Venezianischer Tau

nixeEs ist wieder passiert: Ich switche in eine andere Welt. Das passiert mir im Museum öfter, aber hier und um diese Zeit und überhaupt hätte ich das nicht erwartet. Die blassen Porzellanköpfchen mit den leicht geröteten Engelswangen fangen an zu lächeln, ihre zarten Wimpern berühren die glatten Wangen und ihr seidiges Haar weht einen winzigen Moment. Ihre Samt- und Brokatkleider rascheln sacht und in einem Augenblick der Leidenschaft drehen sie sich an ihrer Aufhängung um die eigene Achse. Es sind Matrosen, Skifahrer, Blumenmädchen, ja Teufelinnen mit anzüglichem Blick, Elfen, Nixen und Zwerge, die auf Schweinen reiten.

Morgens um elf im Siebengebirgsmuseum. Nein, ich habe keine Nacht hier verbracht. Ich nehme an einer traditionellen Präsentation teil – der Präsentation eines Weihnachtsbaums zum Thema Papier und Watte. Wer glaubt, das Thema Papier und Watte wäre langweilig, irrt gewaltig. Ich will nur ein paar Schlüsselwörter nennen, die mich sofort in ihren Bann geschlagen haben: Venezianischer Tau, das sind winzige Glasperlen aus der venezianischen Glaskunst, die auf glatten Oberflächen wie kühler Tau funkeln. Silberkaschierte Pappglöckchen, Glimmerkarton, Gelatine- und Obladenbildchen, Goldkaschiertes Papierkörbchen mit süßer Füllung, Paradiesgärtlein, Papiermaschee ….

Der Baum ist ein Traum. Ja, diesen Satz muss ich einfach schreiben. Der Baum steht im Foyer des Siebengebirgsmuseums und könnte eigentlich noch etwas größer sein. Geschmückt ist er mit Papier- und Watteschmuck aus dem Fundus bzw. aus der künstlerischen Nachbildung von Irmgard und Peter Becker, die ihrer Leidenschaft für historischen Christbaumschmuck ganzjährig in ihrem Frl. Erna´s Weihnachtshaus frönen. Richtig und angemessen ist der Eindruck erst, wenn ich – wie von Irmgard Becker in ihrem kleinen Einführungsvortrag empfohlen – den Baum nicht als Gesamtkunstwerk sehe, sondern mir die einzelnen Schmuckstücke aus der Nähe betrachte.

Ins Herz schließe ich die gelbblaue Nixe mit ihrer grünen Perlenlaterne und der silbernen Alge über der Brust. Ernst und konzentriert leuchtet sie sich den Weg durch das Tannengewirr. Ich glaube sie sieht irgend einer ähnlich die ich mal kannte, vielleicht eine Verwandte. So zart wie die Erinnerung. Flüchtig. Wie der verzauberte Augenblick, aus dem ich wieder auftauche.

Wo bin ich. Ach ja, im Museum. Presse ist auch da.

Ich möchte nicht darüber sprechen

nicht sprechenAnna sagt zu mir: du bist eine emotionale Selbstversorgerin, weißt du das? Wir trinken Bio Sangiovese aus der Toskana. Draußen ist fast Dezember. Ich höre diesen Ausdruck zum ersten Mal, kann ihn aber schnell einordnen. Mein Gehirn reagiert darauf wie auf einen Löffel Honig. Süß und klebrig haftet er sich an die Synapsen.

Ich schauspielere ein wenig und sehe Anna mit großen Augen an. Was hast du gesagt? Du hast es gehört, jetzt tu nicht so. Ich stehe auf, gehe zu meinem Stapel Karten und halte die Ich-möchte-nicht-darüber-sprechen-Karte hoch. Das ist so ein Spiel mit Anna, neben dem Spiel Getränke ausprobieren. Eines Tages haben wir nur noch die Umsonstkarten mit Sprüchen aus den dunklen Fluren der Bartoiletten mitgenommen. Wir können ganze Konversationen damit bestreiten.

Zum Beispiel zeigt mir Anna die Karte Und-was-machen-Sie-sonst-so,-außer-Kunst? Ich antworte mit Ich-möchte-nicht-darüber-sprechen. Sie signalisiert Küsst-du-mich? Ich kräusele die Stirn und schleudere ihr ein Hang-loose! zurück. Sie kontert mit der Just-do-it. Ich wühle im Stapel nach einer passenden Ausrede. Finde keine.

nicht sprechen2Auf einer ganz in pink gehaltenen Karte steht in hellpink Mach-mich-glücklich, kaum zu erkennen. Anna lacht. Der Wein tanzt Techno in ihrer Iris. Was ist denn das für eine Musik fragt sie mich. Techno sage ich beziehungsweise House. Ich halte ihr die Karte Wo-wohnt-E.T.? vor die Nase. Jetzt lenk´ nicht ab lallt sie. Der Wein haut rein. Rotweinschwere ist sehr angenehm sage ich, so als wäre es Teil des kollektiven Bewusstseins. Ist es ja sagt Anna. Schon die Römer haben Rotwein gesoffen. Der Rausch ist rational. Quatsch, das ist doch kein Rausch. Solange wir über den Rausch reden ist es keiner. Erst wenn wir vergessen. Dann lass uns vergessen sagt Anna und schenkt nach. Prost Rauschgoldengel sagt sie.

Ich bin kein Engel.