Merkur

OMG. Ich habe ihn gesehen. Gestern. Nur kurz, aber es war wie ein Wasabi-Flash oder wie George Clooney auf der anderen Straßenseite, also bevor er sich verlobt hat. Das Bühnenbild ist berauschend: Ein tief türkisfarbener Abendhimmel mit einem goldroten Rest von untergegangener Sonne. Der strahlende Jupiter in Augenhöhe und plötzlich: Da blitzt er! Da ist er! Da! Merkur. Der Kleinste, Schnellste, Sonnennächste mit einem Orbit von höchster elliptischer Exzentrizität. Ich liebe ihn. Kann meinen Blick nicht von ihm wenden. Hüpfe vor Begeisterung auf dem elastischen Holz meiner Aussichtsterrasse herum. Eine schnelle Bewegung am Himmel – und weg ist er.

ImageDie Glückshormone diffundieren und mein Gehirn fragt mich was die ganze Aufregung soll. Was ich mit Merkur zu schaffen habe. Einem zu heißen bzw. zu kalten und zu dichten Gesteinsplanet. Einem Eisenbrocken, den Jupiters Schwerkraft jederzeit aus seiner Umlaufbahn herausreißen, aus dem Sonnensystem heraus oder gar in die Sonne hinein schleudern könnte. Der mit der Venus oder mit uns, der Erde, kollidieren und uns alle auslöschen könnte.

Kann ein Gehirn eifersüchtig auf einen Himmelskörper sein? Klingt schon ein bisschen danach, oder. Wozu sonst diese brutale Wortwahl und die zerstörerischen Szenarien. Was mein Gehirn noch nicht weiß: Ich werde ihn jetzt jeden Abend treffen, auf die Schnelle, auf einen Kick. Merkur. Bis er sich wieder meinem Blick entzieht.

 

Freak

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Das Wasser wird wärmer. Schon 18 Grad. Waren vor ein paar Tagen nur einige Kaltwasserfans schwimmen, sind es nun einige mehr. Wir müssen schauen dass wir nicht aneinanderstoßen und schön ordentlich die Bahnen ziehen. Immer wieder bricht einer aus und lacht. Will Runden schwimmen und tauchen, Freak. Das ist der Jagdtrieb.

Der ist außerdem total ansteckend, auch wenn es hier keinen einzigen Fisch zu fangen gibt. Kaum dreht einer nach unten ab zischen die anderen hinterher, ich auch. Wie fette Vögel durch die Luft, aber eleganter, weil hier haben wir ja den Schwereloseffekt. Da gibt es keine ruckartigen Fallrückzieher. Nur weiche Windungen mit geschmeidigen Körpern. Der Bademeister kommt mit einem Eimer Ködern. Was glaubt der denn. Wir sind doch nicht im Zoo. Unsereins geht an den Kiosk und kauft sich ein Magnum Mandel. Das knackt schön, wie Gräten.

Hype

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Ständig stolpere ich über Hyperbeln. Entweder ich unterschätze ihre Größe oder sie stellen sich mir blitzschnell in den Weg so dass es keine Ausweichmöglichkeit gibt. Diese eine habe ich jetzt eine endlose Woche lang beobachtet. Während ich sitze und auf sie starre vergeht die Zeit wie im Schneckentempo. Ich langweile mich zu Tode. Aber ich kann nichts machen, sie sitzt in meiner Wohnung wie ein im Nachhinein eingebauter Bunker aus Beton. Bietet mir die totale Sicherheit wo ich doch gar keine will. Auf ihrem Schulterblatt hat sie einen heiteren Spruch tätowiert. Wen will sie damit überzeugen. Ich nenne sie nun Bärbel Hyperbel und sie ärgert sich grün und blau. Wenn sie könnte würde sie sich noch weiter aufblähen. Bis in alle Ritzen und Winkel kriechen, damit ich sie quasi einatmen muss. Ich habe die Nase voll. Bei meinem Versuch über sie hinwegzusteigen stolpere ich dann und falle. Wann geht sie endlich wieder.

 

Augenblick App

Neulich sagte eine Frau in einem Vortrag ihr Talent sei es den richtigen Moment zu erkennen. Damit hat sie mächtig Eindruck gemacht, das Publikum lag ihr zu Füßen. Den exakten Zeitpunkt zu erwischen ist mit das Schwierigste was es gibt. Manche Menschen können das als hätten sie einen Sensor dafür, ich finde die sollten eine App entwickeln damit andere das auch können. Ich liste meine Pläne nach Priorität und mein Mobiltelefon würde diskret summen, wenn der Augenblick gekommen ist an dem ich dieses oder jenes sage oder das eine oder andere tue. Es ist nicht so dass ich grundsätzlich im falschen Moment agiere. Ich kann nur kein System erkennen oder ein Gespür entwickeln für diese zeitliche Dimension.

ImageAnsonsten bin ich im Zeitmanagement akribisch, perfekt sozialisiert in sekundärer Tugend. Peinlich ist das wie ich vor allen Terminen noch kurz Zeit habe mir schnell den Staub von den Schuhen zu wischen, die Hände zu waschen und den Lippenstift nachzuziehen. Dabei ist das alles gar nicht wichtig für mich. Ich schaffe es nur einfach nicht zu spät zu kommen. Schon früher in der Schule waren die Coolen immer die Letzten. Aber die Letzte sein will ich auch nicht. Gibt es denn keinen Mittelweg? Ich hasse Mittelweg. Ich brauche diese App. Dringend.

16,5 Grad

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Das Wasser ist eigentlich Eis. Flüssiges Eis, das mich mit jedem Sprung der Unsterblichkeit näher bringt. Ich springe so lange bis ich meine Fingerspitzen nicht mehr fühle. Sie sehen weiß und leblos aus. Im Internet habe ich gelesen, dass extrem kalte Temperaturen den Tod aufhalten können. Für immer. Über die Dosierung wird sich die Wissenschaft noch eine Weile streiten, da bin ich sicher. Mein Gehirn fragt mich warum ich ihm das antue, also erstens den Gedanken an ein endlos langes Leben und zweitens diese bescheuerten Kälteschocks in klirrend kaltes Wasser an einem Tag wie diesem. Ich bin schon immer gerne in kaltes Wasser gesprungen, in Gletscherseen in den Bergen, in graues Schmelzwasser und nicht zu vergessen die Sprünge im übertragenen Sinne, die eisige Stille nach sich zogen gefolgt von sehr langsamer Erwärmung. Die Begeisterung über das Überleben der Bewegung überdecken die Bedenken, dass der Sprung auch genau das Gegenteil von dem bedeuten könnte was erstrebenswert erscheint. Ein langes und erfülltes Leben.

Der Bademeister schlendert in seinen weißblauen Schlappen vorbei und sagt das Wasser hat 16,5 Grad. Ich nicke begeistert. Er meint eigentlich ist gar kein Schwimmbadwetter und wir schließen jetzt. Ich blicke auf den einsamen Pool. Stimmt. Ist sonst niemand hier. Ich kann in seinen Augen lesen dass er mich vielleicht für einen Pinguin hält. Von meinem Körper perlen Tropfen ab und fallen auf die Kacheln. Er hat einen Köder mit, den schwenkt er jetzt vor meinem Gesicht herum, denn er kennt natürlich die Pinguine, Eistaucher und die anderen seltsamen Vögel der Saison. Ich schlucke ihn, werfe mir mein Handtuch über und sage ok bis Morgen.