Hype

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Ständig stolpere ich über Hyperbeln. Entweder ich unterschätze ihre Größe oder sie stellen sich mir blitzschnell in den Weg so dass es keine Ausweichmöglichkeit gibt. Diese eine habe ich jetzt eine endlose Woche lang beobachtet. Während ich sitze und auf sie starre vergeht die Zeit wie im Schneckentempo. Ich langweile mich zu Tode. Aber ich kann nichts machen, sie sitzt in meiner Wohnung wie ein im Nachhinein eingebauter Bunker aus Beton. Bietet mir die totale Sicherheit wo ich doch gar keine will. Auf ihrem Schulterblatt hat sie einen heiteren Spruch tätowiert. Wen will sie damit überzeugen. Ich nenne sie nun Bärbel Hyperbel und sie ärgert sich grün und blau. Wenn sie könnte würde sie sich noch weiter aufblähen. Bis in alle Ritzen und Winkel kriechen, damit ich sie quasi einatmen muss. Ich habe die Nase voll. Bei meinem Versuch über sie hinwegzusteigen stolpere ich dann und falle. Wann geht sie endlich wieder.

 

Augenblick App

Neulich sagte eine Frau in einem Vortrag ihr Talent sei es den richtigen Moment zu erkennen. Damit hat sie mächtig Eindruck gemacht, das Publikum lag ihr zu Füßen. Den exakten Zeitpunkt zu erwischen ist mit das Schwierigste was es gibt. Manche Menschen können das als hätten sie einen Sensor dafür, ich finde die sollten eine App entwickeln damit andere das auch können. Ich liste meine Pläne nach Priorität und mein Mobiltelefon würde diskret summen, wenn der Augenblick gekommen ist an dem ich dieses oder jenes sage oder das eine oder andere tue. Es ist nicht so dass ich grundsätzlich im falschen Moment agiere. Ich kann nur kein System erkennen oder ein Gespür entwickeln für diese zeitliche Dimension.

ImageAnsonsten bin ich im Zeitmanagement akribisch, perfekt sozialisiert in sekundärer Tugend. Peinlich ist das wie ich vor allen Terminen noch kurz Zeit habe mir schnell den Staub von den Schuhen zu wischen, die Hände zu waschen und den Lippenstift nachzuziehen. Dabei ist das alles gar nicht wichtig für mich. Ich schaffe es nur einfach nicht zu spät zu kommen. Schon früher in der Schule waren die Coolen immer die Letzten. Aber die Letzte sein will ich auch nicht. Gibt es denn keinen Mittelweg? Ich hasse Mittelweg. Ich brauche diese App. Dringend.

16,5 Grad

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Das Wasser ist eigentlich Eis. Flüssiges Eis, das mich mit jedem Sprung der Unsterblichkeit näher bringt. Ich springe so lange bis ich meine Fingerspitzen nicht mehr fühle. Sie sehen weiß und leblos aus. Im Internet habe ich gelesen, dass extrem kalte Temperaturen den Tod aufhalten können. Für immer. Über die Dosierung wird sich die Wissenschaft noch eine Weile streiten, da bin ich sicher. Mein Gehirn fragt mich warum ich ihm das antue, also erstens den Gedanken an ein endlos langes Leben und zweitens diese bescheuerten Kälteschocks in klirrend kaltes Wasser an einem Tag wie diesem. Ich bin schon immer gerne in kaltes Wasser gesprungen, in Gletscherseen in den Bergen, in graues Schmelzwasser und nicht zu vergessen die Sprünge im übertragenen Sinne, die eisige Stille nach sich zogen gefolgt von sehr langsamer Erwärmung. Die Begeisterung über das Überleben der Bewegung überdecken die Bedenken, dass der Sprung auch genau das Gegenteil von dem bedeuten könnte was erstrebenswert erscheint. Ein langes und erfülltes Leben.

