Das Jahr läuft ab

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Die unmittelbare Nähe zum Fluss ist angefüllt mit Geräuschen und Lärm. Die Dieselmotoren der Schiffe, die Ketten der Kähne beim Ankern, das Scharren der Ruder auf dem Kies, das Kreischen der Möwen, das Brechen der Wellen am Uferbeton, das Dröhnen des Nebenhorns, das Kratzen der Lautsprecher von den Ausflugsdampfern. Das Fließen selbst ist nicht zu hören. Der Fluss des Wassers ist still und mächtig. Die Strömung ist stark und beständig.

Wir stehen am Strand und werfen Steine. Auf jeden Stein spucken wir den bitteren Beigeschmack der vergangenen Tage. Die persönlichen Tragödien, die sich trotz ihrer kurzen Tragweite schmerzhaft in unser Jahr gezwängt haben, ab in den Strom. Die bösen Worte, gehört und gesagt, fort mit euch. Versinkt mit dem Ballast an Beleidigungen und deren Begleiterscheinungen. In den Schlamm mit der Last des Lebens, wo und wann es seine Leichtigkeit verloren hat.

Jedes Jahr stehen wir hier. Manchmal lachen wir, meistens nicht. Wenn wir alle Steine geworfen haben, kommen die Stöckchen dran. Es ist Schwemmholz, das wir im Laufe der Jahreszeiten aufgelesen haben. Glatt und weich liegt es in der Hand, zart gemustert und nicht selten in Tiergestalt. Schlangen, Vögel, Drachen und Krokodile. Wir werfen sie ins Fahrwasser. Sie treiben mit unseren Wünschen ins Meer. Vielleicht bleiben sie auch irgendwo hängen oder werden von anderen Hoffnungsträgern aufgesammelt.

Sind die Lasten versenkt und die Wünsche auf die Reise geschickt, bleibt dieser unbestimmte Rest. Restmüll aus dem Alltag, den wir an Silvester in einer Tonne verbrennen. Wir sind nicht die einzigen mit einer Tonne. Streunende Hunde gesellen sich dazu.

Das Knistern der Feuer, das Winseln der Hunde, das Knallen der Korken, das Fiepen des schmilzenden Plastikmülls und das Knacken brechender Knochen. Zum Lallen des Gelächters steigt schwarzer Rauch in die Luft. Endzeit. Das Jahr läuft ab. Der Fluss fließt fort.

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Farbe Feuer Kraft

DracheDas Fest fängt an und der Mann trinkt. Alkohol mischt sich in seine Sinne. Vor die Augen setzen sich Schleier aus explodierender Luft. Auf seiner Haut brennen Funken. In den Ohren dröhnen Geräusche. Sein Gehirn denkt in Schleifen: Farbe Feuer Kraft, Farbe Feuer Kraft. Aus diesen Worten macht er ein Mantra und die Melodie ihrer Wiederholung bewegt sich wie Wind.

Singend geht er durch Silvester. In der Gegenwart des Neuen Jahres angekommen schwenkt er seine Flasche und geht zum Fluss. Dort brennen in Tonnen Gestänke aus Plastik. Das Ufer ist ein Meer aus Qualm. Was verbrennt ihr hier? Sachen, die kein Glück bringen. Er schaut in die Tonnen und erkennt nix. Alles nur Schmelz. Melasse. Magma. Er torkelt weiter und an einer der Tonnen trifft er mich. Ich stehe hier und tanze. Er singt Farbe Feuer Kraft. Ich höre zu, schaue ihn an und lächle.

Es kann eine Geschichte aus uns werden. Das Uns glimmt noch, würde sich aber zur Flamme verändern. Glaube ich, die ich in dieser Nacht die Zukunft sehe wie ich den Sand an den Füßen spüre. Er müsste mal mehr Wörter sagen. Mehr als Farbe Feuer Kraft. Oder reicht das aus für einen Weg? Wo hat er diese Worte her? Seine Worte erinnern mich an meine: Mut Morgentau Gelegenheit. Darf ich mich vorstellen? Mut Morgentau Gelegenheit. Für diese Nacht reicht das.

