Schwer_Mut

RehDas ganze Jahr auf dem Rücken. Anna sagt: Halte durch, nur noch ein Tag. Diesen einen Tag trinken wir Gin. Kauen auf Wacholderbeeren. Gehen barfuß auf Nadeln. Riechen den Weihrauch und atmen ihn ein, bis wir aus den Luftröhren röcheln. Die Augen glasig, die Lippen kälteblau und den Mund zu einem letzten Lächeln verzogen. Komm Knirk. Anna verträgt mehr als ich. Sie kann noch die Botanik und hält das Feuer an den Baum. Soll der Baum brennen? frage ich. Nein, die qualmende Rindenhülle soll die Dämonen vertreiben. Ach so. Rutsch mir endlich den Buckel runter.

Ab morgen wird es wieder leicht sein. Was? Alles. Frischer spritziger Mut. Ohne Last laufen. Rennen. Ab morgen renne ich wieder durch den Wald. Wie das Wild, das nicht weiß, wann die Stunde schlägt. Wenn der Wolf lauert. Hierzulande trägt er den Schafspelz, dunkelweiß aus fetter Wolle, die riecht streng und verrät ihn trotzdem nicht. Intensiven Gerüchen gehe ich aus dem Weg. Meine Nase folgt dem Neutrum. Dem Nichtriecher, Nichtstinker, Nichtgeruch. Das Wild macht das Gegenteil. So unterscheiden wir uns. Woher ich meine Leichtfüßigkeit nehme? Das Gehirn schenkt sie mir. Manche seiner Gaben nehme ich dankbar entgegen. Es sagt fliege! und ich fliege durch die kahlen Äste wie ein Reh auf der Nichtflucht.

Anna sagt: Abgedreht. Der Rauch steigt dir zu Kopfe und das Getränk lässt dich Sachen machen wie fliegen. Ich mache den Abflug, sage ich am Ende des Tages. Will alleine sein ohne die Schwere anderer Auren. Meine eigene zieht mich schon zu Boden. Zu guter Letzt hart auf der Erde landen und morgen wieder durchstarten. So muss es wohl sein. Durchfliegen war noch nie mein Ding. Dann bis demnächst.

Eine würdige Pflanze zum Abschluss der dreihundertnochwas Tage: Junniper communis.

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kr kr kreativ

kreativ

Stotterst du nun, fragt Anna. Neee. Dieses kratzige Wort macht es mir nicht leicht. Es hört sich an wie das Gegenteil von dem wie es sich anfühlt. Kreativität als Bedürfnis einzuordnen ist ein weiterer Schritt auf meiner Identitätstreppe.

Du hast eine Identitätstreppe? Und? Gehst du hoch oder runter? Ist das so was wie die Karriereleiter? Gläserne Decke und so?

Selten hat Anna so viele Fragen. Es ist das glatte Gegenteil von Karriere. Die Treppe ist aus Luft. Karrieristen sehen sie nicht. Kreativität ist leicht, unsichtbar und manchmal so dick wie ein Fesselballon. Bläht sich in mir auf und verdrängt alles andere. Will ein Wort sein und zwar ein ganz bestimmtes. Ich suche es , forsche danach, rolle es auf der Zunge und wiege seine Leichtigkeit. Der Gedanke wird flüssig und fließt in den Bauch. Dort wird er wahr. Wenn der Bauch sich bläht vor Freude.

Dann steige ich auf. Verlasse die Gesetze der Schwerkraft und fliege. Aus dem Wort wird ein Satz und die Idee zieht mit einer Wolke wie ein Tropfen Regen. Jeden Moment kann er fallen. Auf fruchtbaren oder unfruchtbaren Boden. In die Wüste. Ins Meer. Auf einen Schrottplatz. Dort rostet er fest. Wenn ich Pech habe.

Anna lacht. Gefällt mir, sagt sie. Du hast aber kein Pech, du hast Glück. Ich kenne dieses Bedürfnis nicht. Ich kenne nur die anderen sex, äh sechs. Hihi. Bin aber trotzdem irgendwie ganz.

Klar bist du das, Anna. Du bist wunderbar. Mehr braucht es nicht. Meine Kreativität ist wie ein zusätzliches Hungergefühl, eine Kalorienbombe, ein Dickmacher, eine Fettsucht. Öl, das auf Wasser schwimmt. Das sich regenbogenfarben breit macht. Ich sehe sie nur von innen.

Ich sehe sie von außen, sagt Anna. Sie ist ein Geschenk. Eine zusätzliche Dimension, eine Facette, ein Detail, das du polieren kannst. Lass es zu.

