Der Eindruck des Echten

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Ich trage die Brille für mein erweitertes Bewusstsein. Sobald die Brille „an“ ist, bin ich „drin“. Ich bin im Online. Nicht nur meine Aufmerksamkeit und eine halbe Stunde Selbstvergessenheit bei besonders spannenden Spielen und elektronisch induzierter Endorphinausschüttung – nein, ich bin mit Haut und Haaren in einer anderen Hemisphäre.

Die Technik arbeitet am Eindruck des Echten wie an der ersten Eisenbahnlinie nach Westen: Stück für Stück mehr Speicherplatz für ein besseres dreidimensionales Bild. Dazu kommen Duft und Druck. Temperatur und Tiefenschärfe. Atmosphäre und Raumklima. Oberflächenstrukturen. Haptische Halluzinationen. Ich gehe auf einem gefrorenen See. Die Eisfläche knistert im kalten Wind. Mich fröstelt. Mir ist bange ob meines Menschengewichts…

Wer wird eigentlich aufs Glatteis geführt? Nur mein Gehirn? Oder der ganze Sinnesapparat? Apparat … haha! Genau genommen ist mir das nicht wichtig, wenn der Gesamteindruck stimmt. Das Virtuelle muss nicht täuschend echt sein. Auch die wahre Welt und ihre Wertsachen sind meine wunschgeprägten Wahnvorstellungen. Wie unterscheide ich überhaupt Echtes von Unechtem? Mit bloßen Augen und Fingerspitzengefühl ist das kaum mehr möglich: Fakemarmor, Retrobeton, Designerholz. Die Optik wird immer weniger wichtig, weil ich meine Umwelt sowieso nur noch durch Filter betrachte beziehungsweise sie fotografiere und dann farb- und weich- oder kontrastreich filtere. Beim visuellen Empfinden mache ich großzügige Zugeständnisse: Auch Schrilles kann echt sein – es ist ja nur ein Filter drauf. Dieser krasse blaue See mit dem bizarren weißen Eis sieht viel besser aus als in Wirklichkeit.

Ich nehme die Brille ab und schalte wieder auf Reality. Wo bin ich? Im Chilloutbereich des Leather&More-Ladens. Stimmt, ich will einen Gürtel kaufen und die Verkäuferin kann mir nicht sagen, was genau für ein Material das ist. Sieht aber aus wie Leder, oder? Hauptsache, er sieht gut aus, sagt sie. Also modisch und neu. “Haben Sie an der Gürtelschnalle die winzigen Strasssteinchen gesehen? Die funkeln wie Diamanten.” Sie erinnern mich an das Glitzern des gefrorenen Sees.

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Enzo, der Mann mit den gelben Augen

Enzo Rn, der Mann mit den gelben AugenEnzo Rn hat eine gelbe Iris, die im Dunkeln leuchtet. Der Name Rn stammt aus Rumänien und obwohl Enzo klar ist, dass es sich um ein Kürzel handelt, einen Fehler der Einwanderungsbehörde, betreibt er Ahnenforschung. Ein Familie namens Rn findet er nicht. Auch in der um spezifisch auffällige Merkmale erweiterten Suche wird er nicht fündig. Er scheint ein Einzelfall zu sein.

Die Farbe seiner Augen ist nicht ein ins Gelbe changierendes Ocker oder eine gelbliche Note von Grün. Sie ist grell und stechend wie die Sonne selbst, hell und blendend und wenn man hineinsieht, wird man geblendet und kneift die Augen zusammen. Dann zucken hinter den geschlossenen Lidern, die immer noch orange sind und schmerzen, kleine schwarze Punkte wie Verbrennungen umher. Der Anblick, im Freien kaum auszuhalten, wird in geschlossenen Räumen und erst recht bei künstlichem Licht unerträglich.

Enzo trägt getönte Brillengläser. Er versucht auch farbige Kontaktlinsen, aber seine Augen stoßen sie ab wie fremdes Gewebe. Tränen strömen aus den Winkeln und die Wassertropfen wirken wie Prismen, die nur das gelbe Spektrum kennen. Strahlen, wie sie die Herbstsonne durch den Nebel schickt. Mit seiner Sammlung an Sonnenbrillen fühlt sich Enzo wie ein Blinder. Er weiß, dass irgendwann der Moment kommt, in dem sein Gegenüber erwartet, dass er die Brille abnimmt. Ohne den Blick des anderen funktioniert das Miteinander nicht. Daher hat er keine Freunde.

Eine Weile versucht er das Schema die Schöne und das Biest. Im Film gibt es immer Irgendeine, die aller Hässlichkeit, Grausamkeit und Obszönität zum Trotz das Liebenswerte findet. Und einige Male nimmt er die Brille ab, ohne dass die Frau gleich davonläuft. Wie die Schlange vor dem Kaninchen starrt sie ihn an und bewegt sich nicht. Versucht zu lesen was das Gelb will. Kein Gedanke stellt sich ein. Nur Leere, Nichts, das so laut ist, dass es die Worte verschlingt, die Enzo sagt.

Das Problem ist, dass Enzo sich in ihre Träume schleicht und sie dort mit seinen gelben Augen zu Tode erschreckt. Ich weiß das, denn ich bin eine von ihnen. Ich will ihn mit meiner Schönheit blenden und werde bestraft mit einem immer wiederkehrenden Alptraum. In diesem Traum bin ich eine Furie, denn ich bin zornig über diese ständige Wiederholung der Angst. Sobald Enzo in der Nacht erscheint, renne ich auf ihn zu und trommle mit meinen Fäusten an seinen Brustkorb, der sich anfühlt wie eine Eisentür. Die gelben Augen sind ein Magnetfeld, schwarze Löcher, Trichter aus dunkler Materie. Bevor Enzo seinen Blick auf mich richtet, fange ich an zu schreien.

Von meinem eigenen Schrei werde ich wach. Reset.