Jede/r hat drei Wörter. Die können sich ändern. Von Zeit zu Zeit. Ansonsten stiften sie Ruhe und Stabilität. Den Mann von der Tonne nenne ich FFK. Er ruft mich MMG. Okay, das ist nicht was Poeten tun. Pöbel hätte uns der Adel genannt. Die um die Tonne stehen.

Bei Sonnenaufgang ist das Neue Jahr da. Wie eine Ware wartet es auf Verwertung. Es hat Kleber mit der Aufschrift: Nutze mich! Ein Imperativ zum Jahresanfang. Mir kommt das komisch vor. Ich will lieber eine Gelegenheit ergreifen. Das mit der Zeit ist ja eher Zufall. Kannst du mir folgen, frage ich FFK. Er nickt und folgt mir.

Spinne

aus: Wo ist Mami? Axel Scheffler & Julia Donaldson

Spinne aus: Wo ist Mami? Axel Scheffler & Julia Donaldson

Heute morgen laufe ich in frischrotem Styling direkt in das Spinnennetz und hüpfe wie von der Tarantel gestochen im feuchten Garten herum, fege mir die klebrigen Fäden vom Haar und ruiniere meine Frisur. Die Spinne hat ein Kreuz auf dem Rücken und lacht. Sie heißt alter Schwede Spinne, weil sie so groß ist und Klone im ganzen Garten verteilt hat, die überall ihre Netze spannen. Damit fangen sie in der Regel fliegende Opfer, wickeln sie ein und saugen sie dann aus. Leere Hauthüllen fallen auf loses Laub.

Ich bin aus Versehen in die Verspannung gerannt. Noch müde in den Augen sehe ich sie im Nebel nicht. Sonst würde ich wie in Mission Impossible über die leuchtenden Laseralarmstrahlen tanzen und die Frau von nebenan wäre pikiert über meine Verrenkungen. Ich nenne sie nach Art der Pflanzennomenklatur gemeine Nachbarin. Sie findet ich bin unangepasst. Das sagt sie mal zu ihrem Mann als sie denkt ich kann sie nicht hören, dabei stehe ich direkt hinter der Mauer und lausche. Was ich nicht verstehe: wenn es regnet spannt sie über ihre Pflanzen Regenschirme. Das ganze Grundstück ist bei diesem Wetter mit bunten Schirmen bedeckt, wenn das nicht schräg ist. Sie sollte sich kein vorschnelles Urteil über mich erlauben oder zumindest nicht im Freien wo sie jeder hören kann darüber reden. Ich stolpere also ungebremst in das Spinnennetz, weil meine Schuhe heute Absätze tragen und sie versinken in der weichen Erde. Das hat eine leichte rückwärtige Neigung zur Folge und ich bin froh, dass da wieder die Mauer ist. Sie bremst meinen Fall und außer den Spinnenfäden legen sich jetzt auch noch irgendwelche Insekten auf meine Schulter. Igitt!! Ich habe einen Termin und diese termitenartige Intermission irritiert mich.

Wo ist mein Humor? Eben war er noch da. Linke äußere Jackentasche? Da gehört er hin. Innen ist das Herz, darüber der Humor. Was wäre sein Witz? Pfui Spinne? Nö. Ins Netz gegangen? Hm. Lahm. Mein Gehirn hilft mit einer Analogie aus: Sie tanzt auf dem Gras wie eine Spinne auf der heißen Herdplatte. Hat schon etwas mehr Feuer. Meine Zeit läuft ab. Eigentlich bin ich auf dem Weg zur Bahn, schön am Rhein entlang fahren und noch etwas verträumt in die Strömung schauen. Das war der Plan. Jetzt stehe ich mit zerzaustem Haar am Automat und versuche Haltung zu bewahren. Geschniegelte Frühaufsteher ohne Spinnenkontakte verstehen mein entgleistes Erscheinungsbild nicht. Noch vor zehn Minuten hätte ich auch gestarrt. Spinnefeind. Das muss ein Stichwort sein, denn plötzlich ist mein Humor wieder da. Ich begrüße ihn auf englisch, denn er mag das Schwarze. Dann fahre ich entspannt zu meinem Netzwerktreffen.

