Kleine Eiszeit

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Alles ist weiß. Schnee und klirrende Kälte. Eine Wand aus Glas der Wind. Gut, dass ich lache, wenn mir das Gesicht gefriert. Eine grinsende Maske aus blauer Haut und roter Nase. So sehe ich aus, die anderen auch. Sie schieben sich in ihren Polkappen schief gegen das Wetter. Manche haben nur kleine Atemlöcher. Wie die Robben im Eismeer schnaufen sie Wärme in die Luft. Auf die Robbe wartet der Bär, mit blutigen Zähnen und schmutzigem Fell. Auf uns wartet niemand, nur schlechte Nachrichten aus der neuen Welt.

Das Kalte ist Atmosphäre. Ein Frösteln, wenn ich in den Raum gehe und die Feindseligkeit spüre. Der Raum kann einfach alles. Von jetzt auf gleich kalt sein. Warm. Traurig. Ausgelassen. Kippt die Stimmung auf die Atmosphäre, werden ganze Geselligkeiten verschüttet. Wie eine Lawine rollt die Kälte über die Leute. Knallt sie auf die Kanten der Stühle. Sie schreien nicht, weil ihnen die Kälte die Stimme wegschneidet.

Die Kälte ist gegenseitig, aber jeder ist sein eigener Körper. Jede ist ihr eigener Körper. In der Kälte ist mein Körper sicher vor der Kälte der anderen. Wir können uns nicht riechen. Geruch und Duft haben nichts zu suchen. Das Blut gefriert in den Adern. Kristallines Knacken und Knistern. Das liegt an der Angst. Kaltblütigkeit ist im Ausverkauf.

Eisschollen treiben auf dem Fluss und frostige Krusten krallen sich am Ufer fest. Die Sonne schickt Sorglosigkeit, die Heuchlerin. Den Blick auf die Prismen geheftet könnte ich festfrieren. Von den Sirenen des Regenbogens ins eisige Grab geschickt. Also lieber Scholle sein. Treiben und in der Bewegung Befriedigung finden. Ständig diese Grenzwerte. Wenn, dann. Wenn nicht, dann. Wenn ich jetzt nicht meine Füße bewege, werde ich hier einfrieren.

Der Schnee schmilzt nicht. Er bleibt für immer liegen. Die Kälte schneidet die Sonne weg. Schickt sie mit den Strahlen auf geradem Weg zurück ins All. Soll das All sich laben. Je länger der Schnee liegt, desto kälter wird es. Noch eine kleine Eiszeit, bevor es richtig warm wird. Bevor mich die Hitze wahnsinnig macht und ich mit Hingabe Kühlung suche.

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My true North

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Schon bevor ich den Magnetiker kennen lerne, habe ich eine besondere Beziehung zum Nordpol bzw. zum Eis. Ich erkläre mir das so: Als Jugendliche lese ich Expeditionsberichte und bin fasziniert von den Mühen und Entbehrungen, den Strapazen und Tragödien, denen sich diese Männer aussetzen, um ein Stück neues Land zu entdecken. Christoph Ransmayrs Die Schrecken des Eises und der Finsternis macht den Anfang einer langen Reihe von Büchern über den Pol, das Eis, die Berge und den Schnee.

Es ist eine rein virtuelle Beziehung. Ich bin noch nie im nördlichen Polarkreis gewesen. Meine Erfahrungen mit Eis und Schnee beschränken sich auf die Alpen – allerdings gibt es da ein paar besondere persönliche Grenzerlebnisse: einen Fast-Absturz, eine Lawinen-Auslösung mit knappem Ausgang, einige erfrorene und qualvoll wieder auftauende Finger und eine Bergrettung durch die Schweizer Bergwacht.