Der Bademeister schlendert in seinen weißblauen Schlappen vorbei und sagt das Wasser hat 16,5 Grad. Ich nicke begeistert. Er meint eigentlich ist gar kein Schwimmbadwetter und wir schließen jetzt. Ich blicke auf den einsamen Pool. Stimmt. Ist sonst niemand hier. Ich kann in seinen Augen lesen dass er mich vielleicht für einen Pinguin hält. Von meinem Körper perlen Tropfen ab und fallen auf die Kacheln. Er hat einen Köder mit, den schwenkt er jetzt vor meinem Gesicht herum, denn er kennt natürlich die Pinguine, Eistaucher und die anderen seltsamen Vögel der Saison. Ich schlucke ihn, werfe mir mein Handtuch über und sage ok bis Morgen.

easy

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Energie gibt es genug. Sie für sich zu nutzen ist dagegen nicht immer so einfach. Da kannst du mitten in einem Energiefluss stehen und sie fließt einfach um dich herum. Doch strecke nur einen kleinen Finger aus und es entsteht ein Widerstand, der den gesamten Strom verändert. Winzige Wirbel aus Wasser und Luft. Schleudern Sand auf den Strand wo die Sonne brennt. Alle vier Elemente in einer kleinen Bewegung und zwei Sätzen.

 

Aufstieg und Fall, epic

Was mir hier auf der Erde immer wie eine Katastrophe vorkommt ist im universellen Sinn der ganz normale Lauf der Dinge: Ein Stern steigt auf, brennt, verglüht. Ein Planet wird geboren, dreht seine Runden, vereist, vertrocknet oder verglüht mit dem Stern. Das geht alles sehr langsam und im irdischen Sinne liegt die Katastrophe natürlich im schnellen Aufstieg, dem der Fall immer schon innewohnt. Das gilt sowohl für die Besteigung des Mount Everest als auch für eine Banker-Karriere. Ich bewundere Reinhold Messner (der ist ja im Vergleich zu vielen anderen Bergsteigern glücklicherweise nie abgestürzt oder höchstens ein bisschen) und einer meiner besten Freunde ist ein Ex-Banker.

Grundsätzlich kommt vor dem Fall mein menschliches Versagen, auch wenn ich den Maschinen oder dem Schicksal die Schuld gebe. Ich stehe besonders blöd da, wenn ich vergessen habe Distanz zu meinem Eifer, zu meinem Ehrgeiz und zu meiner Anstrengung zu halten und mir jegliche Selbstironie abgeht. Aber sei mal am Ende deiner Kräfte und lache über dich. Einfach ist das nicht. Es lacht auch niemand mit dir. Manche sind beleidigt, andere schadenfroh. An einer Niederlage will niemand teilhaben.

Gut, dass es zumindest etwas Trost und geteilte Erfahrung gibt. Es geht auf- und wieder abwärts. Unten ist das Tal der Mühen und dann kommen die Mühen am Berg. Ein schöner Augenblick ist oben auf dem Gipfel (Aussichtsplattform, Helilandeplatz) zu stehen und sich umzuschauen. Weitblick. Höhenkoller. Manche mögen auch den Schweiß des Aufstiegs. Den Fall mag niemand, er ist unkontrolliert und sieht in keinem Fall elegant aus, fühlt sich auch nicht so an. Kontrolliert absteigen macht andererseits keinen Spaß, woher weiß ich was ich aushalte, wenn ich zu vorsichtig bin?

Also geht es nur in diesem rumpeligen Trott und wenn ich ehrlich bin, liebe ich die Schrammen, Kratzer und Narben, die ich bisher davongetragen habe. Ich zeige sie nicht auf jeder Party, aber mein inneres Auge verrät mir, wer auch welche hat. Wir heben dann in stillem Einverständnis unser Glas und heißen den nächsten Fall willkommen. Wo ich zurzeit stehe? Irgendwo am Berg.