Wo ist der Schatz?

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Ich treibe mich am Flussufer herum. Niedrigwasser, während anderswo das Meer sein Comeback feiert. Alles ist entblößt: Wurzeln, Schlamm, Algen und Steine, die sonst in der Strömung sind. Wo ist der Schatz? Eine eiserne Kiste gefüllt mit dem Gold eines Königs. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass mich ein Übermaß von Zeit am Fluss irgendwann in den Besitz dieser Kiste bringen wird. Schön dumm, könnte man auch sagen. Doch hier gilt wie immer und überall keine Monokausalität. Die Welt der Moleküle und Materie ist komplex.

Ich suche nicht. Mein Blick und meine Gedanken schweifen ins Flussbett. So stehe ich tagein tagaus. Wie ein Monolith. Die anderen Monolithen winken mir zu. Sie stehen in sicherem Abstand flussauf und flussab, auch am anderen Ufer, aber die Verbindung zwischen uns ist schwach. Die am gleichen Ufer haben die gleiche Absicht und den gleichen Glauben.

Die Kiste mit dem Gold liegt irgendwo genau hier in meiner Nähe. Würde ich sie spähen, müsste ich sofort lossprinten und sie bergen. Die anderen Späher wären mir dann schon auf den Fersen. Sie würden sich geifernd und gierig wie Zombies auf mich stürzen wollen und mir die Kiste entreißen. Koste es was es wolle. Sie gingen auch über meine Leiche. Meine Leiche würde dann irgendwann von der Strömung fortgespült, wenn der Fluss wieder mehr Wasser führt. Damit es nicht dazu kommt, haben wir alle einen geheimen Plan. Mein Plan stellt sicher, dass nur ich die Kiste mit dem Gold kriege. Da er geheim ist, kann ich ihn hier nicht verraten. Er hat mit Dunkelheit zu tun und einem Quäntchen Glück.

Glück ist üppiger gestreut als manche denken. Überall liegen kleine Glücksfetzen herum, bunte Scherben, die in der Sonne funkeln, farbige Fischköder mit eisernen Haken, das Lächeln der weißen Ente… Die weiße Ente sehe ich jeden Tag. Wenn sie an mir vorbeischwimmt, schaut sie mich an und lächelt. Dann empfinde ich ein Quentchen Glück. Diese Menge reicht vielleicht aus, um den Schatz zu bergen.

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Das Jahr läuft ab

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Die unmittelbare Nähe zum Fluss ist angefüllt mit Geräuschen und Lärm. Die Dieselmotoren der Schiffe, die Ketten der Kähne beim Ankern, das Scharren der Ruder auf dem Kies, das Kreischen der Möwen, das Brechen der Wellen am Uferbeton, das Dröhnen des Nebenhorns, das Kratzen der Lautsprecher von den Ausflugsdampfern. Das Fließen selbst ist nicht zu hören. Der Fluss des Wassers ist still und mächtig. Die Strömung ist stark und beständig.

Wir stehen am Strand und werfen Steine. Auf jeden Stein spucken wir den bitteren Beigeschmack der vergangenen Tage. Die persönlichen Tragödien, die sich trotz ihrer kurzen Tragweite schmerzhaft in unser Jahr gezwängt haben, ab in den Strom. Die bösen Worte, gehört und gesagt, fort mit euch. Versinkt mit dem Ballast an Beleidigungen und deren Begleiterscheinungen. In den Schlamm mit der Last des Lebens, wo und wann es seine Leichtigkeit verloren hat.

Jedes Jahr stehen wir hier. Manchmal lachen wir, meistens nicht. Wenn wir alle Steine geworfen haben, kommen die Stöckchen dran. Es ist Schwemmholz, das wir im Laufe der Jahreszeiten aufgelesen haben. Glatt und weich liegt es in der Hand, zart gemustert und nicht selten in Tiergestalt. Schlangen, Vögel, Drachen und Krokodile. Wir werfen sie ins Fahrwasser. Sie treiben mit unseren Wünschen ins Meer. Vielleicht bleiben sie auch irgendwo hängen oder werden von anderen Hoffnungsträgern aufgesammelt.

Sind die Lasten versenkt und die Wünsche auf die Reise geschickt, bleibt dieser unbestimmte Rest. Restmüll aus dem Alltag, den wir an Silvester in einer Tonne verbrennen. Wir sind nicht die einzigen mit einer Tonne. Streunende Hunde gesellen sich dazu.

Das Knistern der Feuer, das Winseln der Hunde, das Knallen der Korken, das Fiepen des schmilzenden Plastikmülls und das Knacken brechender Knochen. Zum Lallen des Gelächters steigt schwarzer Rauch in die Luft. Endzeit. Das Jahr läuft ab. Der Fluss fließt fort.

