zum Teufel

Eine Frau tritt an mich heran und sagt hallo ich bin die Desillusionistin. Was will die? Kommt einfach herein. Ich habe noch nie vorher von ihr gehört. Ich frage sie ob sie verhandelt. Sie zögert. Kommt darauf an. Worauf. Ob du etwas in die Waagschale wirfst das mich interessiert. Was interessiert dich denn frage ich. Du hast ein Herz das du gerne wieder los werden willst, stimmt`s? Woher weiß sie von dem Herz. Ich nicke. Eigentlich will ich das Herz der richtigen Person geben, der einen. Nicht der hier. Ich versuche es mit Diplomatie. Scher dich zum Teufel sage ich zu ihr. Sie lächelt. Du brauchst das Herz nicht mehr, mach dir doch keine Illusionen. Das muss ihr Standardsatz sein. Ziemlich abgedroschen. Ich versuche es mit Arroganz und ziehe eine Augenbraue in die Höhe. Ich behalte das Herz, sage ich, sonst noch was? Jetzt wird sie ernst. Okay, aber ich komme wieder, verlasse dich darauf. Dann geht sie.

 

Entdeckung II

ImageGeschichten sind im Nachhinein oft ganz anders. Es ist ja jetzt (endlich) klar, dass nicht Kolumbus Amerika entdeckt hat, sondern wer? Die Wikinger. Werden alle Straßen, Plätze und Universitäten umbenannt? Nein. Wer war als erstes und einziges auf dem Mond? Die Besten, die Größten, die Lautesten. Wir sind so gutgläubig. Glauben denen die sagen sie haben Recht oder glauben denen die wir lieben. Was haben uns unsere Eltern alles erzählt. Das Blaue vom Himmel. Und unsere Geliebten. In der Phase der rosa Wolken. Das angenehme Schweben im Halbwissen bis wir auf die Erde stürzen. Woher sollen wir auch wissen was wahr ist? Wir können nur glauben.

Ich zum Beispiel glaube unerschütterlich an das Gute, auch wenn ich mit dieser vorgelagerten Naivität öfters auf die Nase falle. Mit das Gute meine ich das was mir gut tut, haha, also richtig gut. Wie ein Spürhund am Gepäck auf dem Flughafen nach Drogen schnüffelt vertraue ich meinem Riecher. Ich bin immer in Bewegung. Das Dope kommt ja auch nicht zum Hund, er muss es schon finden. Habe ich das Gute einmal entdeckt ist es das Glück auf Erden. Unterschiedlich lang aber immer ein Erlebnis, das im Nachhinein ruhig anders erzählt werden kann. Der Augenblick zählt. Für den Hund der Knochen.

 

Flucht nach vorn

Die Tragödie von gekenterten Kriegsflüchtenden vor Augen muss die Heldin meiner Geschichte gestehen, dass sie erst ein einziges Mal in ihrem Leben wirklich geflohen ist – vor drohender Gewalt. Damals konnte sie entkommen. Eine ihrer Schwestern hatte dieses Glück nicht und ist nun tot. Seitdem gibt es nur für sie nur noch mentale Fluchten.

Beim Versuch, sie zu analysieren, kommt sie zu dem Ergebnis, dass diese Fluchten eher ein wirksamer Resistenzmechanismus gegenüber distanzverweigender Pathogene sind. Also gesunder Instinkt. Hypersensibilität. Spürsinn.

Ihre Art von auf Distanz gehen geschieht ganz bewusst auf einen kleinen Fingerzeig des Unbewussten. Sie vertraut darauf und in einer früheren Erdepoche wäre sie gut an die feindlichen äußeren Bedingungen angepasst gewesen.

Normalerweise flüchtet sie nicht aus unangenehmen Situationen, sondern stellt sich ihnen. Aber nur, wenn sie annimmt, dass sie sie in Richtung angenehme Situation verändern kann. Dafür ist sie zu großem Einsatz bereit. Der kann schon mal selbstzerstörerisch sein, weil sie im Vorfeld nicht alle Verhaltenskomponenten vorausberechnen kann. Vor allem nicht die von anderen. Unvorhergesehene Reaktionen treffen sie dann wie ein Schlag.

Die Flucht aus einem Gefängnis oder einer gewalttätigen Beziehung ist für sie unmittelbar nachvollziehbar, denn die persönliche Freiheit wiegt mehr als alles andere. Die gefühlte Freiheit. Über die objektive Freiheit erlaubt sie sich keine endgültige Meinung. Meistens haben die, die die Freiheit suchen, ihre uneingeschränkte Sympathie, egal was sie vorher angestellt haben. Auf dem Weg in die Freiheit ist sie ihre Komplizin, sie schmiedet entweder mit ihnen einen Plan oder sie tritt zur Seite, damit sie rennen können.

 

Entdeckung I

Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit hat mein Gehirn eine Strategie entwickelt wie es mich fesseln kann. Es beantwortet meine tägliche Frage „wer bin ich?“ auf viele verschiedene Arten und schickt mir die albernsten Figuren in meine Träume, die behaupten, sie wären mein wahres Ich. Zuletzt war das ein blaues Schaf, zurzeit ist es ein Känguru.

Es scheint eine Vorliebe für Tieranalogien zu haben, denn ich war noch nie ein Stück Birkenrinde oder ein Feigenbaum, obwohl mich Pflanzen grundsätzlich eher mehr interessieren als Tiere. Ich weiß auch mehr über die Flora, doch von diesem Wissen will mein Gehirn nichts wissen, es stellt lediglich den Speicherplatz dafür zur Verfügung. Den Gedanken, dass das wer ich bin, vielleicht gar nicht im üblichen gegenständlichen Sinn abgebildet werden kann, ignoriert es genauso. Ich glaube es mag Tiere. Und ich schätze seine Bemühungen, mir etwas Passendes auszusuchen, ein Tier, mit dem ich mich anfreunden kann. Das ich lieb gewinnen kann.

Da muss eine Belohnung mit im Spiel sein, denn ohne Preis strengt sich mein Gehirn normalerweise nicht so an. Vielleicht denkt es, dies ist eine Art Enthüllungsstory, tataaa! Hier, das bist du und ICH habe dich entdeckt. Solche Entdeckungen bringen Prozesse in Gang, Synapsenwirbel, Wendepunkte. Darauf muss es scharf sein.

Meine Versuche seine Vorschläge zu akzeptieren amüsieren es bestimmt, ich meine das ganz ernst. Sonst würde ich im Moment nicht wie wild auf dem Trampolin herumspringen, wenn an dem Känguruvorschlag nicht irgendetwas dran sein könnte. Trotzdem finde ich es sehr schwer, mich in das Wesen eines Kängurus hineinzudenken, außer dem Hüpfen fällt mir da nichts ein. Dass damit angenehme Nebeneffekte verbunden sind wie dieser kurze Augenblick der Schwerelosigkeit reicht aber fürs Erste. Mehr will ich gar nicht.