identität wäre ausreichend oder angemessen. Das ist reduktionistischer Blödsinn á la Platon, wonach jeder nur ein einziges wahres Ich hat. Mit den Tierideen kann ich mich auf Dauer sowieso nicht anfreunden. Als Gorilla habe ich außerdem einen so fast identischen Genpool mit mir selbst und meiner vermuteten biologischen Vergangenheit, dass es bestimmt einige affige Nanoteilchen in mir gibt. Ich stehe dazu und schäme mich nicht.

Vielleicht sind sie das wohlige Gefühl von Geborgenheit, wenn die nächste Generation meiner Familie durch die Spielgeräte schwingt. Ich kann zwar jedem Tier etwas abgewinnen, hüpfe nach Känguru-Art immer noch gerne auf meinem Trampolin und genieße den Rückstoß meiner Schafshörner beim versuchten Durchbruch einer Mauer. Das ist alles in mir. Aber weg von den Tieren, Hirn. Das sind zwar ganz nette Analogien und ich schätze die Bemühungen der grauen Zellen, meine Existenz schillern und mein Ego tanzen zu lassen. Viel näher sind mir meine menschlichen Eigenarten.

Aufgezählt ergeben sie allerdings eine ziemlich lange unvollständige Liste auf der gerade mal ersten und ausschließlich privatpersönlichen Kategorien-Ebene, die so gut wie nicht viel aussagt: Frau mit Haut und Haar, früher Mädchen mit Bücherwurm, auch Kind im hohen Gras, Jugendliche auf Kafkatripp, Sinnsucherin, Hippiesympathisantin make love not war, Punkpinonierin mit Respekt vor Springerstiefeln und Vorliebe für aggressive Gitarrenmusik, Schneebegeisterte, Eigentumsverächterin, Second Hand Überzeugte, Biovegetarierin mit inkonsequenten Genießerinausflügen zu einem guten Stück Fleisch, Beerensammlerin, Marmeladenköchin, Tagebuchschreiberin, Läuferin, Fahrradfahrerin, Autofahrerin, Zugfahrerin, Beziehungserfahrene, Mitseglerin, Wander-, Abenteuer-, Strand- und Bergurlauberin, Kaltwasserschwimmerin, Konzertbesucherin, Museumsgängerin, Theaterrezensistin, Kino- und Fernsehguckerin, Kleinkunstbewunderin, Fußballzuschauerin, Fußballspielerin, Kletterin, Frisbeevirtuosin, mit-drei-Bällen-Jongliererin, Pflanzenkennerin, Walnussknackerin, Himmelsrichtungsexpertin, Planeten-, Stern- und Universumsinteressierte, Botanische Gärten Besucherin, Staudenliebhaberin, Liebhaberin im Allgemeinen und Speziellen, Geliebte, Liebende, Verliebte, Mutter einer Tochter, Mutter eines Sohnes, Schwester einer Schwester, Patin einer Nichte, Tante zweier Neffen, Tante von Zwillingen, Freundin, Nachbarin, Meditierende, Geruchs- und Geräuschempfindliche, Aussichtsreiche, Dachterrassengestalterin, Weintrinkerin, Hefeweizentrinkerin, Kaffeetrinkerin, Grüner-Tee-und Cocktail-Schlürferin, Obstbrändekennerin, Sushiverschlingerin, Spaghettiköchin, Pizzabäckerin, Weihnachtsgebäckfanatikerin, Jeansträgerin, Sommerkleidträgerin, Offene-Schuhe-Verneinerin, Barfuß-am-Strand-Schlenderin, Muschel- und Steineaufheberin, Nähmaschinenbesitzerin, Minimalistin, Designer- und Menschenkennerin, Stilsichere, Draußenschläferin, Zuhörerin, Vorleserin, Schlechte-Witze- und Geschichtenerzählerin, Smartphoneträgerin, Gedankenmacherin, Grüblerin, Nachdenkerin, Schreiberin, Diskutantin, Einzelgängerin, Haarefärberin, Lesebrillenträgerin, Monochromistin, Gelegenheitsraucherin, Wolkenfotografiererin, Kurzfilmdreherin, ehemalige Großstadt- jetzt Kleinstadtbewohnerin.