Im Englischen hat My true North eine Bedeutung im übertragenen Sinne. Der Magnetiker bringt mich darauf, als er mir von einer Exkursion auf einen kanadischen Gletscher erzählt. Ein Kollege fragt ihn abends in der Hütte, ob er schon seinen wahren Norden gefunden hätte. Die Ratlosigkeit in seinem Blick spricht Bände. Seine Bestimmung, seine Seelenverwandte, seine echte große Liebe? Oder läuft er etwa immer noch dem Kompass nach? Der führt nur an den magnetischen Pol – und der verändert seine Position täglich, wie ich neuerdings weiß.

Unter Magnetikern ist die Suche nach dem True North ein running Gag. Trotzdem wollen sie eine aufrichtige Antwort und das fügt ihrem Job eine mystische Note hinzu. Sehr sympathisch, finde ich und lächle. Und natürlich stelle ich mir im Stillen die Frage nun auch. Habe ich den Nordpol nach so vielen Routenbeschreibungen eigentlich schon gefunden? Haben mir die Charaktere in den Büchern einen Weg gezeigt? Was geht mir so unter die Haut wie klirrende Kälte? Eines weiß ich sicher. Ich will da nicht selbst hin, wo es kalt und unwirtlich ist. Wahrscheinlich würde ich keinen Tag da draußen überleben. Doch das ist auch gar nicht notwendig. Ist ja nur eine Redewendung – oder doch mehr: die Verantwortung, meinen Nordpol zu finden.

Sieht gut aus. Klare kalte Luft. Die Richtung stimmt. Hätte ich sonst einen Magnetiker getroffen? Oder fände Bad Religion gut? Na, dann weiter so.

Der Magnetiker

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In einer Bar lerne ich den Magnetiker kennen, Paläomagnetiker genau genommen. Er erzählt mir von der bevorstehenden Pol-Umkehr. Nordpol wird Südpol und umgekehrt. Also die geografischen Pole bleiben, aber die magnetischen Pole wandern, wenn ich das richtig verstanden habe. Im Moment zeigt die Kompassnadel ungefähr nach Norden. Nur ungefähr, weil der magnetische Pol schon nach Süden unterwegs ist. Wenn er in der Antarktis angekommen ist, zeigt die Kompassnadel nach Süden. Dann spätestens ist Umdenken angesagt.

Meine Banalfrage „Und … was machst du so?“ erhält eine Tiefenschärfe, die ich gar nicht beabsichtigt habe. Ausnahmsweise trinke ich Anisschnaps. Im geschliffenen Glas glänzt er wie Gelatine. Der Paläomagnetiker bestellt Portwein. Er kennt die Böden, auf denen er wächst. Mit dem Untergrund kennt er sich aus, denn er sucht in den Sedimenten nach Organismen vorzeitlicher Lebewesen. Er schließt aus ihrer magnetischen Beschaffenheit, wie die Pole erdgeschichtlich gewandert sind. Ja, die Pole haben sich schon öfters vertauscht.

Bestimmt denkt er, ich finde das langweilig. Eine Frau an der Bar will nichts wissen vom Dreck und dem ganzen magnetischen Drumherum. Da ist er total schief gewickelt. Wie? Es gibt vier Arten von Nordpolen, Umpolung inbegriffen? Ich ordere mehr Uso. Nein, ich möchte jetzt nicht von mir sprechen.

Der Magnetiker kommt ins Schwärmen. Er trinkt Schnaps mit mir. Die vier Nordpole sind der geografische Nordpol, der arktische Magnetpol, der arktische geomagnetische Pol und der Nordpol der Unzugänglichkeit.