Save Our Ship

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Sieben Inseln in meinem Traum. So als wäre rund um das Siebengebirge alles Land geflutet und nur die Gipfel schauen noch heraus. Der Rhein ein Meer mit Strömung. Von der letzten Landzunge des Petersberg-Archipels blicke ich in Richtung Eifel. Die Kegel vulkanischen Ursprungs ragen auch noch aus dem Wasser, sind aber unerreichbar ohne Schiff.

Den Flussschiffern fehlt die Orientierung. Verwirrt fahren sie mit ihren Kähnen kreuz und quer. Ihre Ladung werfen sie über Bord. Was wollen sie mit schwerem Schrott. Den kauft niemand wenn alles schwimmen muss. Die Häfen sind hoffnungslos verloren. Das Boot allein wird sie zu reichen Männern machen. Sie transportieren Menschen, die sehnsüchtig auf den schimmernden Meeresboden gucken, wo ihre Autos versunken sind. Sie beugen sich nach unten zu ihren verlorenen Schätzen. Vor noch nicht so langer Zeit haben sie mit geneigtem Kopf auf ihre Mobiltelefone gestarrt, jetzt schauen sie wie gebannt ins Wasser. Als würde es von der Intensität ihres Blicks verdunsten. Tut es aber nicht.

Hier vor meiner Haustür: Sieben Inseln, die unter anderem nun Öl-, Löwen- und Dracheninsel heißen. Die Stenzelfelsen ein schroffes Riff. Aussichtspunkte, an die Brackwasser schwappt. Ich habe Glück, erstens weil das nur ein Traum ist und zweitens weil ich auf dem Petersberg zu Hause bin und dort ein Luxushotel steht. Die einzige bewohnte Insel die noch den Namen Berg verdient. Auf der Ölinsel steht ein kleines Haus, ein Einkehrhäuschen, deren Bewirtschafterin nachts ins Tal schlafen geht und das Wasser kam in der Nacht.

Das Fünfsternehotel ist ein Hochsicherheitshaus, das der Regierung gehört. Es rühmt sich etwas schamhaft das „Deutsche Camp David“. Peinlich. Ich schäme mich fremd für diese Bezeichnung. Bill Clinton ist hier mal zwischen den Videokameras im Wald gejoggt und danach haben sie Schilder hingestellt und den Weg Bill-Clinton-Pfad genannt. Für geübte Läuferinnen wie mich ist die Distanz ein Witz und als heilige Fußstapfen empfinde ich die längst verwischten Abdrücke von Clintons Nikeschuhen auch nicht. Außerdem stören mich die Kameras. Ich stelle mir vor, wie in einem kleinen unterirdischen Raum ein etwas schmuddeliger Sonderbeauftragter des Bundesnachrichtendiensts die Bildschirme betrachtet, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und sich dann wieder der X-Box zuwendet. Es gibt geheime Gänge, die geflutet keinen Sinn mehr machen. Der Berg ist seit der Römerzeit unterwandert, es gibt Dutzende von Höhlen und dunkle in den Fels gehauene Wege.

Dass die hier U-Boote gebunkert haben, glaube ich nicht.

Als vor 883 Jahren der Ritter Walther der Einsiedler an das Rheinufer gespült wurde und er sich mühsam durch das Gestrüpp auf den Gipfel des Petersberg stieg, der damals noch Stromberg hieß, um sich umzuschauen, fand er die Grundmauern eines Ringwalls aus der Zeit von ca. 100 v. Chr., baute ein Haus darauf und sein gemütliches Feuer lockte Zisterziensermönche aus der Eifel an, die sich dort niederließen, aus dem Haus eine Kirche machten und den Ort hernach immer frommer, Kreuz-, Prozessions- und Bittwege errichteten, die heute noch erhalten sind. Damals war die große Flut eine biblische Geschichte, die in der Vergangenheit lag und mit deren Wiederholung die Mönche nicht so bald rechneten, weil sie auch noch nichts von der globalen Erwärmung gehört hatten. Sie hätten sich gewundert ob der Wasserlandschaft, die jetzt die Hohlwege hochdrückt.