Mal ehrlich, ich könnte einfach jede x-Beliebige sein – die wirklich interessanten Sachen kommen ja erst in den Ebenen darunter und auch diese Liste halte ich mal eben extrem kurz, denn das ist es worüber ich schreibe und schreiben werde: Feinheiten und Fetische, subtile Differenzierungen, Sensibilitäten, Hypersensibilitäten, sensitive Wahrnehmungen, kribbelige Angelegenheiten, dunkle Gedanken, verborgene und überbordende Leidenschaften, geheime Sehnsüchte, kleinkarierte Pingelichkeiten, peinliche Ausrutscher, höchstes Vergnügen, wilde Unbefangenheit, große und kleine Gelüste, schmerzliche und zu Tränen rührende Augenblicke, unbändige Wut, rasender Zorn, lodernde Liebe, grenzenlose Freude, tief empfundenes Glück.

Gorilla

Ich hänge im Luv eines tropischen Nebelwalds fest. Also mental. Mir fehlt für diese Situation eine adäquate Klassifizierung, was soll ich tun.

Mein Gehirn geht auf Go: Ein Luvhang liegt quer zur vorherrschenden Windrichtung und die am Berg aufsteigenden Luftströme kühlen sich so ab dass es zur Kondensation des Wasserdampfs und damit zu Nebel kommt. Das hat es irgendwo in meiner lexikalischen Erinnerung über Pflanzenbücher ausgegraben. Hat es auch berücksichtigt, ob es mir jetzt hilft.

Meine Lage ist folgende: Mit einer Gruppe von Menschen mache ich diesen Marsch durch die Mancha. Die Männer machen abends Feuer, das die Haare der Mädchen färbt. Einmal die Ebene hinter uns gelassen wird es warm und üppig und es stehen Berge in der Landschaft, die mit dichtem Wald bewachsen sind. Im Lager lachen wir endlich mal.

Die Musik der Nacht um uns herum. Schrille Schreie, lautes Zirpen von Monsterzikaden und gruseliges Geraschel im Gebüsch. Die Männer sagen Bäume, Büsche und Blumen. Die Mädchen mischen sich ein. In diesem Mikrokosmos machen sie Mango- und Mammutbäume aus, dornige Mahonienbüsche mit ledrigen stachelspitzigen Blättern und blaubereiften Beeren. Nein, nicht essen. Die Männer nicken und öffnen geschickt die Konserven. Morgen werden sie wieder mitreden jetzt sind sie müde.

gorilla1Wo war ich. Ach ja. Am Hang. Im Nebel. Wie ein Gorilla. Was soll diese Affen-Assoziation. NEIN. Mein Gehirn grinst und schickt mir über die Kehle einen heiseren Laut. Ein Primatenpusten. In Affenart wiege ich meinen Körper und reiße die langen Arme hoch. Entblöße mein gelbes Gebiss und gröle. Finde Gefallen daran.

Nach dem blauen Schaf und dem Känguru bin ich jetzt eine Gorilla. Ganz schön mutig von meinem Gehirn. Es stellt sich einer selbst erdichteten Dominanz. Scheint nicht nur ein Experiment für mein Ego zu sein, sondern ein existentieller Selbstversuch. Das mit dem Nebel macht es nicht einfacher. Ich komme langsam dahinter was das soll. Ein einfaches Etikett. Ein Standard. Eine Kategorie. Gorilla im Nebel. Wie der Film. Mach einfach was die Affen machen. Ich muss nachdenken. Ist schon so lange her dass ich Gorilla … äh … im Kino war.