Annas Imperativ stärkt meinen Impuls. Sie sieht die wilde Intuition, die manche in die Irre führt. Anna nimmt die Federn als Boa auf und windet sie um ihre Schultern. Blinkt mit den Lidern, senkt sie einladend ab.

Jetzt ein Drink aus Holunderblütensirup, Zitrone und Quellwasser – auf die Kreativität und das was sie auslöst. Was wäre sie ohne das andere. Danke Anna.

Ein paar Prozent Oberhand

OberhandAnna will mich trösten und streckt ihre Arme aus. Da soll ich wohl rein. In diese Wärme. Will ich aber nicht. Ich will hier stehen wie ein Fels im Regen und die Nässe soll an mir heruntertropfen. Ich werde auch nicht weich oder kleiner, wie ein Stein eben.

Als Anna sagt: Auf deinem Grabstein wird einst stehen „Wollte nie getröstet werden“, grinse ich schief. Das wäre eine angemessene Beschreibung. Also nicht im Sinne von „Fand keinen Trost“, sondern von „Lehnte es strikt ab von irgendwem getröstet zu werden.“ Klingt nach einer Kopfsache, nicht wahr? Ist es aber nicht. Es ist eine Macke und kommt direkt aus dem Bauch. Von Kind auf kultiviert. Von keinem Psychologen therapeutisch kuriert. Nie einen gebeten es zu tun. Als Kleinkind verweigere ich jede Art von tröstender Zuwendung. Auch wenn mein Knie blutig, mein Gehirn erschüttert oder meine Haut verbrannt ist. Indianerin nannte ich das früher. Als es die Bezeichnung First Nation noch nicht gab.

Anna lacht: Ja, klar. Erzähl mal, wie ist das mit dem Schmerz?

Ich zucke mit den Schultern. Abgesehen davon oder gerade weil es ein Wort mit einem widerwärtigen Klang ist, das seine Bedeutung schon in sich trägt, habe ich eine nüchterne Einstellung zu Schmerz und Schmerzäußerungen, sowohl bei mir selbst als auch bei anderen. Das Ermessen liegt immer in der Betrachterin und Mitfühlerin selbst. Und bei mir hängt die Latte eben etwas höher. Der Schmerz kommt und geht. Geschickt vom Gehirn, das gerne Experimente macht. Während er wirkt, fühle ich ihm nach, atme in ihn hinein und versuche, nicht ohnmächtig zu werden. Obwohl, das ist mir auch schon passiert. Die Ohnmacht als Überschätzung meiner Leidensfähigkeit. Aber seit ich die Ohnmacht kenne und wie sie sich heranschleicht, kann ich sie aufhalten und zurückdrängen. Will bei Bewusstsein bleiben, ihm die paar Prozent gewähren, die es die Oberhand hat. Ebbt der Schmerz wieder ab ist Schluss ist mit dem Getue.

Und seelischer Schmerz? Bist du jetzt meine Seelenklempnerin, frage ich Anna. Bevor sie etwas sagen kann, behaupte ich: Ist doch das Gleiche.

Also Atmen, sagt Anna. Ja. Tief atmen und stumm durch das Jammertal laufen. Bis sich die Nebel wie von allein auflösen. Hört sich einfach an. Ist es nicht.

Anna breitet ihre Arme wieder aus. Was soll das? Ich will dich drücken, nicht trösten. Okay.

Schweine

WaldIm Wald begegnen wir einer parfümierte Frau. Ihr Duft weht wie ein Spinnenfaden hinter ihr her, verfängt sich im Gestrüpp und sinkt lautlos aufs Moos. Wir könnten leicht in ihren Sog geraten. Mit unseren feinen Nasen den verstreuten Molekülen folgen. Immer tiefer in den dunklen Wald hinein. Anna sieht mich schweigend an. Ich nicke.

Ab und zu leuchten ihre blondierten Haare zwischen den Bäumen auf, denn die Sonnenstrahlen verfangen sich in ihrem Haar wie ihr Duft im Dickicht. Keine Äste knacken, als wir die Wege verlassen. Längst ist unsere Orientierung an den dicken Stämmen kleben geblieben. Seit dem letzten Sturm liegen sie auf dem Boden, wir steigen darüber, unsere Nägel versinken im Harz. Würziger Baumsaftgeruch drängt sich auf. Wir scheuchen ihn fort. Wollen die Fährte der Frau nicht verlieren. Mühe- und schwerelos schreitet sie. Sieht sich nicht um. Anna hat diesen fixierten Blick. Will ihren Willen.

