Fremder Schmerz

Anna und ich

Nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Träne, und jeder weint eigentlich für sich selbst.
Heinrich Heine

“Schau dir dieses Bild an. Ich mag es in diesem Licht.”
“Ich weiß nicht …. mir kommt es brutal vor.”
“Brutal? Hm, vielleicht, aber auch anziehend.”
“Da scheint mir eine Menge Schmerz im Spiel zu sein.”
“Ja, brennender Schmerz…”
„Fremder Schmerz geht nicht ans Herz.“
„Was ist das? Eine Bauernregel gegen Empathie?“
„Es ist ein Sprichwort, das ich aus meiner Sprichwortsammlung kenne.“
„Shakespeare sagt auch so etwas Ähnliches: „Jeder kann den Schmerz bemeistern, nur der nicht, der ihn fühlt“.“
„Seltsam. Beides kommt mir fremd vor. Dein Schmerz, meine Liebe, scheint wie ein Echo auch bei mir zu wirken.“
„Vielleicht weil wir verbunden sind.“
„Aber auch der Schmerz in diesem Bild löst Rührung und Mitgefühl in mir aus.“

„Was nicht mehr Schmerz wäre…“
„…. sondern die Erinnerung an etwas, wovon ich glaube, es so schon empfunden zu haben.“

„Sicher kannst du da nie sein.“
„Nein, aber es geht um die Annäherung, nicht wahr? Der Versuch erzeugt Wärme.“
„Womit wir wieder bei diesem Bild wären … brennender Schmerz.“

Wanderdüne

schönes Kleid

Sehr wahrscheinlich hat ein sensibler Mensch definiert was eine empfindliche Pflanzengesellschaft ist. Ein Mann namens Manfred, der mit Mitte Vierzig noch bei seiner Mutter wohnt und ganz zufrieden damit ist. Seine Analogie ist sehr persönlich und gleichzeitig objektiv wissenschaftlich, das redet er sich zumindest ein. Die Vergesellschaftung von Pflanzen findet durch brutalen Wettbewerb und rücksichtslose Auslese statt, um sich einen optimalen ökologischen Standort zu sichern. Das System ist konstant, solange der Mensch nicht mit Chemie oder grober Gewalt hineinpfuscht, das Klima konstant ist oder Bienen fremdartige Pollen fallen lassen, die dann mit aggressivem Marketing neue Wettbewerbsbedingungen schaffen. Da Manfred die (un)menschlichen Marktgesetze kennt, erklärt er empfindliche Pflanzengesellschaften für schützenswert. Die Menschen, also diejenigen, die Natur mögen und achten, also die aufmerk- und in gewisser Weise ebenso empfindsamen wie Manfred, akzeptieren diesen Schutz. Sie würden niemals auf diskret eingezäunten Wanderdünen herumtrampeln und die ledrigen Gräser (zer)stören.

Manfred erklärt, dass er noch weit vom Perfektstadium entfernt ist. Das habe ich ihm bereits aus einiger Entfernung angesehen, wundere mich aber über den Gebrauch des Wortes „noch“, weil ich glaube er hat es schon lange überschritten. Aber auch er lebt in seiner eigenen Welt und da will ich nicht einfach so reinplatzen und behaupten die Dinge sind so und so. Vielleicht denkt er ja in Erdzeitaltern. Sieht seine Persönlichkeit als seltsame Pflanze und den Ablauf seines Lebens in mehrere Ären gegliedert, diese wiederum in Systeme, Perioden, Formationen, Stufen und Abteilungen unterteilt. Während Manfred mir das erzählt, überlege ich, ob ich ihm gegenüber als Enzym agieren soll. Als Biokatalysatorin würde ich seine Gewohnheiten zeitlich beschleunigen. Mit meiner Aktivierungsenergie würde ich Manfred aus der Bahn werfen. Mein Gehirn sagt nein. Es ist mal wieder auf Empathie geschaltet und empfiehlt mir, kurz Manfreds Perspektive einzunehmen und so schlüpfe ich in diese anfangs erwähnte Analogie. Stimmt. Aus Manfreds Sicht bin ich eindeutig ein nicht erwünschter Fremdkörper, ein Eindringling, der seine Empfindlichkeit verletzt. Trüge ich ein schönes Kleid würde er an Blütenstände denken. Ich drossle also mein aktives Interesse auf freundliche Höflichkeit und sage ich muss jetzt leider los weil ich muss noch meinen Rasen sprengen äh meine Pflanzen gießen.