Bald, sagt mir mein Gehirn, wird es hier ein Hauen und Stechen geben um die besten Plätze. So wie man es kennt aus den Endzeitszenarios. Die Drehbücher sind alle schon geschrieben. Die mit den Schiffen werden gewinnen. Dann weckt es mich mit einem Stromstoß aus dem Hochspannungszaun.

Ich wache auf mit tauber Haut. Es kribbelt in meinem Innern wie nach der Berührung mit einem aktiven Kuhweidendraht. Ein Dieselmotor tuckert leise, eigentlich ein vertrautes Geräusch ohne Anlass zur Sorge. Ich springe aus dem Bett und renne zum Fenster. Da ist es. Auf dem Rhein, wo es hingehört. Stromaufwärts. Niemand hätte meinen halb verschlafenen Hilferuf verstanden SOS Save Our Ship. Die Feuerwehr wäre angefahren, das Hauptquartier direkt um die Ecke. Sie hätten eine Menge Lärm gemacht und nur einen Traum gelöscht.

Gorilla

Ich hänge im Luv eines tropischen Nebelwalds fest. Also mental. Mir fehlt für diese Situation eine adäquate Klassifizierung, was soll ich tun.

Mein Gehirn geht auf Go: Ein Luvhang liegt quer zur vorherrschenden Windrichtung und die am Berg aufsteigenden Luftströme kühlen sich so ab dass es zur Kondensation des Wasserdampfs und damit zu Nebel kommt. Das hat es irgendwo in meiner lexikalischen Erinnerung über Pflanzenbücher ausgegraben. Hat es auch berücksichtigt, ob es mir jetzt hilft.

Meine Lage ist folgende: Mit einer Gruppe von Menschen mache ich diesen Marsch durch die Mancha. Die Männer machen abends Feuer, das die Haare der Mädchen färbt. Einmal die Ebene hinter uns gelassen wird es warm und üppig und es stehen Berge in der Landschaft, die mit dichtem Wald bewachsen sind. Im Lager lachen wir endlich mal.

Die Musik der Nacht um uns herum. Schrille Schreie, lautes Zirpen von Monsterzikaden und gruseliges Geraschel im Gebüsch. Die Männer sagen Bäume, Büsche und Blumen. Die Mädchen mischen sich ein. In diesem Mikrokosmos machen sie Mango- und Mammutbäume aus, dornige Mahonienbüsche mit ledrigen stachelspitzigen Blättern und blaubereiften Beeren. Nein, nicht essen. Die Männer nicken und öffnen geschickt die Konserven. Morgen werden sie wieder mitreden jetzt sind sie müde.

gorilla1Wo war ich. Ach ja. Am Hang. Im Nebel. Wie ein Gorilla. Was soll diese Affen-Assoziation. NEIN. Mein Gehirn grinst und schickt mir über die Kehle einen heiseren Laut. Ein Primatenpusten. In Affenart wiege ich meinen Körper und reiße die langen Arme hoch. Entblöße mein gelbes Gebiss und gröle. Finde Gefallen daran.

Nach dem blauen Schaf und dem Känguru bin ich jetzt eine Gorilla. Ganz schön mutig von meinem Gehirn. Es stellt sich einer selbst erdichteten Dominanz. Scheint nicht nur ein Experiment für mein Ego zu sein, sondern ein existentieller Selbstversuch. Das mit dem Nebel macht es nicht einfacher. Ich komme langsam dahinter was das soll. Ein einfaches Etikett. Ein Standard. Eine Kategorie. Gorilla im Nebel. Wie der Film. Mach einfach was die Affen machen. Ich muss nachdenken. Ist schon so lange her dass ich Gorilla … äh … im Kino war.