  • Der geografische Nordpol ist der nördlichste Punkt der Erde und Antipode des geografischen Südpols. Sie haben zwar feste Breiten, aber keine eindeutigen geografischen Längen. Prost!
  • Der arktische Magnetpol ist eine wissenschaftliche Definition. Er befindet sich dort, wo die Magnetfeldlinien des irdischen Magnetfelds aus der Erde strömen. Der arktische Magnetpol wandert. Zurzeit in Richtung Antarktis. Anstoßen mit Anisschnaps.
  • Der arktische geomagnetische Pol ist ein theoretischer Punkt des Erdmagnetfelds. Er wird nur zu mathematischen Berechnungen benötigt. Auf die Theorie!
  • Mein Lieblingspol ist der Nordpol der Unzugänglichkeit. Wie ist es möglich, dass ich noch nie von ihm gehört habe, wo ich doch seit meiner Jugend die Abenteuerromane der Nordwest- und Nordostpassage gelesen habe? Der Nordpol der Unzugänglichkeit ist der küstenfernste Punkt im Nordpolarmeer. Er liegt über 600 km vom geografischen Nordpol entfernt und hat sich dennoch einen Namen gemacht. Zum Wohlsein!

Thematisch kratzt der Magnetiker erst an der Oberfläche. Er hackt winzige Eiskristalle aus der Scholle und wirft sie mir ins beschlagene Glas. Tausend Jahre altes Eis. Während er spricht, formuliert mein Gehirn Geschichten. In Echtzeit windet es das neue Wissen in kolossale Epen. Kann sein, dass ich die morgen wieder vergessen habe, denn das hier ist wie ein Traum. Ein Rausch aus klarem Alkohol, arktischer Kälte und springenden Polen.

Wir trinken auf die Unzugänglichkeit. Und auf die Unzulänglichkeit. Prosit auf die Unverträglichkeit von Norden und Süden und auf die Unschärfe der Definitionsmacht. Und auf die Umkehr.

Dass sogar die Pole umkehren können, beruhigt mich irgendwie sehr.

Der Eindruck des Echten

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Ich trage die Brille für mein erweitertes Bewusstsein. Sobald die Brille „an“ ist, bin ich „drin“. Ich bin im Online. Nicht nur meine Aufmerksamkeit und eine halbe Stunde Selbstvergessenheit bei besonders spannenden Spielen und elektronisch induzierter Endorphinausschüttung – nein, ich bin mit Haut und Haaren in einer anderen Hemisphäre.

Die Technik arbeitet am Eindruck des Echten wie an der ersten Eisenbahnlinie nach Westen: Stück für Stück mehr Speicherplatz für ein besseres dreidimensionales Bild. Dazu kommen Duft und Druck. Temperatur und Tiefenschärfe. Atmosphäre und Raumklima. Oberflächenstrukturen. Haptische Halluzinationen. Ich gehe auf einem gefrorenen See. Die Eisfläche knistert im kalten Wind. Mich fröstelt. Mir ist bange ob meines Menschengewichts…

Wer wird eigentlich aufs Glatteis geführt? Nur mein Gehirn? Oder der ganze Sinnesapparat? Apparat … haha! Genau genommen ist mir das nicht wichtig, wenn der Gesamteindruck stimmt. Das Virtuelle muss nicht täuschend echt sein. Auch die wahre Welt und ihre Wertsachen sind meine wunschgeprägten Wahnvorstellungen. Wie unterscheide ich überhaupt Echtes von Unechtem? Mit bloßen Augen und Fingerspitzengefühl ist das kaum mehr möglich: Fakemarmor, Retrobeton, Designerholz. Die Optik wird immer weniger wichtig, weil ich meine Umwelt sowieso nur noch durch Filter betrachte beziehungsweise sie fotografiere und dann farb- und weich- oder kontrastreich filtere. Beim visuellen Empfinden mache ich großzügige Zugeständnisse: Auch Schrilles kann echt sein – es ist ja nur ein Filter drauf. Dieser krasse blaue See mit dem bizarren weißen Eis sieht viel besser aus als in Wirklichkeit.