Was meinst du, wo geht sie hin? Ich zucke mit den Schultern. Bin ja eigentlich gerne im Wald. Laufe auch stundenlang ohne Zeichen an den Bäumen, bis es endlich ruhig ist. Bin durchaus überzeugt von Kräften, die ich nicht verstehen oder ermessen kann. Aber einer parfümierten Frau folgen? Ist das gut?

Anna sagt es ist Abenteuer. Ich habe keine Lust mehr. Nun stehen wir hier und streiten. Wie Elster und Häher. Der Wald kennt das. Man muss nicht schweigen, um sich angemessen zu verhalten. Die Hirsche brüllen, die Vögel kreischen, die Mäuse piepsen und die Schweine machen schnorchelige Geräusche, als würden sie unter Wasser atmen. Überhaupt, die Schweine. Sie sind so rücksichtslos. Stecken ihre Rüssel in die weiche Erde und zertrampeln zarte Triebe mit ihren Hufen. Scheren sich den Teufel um die Ästhetik des Anblicks. Nachts rennen sie kilometerweit auf und ab, suhlen sich im Schlamm und machen Töne, die uns das Blut in den Adern gefrieren ließen, wären wir da. Sind wir aber nicht. Anna sagt Spielverderberin.

Die Frau ist verschwunden. Das Gelände ist hügelig und von Hohlwegen durchzogen. Wollten wir ihr auf den Fersen bleiben müssten wir jetzt hetzen. Hetzjagd. Will ich nicht. Mein Nichtwille ist stärker als Annas Trotz. Was soll sie auch machen? Alleine weiter? Eine Ablenkung wäre gut. Wie vorhin das Parfum, das uns abgelenkt hat.

Da hinten in der Senke glitzert etwas. Ich zupfe Anna am Arm und wir folgen dem Licht.

Dilemma bzw. die Lämmer

Ich wohne zwischen dem Ufer des Flusses und dem Fuße des Berges. In dieser schmalen Zone. Der Boden steigt zuerst leicht an, dann wird er ein steiler Hang. Gerade stehen ist nicht vorgesehen. Auf der Wiese mit den Streuobstbäumen weiden Schafe trächtig mit Lämmern. Sie gucken blöd und blöken.Schaf8Schafe denken immer ich wolle ihnen was. Weit gefehlt. Wegen denen komme ich doch her. Das kapieren die nicht. Nur weil ich anders aussehe akzeptieren sie mich nicht. Oder sie sind wirklich klug und denken an das was Albert Einstein gesagt hat: Willst du ein ordentliches Mitglied der Schafherde sein, musst du vor allem eins sein: Ein Schaf. Okay, ich bin kein Schaf. Ich fühle mich nur verwandt. Das reicht aber nicht. Verdrängt von einer Mauer aus Misstrauen gehe ich zurück zum Fluss.

Am anderen Ufer steht Anna und winkt. Sie hüpft auf der Stelle. Ihr roter Mantel sendet rote Signale. An ihrem Hüpfen erkenne ich sie. Die Schiffe kümmert das nicht, mich schon. Würde sie rufen könnte ich nichts hören. Das Wasser ist still doch die Strömung dröhnt. Nonverbal können wir hier nicht kommunizieren. Das Netz geht nicht. Niemand kann Nachrichten senden. Wirklich. Seit Wochen schon. Annas Arm macht ausladende Andeutungen in Richtung Fähre. Heißt das sie setzt über oder soll ich? Würden wir weiter warten stünden wir noch eine Weile. Die Beherzte bin ich. Schon immer gewesen. Weil Stillstand nicht mein Ding ist. Bewegung ist meine Berufung. Das klingt gut, ist es aber nicht immer. Manchmal schieße ich am Ziel vorbei. Zuviel Fahrt weil ich bergab renne. Allein. Kurz vor dem Ufer bremse ich ab.

Auf dem Schiff schlottern mir die Knie. Der Wind ist kalt und stark. Anna wird größer und das Rot ihres Mantels reicht für uns beide. In ihrer Umarmung schwindet mein Schwarz. Ihre Lippen sind wie Purpur. Mein Schwarz, ihr Rot und das Weiß der ersten Blumen erinnern mich an Schneewittchen, Weiß wie Schnee, Rot wie Blut, Schwarz wie Ebenholz. Anna fängt an zu erzählen und in ihre Worte wärmen mich. Das mit dem Fluss ist ein Dilemma sagt sie. Ich stimme zu und umklammere dabei mein mobiles Endgerät, das nur noch Fotos und Filme trägt. Erinnerungen, die niemanden mehr erreichen, jedenfalls im Moment nicht. Das Ganze ist wie eine Endzeitübung. Am Ende wäre Anna auf der einen Seite und ich auf der anderen. Der Fluss ist breit und brutal. Die Möven kreischen ihr Geschrei.