Dilemma bzw. die Lämmer

Ich wohne zwischen dem Ufer des Flusses und dem Fuße des Berges. In dieser schmalen Zone. Der Boden steigt zuerst leicht an, dann wird er ein steiler Hang. Gerade stehen ist nicht vorgesehen. Auf der Wiese mit den Streuobstbäumen weiden Schafe trächtig mit Lämmern. Sie gucken blöd und blöken.Schaf8Schafe denken immer ich wolle ihnen was. Weit gefehlt. Wegen denen komme ich doch her. Das kapieren die nicht. Nur weil ich anders aussehe akzeptieren sie mich nicht. Oder sie sind wirklich klug und denken an das was Albert Einstein gesagt hat: Willst du ein ordentliches Mitglied der Schafherde sein, musst du vor allem eins sein: Ein Schaf. Okay, ich bin kein Schaf. Ich fühle mich nur verwandt. Das reicht aber nicht. Verdrängt von einer Mauer aus Misstrauen gehe ich zurück zum Fluss.

Am anderen Ufer steht Anna und winkt. Sie hüpft auf der Stelle. Ihr roter Mantel sendet rote Signale. An ihrem Hüpfen erkenne ich sie. Die Schiffe kümmert das nicht, mich schon. Würde sie rufen könnte ich nichts hören. Das Wasser ist still doch die Strömung dröhnt. Nonverbal können wir hier nicht kommunizieren. Das Netz geht nicht. Niemand kann Nachrichten senden. Wirklich. Seit Wochen schon. Annas Arm macht ausladende Andeutungen in Richtung Fähre. Heißt das sie setzt über oder soll ich? Würden wir weiter warten stünden wir noch eine Weile. Die Beherzte bin ich. Schon immer gewesen. Weil Stillstand nicht mein Ding ist. Bewegung ist meine Berufung. Das klingt gut, ist es aber nicht immer. Manchmal schieße ich am Ziel vorbei. Zuviel Fahrt weil ich bergab renne. Allein. Kurz vor dem Ufer bremse ich ab.

Auf dem Schiff schlottern mir die Knie. Der Wind ist kalt und stark. Anna wird größer und das Rot ihres Mantels reicht für uns beide. In ihrer Umarmung schwindet mein Schwarz. Ihre Lippen sind wie Purpur. Mein Schwarz, ihr Rot und das Weiß der ersten Blumen erinnern mich an Schneewittchen, Weiß wie Schnee, Rot wie Blut, Schwarz wie Ebenholz. Anna fängt an zu erzählen und in ihre Worte wärmen mich. Das mit dem Fluss ist ein Dilemma sagt sie. Ich stimme zu und umklammere dabei mein mobiles Endgerät, das nur noch Fotos und Filme trägt. Erinnerungen, die niemanden mehr erreichen, jedenfalls im Moment nicht. Das Ganze ist wie eine Endzeitübung. Am Ende wäre Anna auf der einen Seite und ich auf der anderen. Der Fluss ist breit und brutal. Die Möven kreischen ihr Geschrei.

Castle

Eine Frau geistert in diesen Mauern. Nachts hetzt sie durch den Saal, aber niemand sieht sie. Keiner hört sie, wenn sie ihre Klagen flüstert. Sie ist eine Erinnerung, so stark und mächtig, dass sie wie Materie ist. Ein Hologramm. Eine Gestalt. Eine Tote, die mal gelebt hat. Sie ist da für die, die so etwas für möglich halten. Sie ist eine Mahnerin. Nicht alle müssen sterben, die von diesem Turm springen. So hoch ist er nicht. Man kann das auch überleben. Sie springt und schafft es nicht.

Die Schlüsselszene ist folgende: Es ist 1885. Anna ist jung und nach eigenem Ermessen nur mäßig hübsch, weil sie keine Kurven hat und ihr Haar zu dünn ist. Außerdem kräuselt es sich ungeordnet zu wirren Locken wenn die Nebel vom Fluss aufsteigen. An ihrem 21. Geburtstag schenken ihr ihre Freundinnen Konzertkarten. Grandios. Mit glücklichem Gesicht kommt sie irgendwann in der Nacht nach Hause und wundert sich, dass in der Halle das Licht brennt. Dann fällt ihr ein, dass ihre Mutter sie nicht zu dem Konzert gehen lassen wollte. Sie will sie an ihrem Geburtstag ganz für sich haben. Sie hat sich widersetzt. Die Wut ihrer Mutter hat sich bis in die späten Abendstunden in einen rasenden Zorn verwandelt.

