Im Wesentlichen linkisch

Auf ungelenke Weise bewege ich mich durch den leeren Raum. Er ist einer dieser Museumsräume mit nichts drin. Alle Wände sind leer. Auf dem Boden stehen kein Objekt und keine Skulptur. Andere Menschen stecken ihre Köpfe hinein und wieder heraus, zucken mit den Schultern und sagen „nix drin“.

Doch so einfach ist das nicht. Hier wird ein Unbehagen ausgestellt. Und zwar das jeweils eigene. Ein solches, das die Schritte verlangsamt und bei der das Gehirn ein selten gebrauchtes Gefühl sendet: Verzagen. Das Verzagen fängt an mit einem Innehalten inmitten der Bewegung, sobald ich den Raum komplett betrete. Ein kurzes Einfrieren der Geschwindigkeit auf ganz langsam. Eine Zeitlupe zieht mich dann in die Mitte. Unbeholfen versuche ich die Koordination von Armen und Beinen.

Wie haben die Kuratoren es geschafft, die Schwerkraft aufzuheben? Ich kann ja fast fliegen. Dieser Raum ist gleichzeitig sperrig und voluminös. Eine neue Atmosphäre. Mein Verstand ist begeistert, aber mein Körper weiß nicht, was er tun soll. Wie kann ich die beiden voneinander lösen? Mein Gehirn blökt, das geht nicht. Aber was weiß es denn in seiner Blackbox? Es hat noch nie das Licht gesehen.

Im Raum bin nur ich. Es ist meiner. Meine Aufgabe ist es, aus dem Unbehagen ein Behagen zu machen. Das ist die Kunst in diesem Raum. Die Umwandlung von Atmosphäre. Ein wenig Erfahrung mit Atmosphären habe ich bereits und daher versuche ich, die Leere zu füllen. Ich blähe mich mit Verwunderung auf und meine Augen treten aus ihren Höhlen heraus. Lächerlich, diese Vorstellung, froschartig. Gut dass niemand da ist. Dann platzt der Verstand mit seiner Begeisterung herein. Sie bewegt sich wie eine Seifenblase und wenn eine platzt, dann entstehen ganz viele neue. Außerdem spritzt die Begeisterung mit winzigen Wasserperlen. Will ich es feucht fröhlich haben? Soll das meine Atmosphäre sein?

Mit einer Prise Peinlichkeit nehme ich der Feuchtfröhlichkeit ihre Wucht. Die Atmosphäre ist jetzt ein stilles Vergnügen. Sie gefällt mir. Stilles Vergnügen, begleitet vom im Wesentlichen linkischen Bewegungen. Der Raum akzeptiert diese Atmosphäre und gibt mich frei.

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Starling Darling

Starling black and white

Einem spontanen Impuls folgend nenne ich den kleinen Star Starling. Säße ich hundertjährig in meinem Lehnsessel vor dem Fenster und schaute hinaus, so würde meine Pflegerin zu mir sagen: „Ah, da ist er ja wieder, der kleine Wicht.“ Er ist natürlich kein Wicht, was ist überhaupt ein Wicht? Nur eine Redensart? Ein Phantasiegeschöpf? Vielleicht kennt sie sich bei Vögeln nicht aus.

Die Szene verschwindet wieder aus meinem Kopf, ich bin nicht hundert und sehe Starling von meinem Schreibtisch aus. Sie ist auch kein Er, sondern eine besonders hübsche Sie, ein Starweibchen, eine Besucherin im schwarzen Kleid mit weißen Punkten, die immer wieder kommt. Starling spricht beziehungsweise singt. Hört sich an wie Vogelhiphop. Seit Jahren hat sie ihr Nest über der Eisdiele und kennt alle Arten von Bestellungen: Bällchen, Kugeln, Becher, Tüten und Waffeln mit Vanille, Schoko, Banane und Sahne – all das höre ich aus ihrem Gesang. Eine Wiedergabe von Gewohntem, Geklautes aus Gefrorenem. Sie pickt Töne und mischt sie neu auf. Starling Remix.

Starling sieht mich am Tisch sitzen. Wie ich hier auf die Tastatur tippe. Sie kredenzt mir ein paar Köstlichkeiten aus der Eisdiele:

„Tiramisu!“ „Cookie! Cookie!“

Sie kann nicht wissen, dass Eiscreme mich nicht vom Hocker reißt. Eis zählt zu den süßen Sachen, die mich am wenigsten interessieren.

Starling spürt keine Welle der Begeisterung, nur Befremden. Ihre schwarzen Knopfaugen reflektieren meine Gedanken. Ich mache ihr ein Angebot.

„Starling Darling“, sage ich, wenn sie angeflogen kommt. Sie liebt diesen Namen, das merke ich sofort. Obwohl sie kein Englisch kann und das Schweigen der Lämmer nie gesehen hat. Sie kann den Namen auf meinen Lippen lesen. Wenn ich ihr einen Augenblick Aufmerksamkeit schenke, dann plustert sie sich auf und lässt eine Feder fliegen.

„Starling Darling“ flöte ich und lächle. Bald wird sie den Namen singen und ihn vielleicht für eine Sorte Eis halten, die sogar mir schmeckt.

16,5 Grad

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Das Wasser ist eigentlich Eis. Flüssiges Eis, das mich mit jedem Sprung der Unsterblichkeit näher bringt. Ich springe so lange bis ich meine Fingerspitzen nicht mehr fühle. Sie sehen weiß und leblos aus. Im Internet habe ich gelesen, dass extrem kalte Temperaturen den Tod aufhalten können. Für immer. Über die Dosierung wird sich die Wissenschaft noch eine Weile streiten, da bin ich sicher. Mein Gehirn fragt mich warum ich ihm das antue, also erstens den Gedanken an ein endlos langes Leben und zweitens diese bescheuerten Kälteschocks in klirrend kaltes Wasser an einem Tag wie diesem. Ich bin schon immer gerne in kaltes Wasser gesprungen, in Gletscherseen in den Bergen, in graues Schmelzwasser und nicht zu vergessen die Sprünge im übertragenen Sinne, die eisige Stille nach sich zogen gefolgt von sehr langsamer Erwärmung. Die Begeisterung über das Überleben der Bewegung überdecken die Bedenken, dass der Sprung auch genau das Gegenteil von dem bedeuten könnte was erstrebenswert erscheint. Ein langes und erfülltes Leben.

Der Bademeister schlendert in seinen weißblauen Schlappen vorbei und sagt das Wasser hat 16,5 Grad. Ich nicke begeistert. Er meint eigentlich ist gar kein Schwimmbadwetter und wir schließen jetzt. Ich blicke auf den einsamen Pool. Stimmt. Ist sonst niemand hier. Ich kann in seinen Augen lesen dass er mich vielleicht für einen Pinguin hält. Von meinem Körper perlen Tropfen ab und fallen auf die Kacheln. Er hat einen Köder mit, den schwenkt er jetzt vor meinem Gesicht herum, denn er kennt natürlich die Pinguine, Eistaucher und die anderen seltsamen Vögel der Saison. Ich schlucke ihn, werfe mir mein Handtuch über und sage ok bis Morgen.