Ich nehme die Brille ab und schalte wieder auf Reality. Wo bin ich? Im Chilloutbereich des Leather&More-Ladens. Stimmt, ich will einen Gürtel kaufen und die Verkäuferin kann mir nicht sagen, was genau für ein Material das ist. Sieht aber aus wie Leder, oder? Hauptsache, er sieht gut aus, sagt sie. Also modisch und neu. “Haben Sie an der Gürtelschnalle die winzigen Strasssteinchen gesehen? Die funkeln wie Diamanten.” Sie erinnern mich an das Glitzern des gefrorenen Sees.

der-eindrucke-des-echten knkx 88.5 fm virtual world of snow and ice

Thanx Al

Sisters

Ich glaube, Albert Einstein war ein Zeitreisender. Wie sonst hätte er alles schon vor hundert Jahren wissen können, was jetzt erst ans Licht kommt?

Mit Lichtgeschwindigkeit?

Sehr witzig. Aber du hast Recht. Es geht um Gravitationswellen, die lichtschnell durch den Raum rasen.

Gravitationswellen? Okay. So what´s the message?

Na ja, ich glaube da passiert im Großen was wir sonst im Kleinen spüren. Diese Bewegung, die unser Blut manchmal in Wallung bringt. Ich habe mich schon oft gefragt, wo die eigentlich herkommt.

Von den Gefühlen? Die bewegen mich unentwegt. Manchmal hauen sie mich auch um. Wie die Brandung nach einem Sturm. Empörung. Eifersucht. Ärger. Alles große Wellen.

Ja und die sind wie kleine Atmosphären von Miniplaneten, die um irgendwelche Sonnen kreisen.

Sie kreisen?

Ja klar. Sie kreisen und kollidieren und dann kotzen sie.

Sie kotzen?

Die Kotzbrocken kreisen wie Asteroidengürtel um den Saturn.

Wir schweifen ab.

Stimmt. Wie Sternschnuppen.

Also Albert Einstein ist ein Zeitgenosse. Kennen wir einen Albert?

Nö, nur Al, der ist Barkeeper in der Cosmic Bar.

Gutes Stichwort. Lass uns auf einen Drink ausgehen.

Hey Al, hast du schon von diesen Grave-Wellen gehört?

Ja natürlich! Was für eine Frage! Ich habe schon einen neuen Cosmic-Drink komponiert. Er heißt BHC … Black Hole Collision.

Uiii, den wollen wir. Wir kollidieren bis wir kollabieren!!

Das klingt anstrengend, der Drink ist aber gut. Ein mehrdimensionales Geschmacksereignis.

Mindestens vier Dimensionen. Meine Dedektoren drehen durch. Al, was ist dein Geheimnis?

Ich kann Atmosphären kreieren. Ein Drink ist in der Lage, gute Stimmung zu machen. Das ist ziemlich simpel – nicht nur durch den Alkohol, sondern durch die perfekte Komposition aller Zutaten. Es geht nicht nur um Geschmack, es geht auch um Geruch, um die Farben, die Erinnerung , die Assoziationen, die Fantasie und um die Haltung, diesen Drink zu genießen, um die Garderobe und wie ihr auf den Hockern Platz genommen habt, wie der Drink zu eurer Garderobe und dem ganzen Schnick Schnack an euch dran, also den Accessoires harmoniert und dann die Temperatur und das Prickeln, das Klirren des Eiscrunch im Kristall und das leise Knacken, wenn sie schmelzen, die Feuchtigkeit auf den Fingerspitzen und das Perlen des Kondenswassers am Glas, der Zucker am Glasrand und sein süßer Nebengeschmack, ein wenig Salz ist auch dabei und verwirrt die Sinne, denn sie vermischen sich mit dem Sound der Musik, die ich zu diesem Drink spiele und sie findet eine Resonanz auf eurer wunderbaren Haut und das Licht reflektiert in euren Augen, spiegelt sich auf der Oberfläche und dringt dann ins Innere, wo es euch zart berührt.

WOW. Al, ich bin beeindruckt. Ich nehme noch einen.

Ich auch. Cheers.