Anna kennt das schon. Wenn sie Pech hat, ist in ihrem Zimmer eine Verwüstung angerichtet oder in ihrem Tagebuch Seiten heraus gerissen. Sie schreibt mittlerweile ihre Aufzeichnungen im Bewusstsein dessen, dass die Mutter sie liest. Weil sie nicht einsieht, dass sie ihr Tagebuch verstecken oder immer bei sich tragen soll. Die Mutter verstößt gegen ihre Privatsphäre und nicht umgekehrt. Also ist sie selber schuld, wenn ihr nicht passt was da über sie geschrieben steht. Nun steht sie in der Tür und kann sich kaum beherrschen. Sie versperrt Anna den Weg ins Innere des Hauses, streckt ihre Hand aus und fordert mit lauter Stimme die Schlüssel ein. Sie sagt: Du gehst jetzt. Verschwinde. Ich will dich nicht mehr sehen. Schiebt ihre Tochter von der Schwelle und knallt die schwere Tür zu.

Verblüfft steht Anna noch eine Weile in der kalten Nachtluft. Was habe ich getan? Denkt sie. Nichts. Nichts. Nichts. Sie schnappt sich ihre Tasche und läuft den Berg hinab. Der Nachtwind tut gut. Fünf Jahre lang kehrt sie nicht zurück. Im vierten Jahr springt ihre Mutter vom Turm.

Diese Geschichte ereignet sich wirklich. Sie ereignet sich so lange immer wieder, bis sie auch Anna, die ich kenne, passiert. Sie starrt auf den Sims und sieht in die Tiefe. Etwas in ihr zögert. Wie kann sie aus dieser Schleife schlüpfen? Sie will nicht springen. Auch nicht irgendwann. Will auch gar nicht schuldig sein.

Den Geist ihrer Mutter schickt sie zum Teufel. Der will ihn nicht. Also geistert er weiter.

Einsicht ins Mich

 

Auch wenn ich mich über die Nominierung von fuerhilde sehr freue und fürs hier und jetzt auch Antworten geschrieben habe weil ich auch gerne gelesen habe was sie geschrieben hat, sträubt sich in mir der Gedanke an die Kette. Auch kommt es mir vor, als wären fast alle um mich herum schon nominiert und ich wüsste gar nicht mehr wen ich für den Award nennen sollte… Obwohl ich zugeben muss, dass ich einige neue mir unbekannte schöne Texte gelesen habe… danke trotzdem.

Will auch die Regeln nicht verschweigen: Es geht darum weniger bekannte Blogs vorzustellen und miteinander zu verlinken.

verlinke die Person, die Dich nominiert hat
beantworte die 11 an Dich gestellten Fragen
denke Dir selbst 11 Fragen aus
nominiere 5-11 Blogs, die weniger als 200 Follower haben
die Nominierten müssen über die Nominierungen informiert werden

Wie viel Platz hat das Bloggen in deinem Alltag?

Ich schreibe alles auf. Um mich herum liegen Zettel, auf die ich Dinge schreibe, die ich nicht vergessen möchte. Also relativ ungeordnet und ich schreibe dann BLOG dazu, wenn ich meine, das ich darüber mal schreiben will. Der Alltag ist die Essenz für den Blog, das Aufblasen und Dehnen von Bemerkungen, von Berichterstattung im Radio, von Blicken aus dem Fenster, wenn die Nachbarin wieder die Schirme aufspannt, um ihre Pflanzen vor dem Regen zu schützen. Also ist auch Bloggen Alltag, es gehört dazu wie Geschirrspülen und den Staub wegwischen. Die Entropie der Wörter und der Eindrücke aufhalten und sie in eine vertraute Form packen. Den Blog.

Wie viele deiner Verwandten, Bekannten und Freunde setzen sich mit deinem Schreiben auseinander?

Nur ein paar. Sie lesen. Auseinandersetzen tun sich nur einige wenige. Vielleicht verstehen sie nicht was das ist, Bloggen. Mein Bloggen. Meine Mischung aus Wahrheit und Dichtung. Meine Bilder zu weit weg. Zu erklärungsbedüftig oder absurd. Übertrieben. Nur wenige haben wie ich auch immer geschrieben. Oder auch immer gelesen. Verstanden. Nicht zu vergessen die Passiven, die weder das eine noch das andere tun. Und diejenigen, die keine Zeit haben. So viele haben keine Zeit für so etwas wie Blog lesen oder verstehen. Sie fragen mich woher ich die Zeit nehme „auch noch zu bloggen“ und „wofür eigentlich?“

Wohin gehst du, wenn du traurig bist?

In den Wald. Im Wald wird Größe relativ. Auch die Größe der Trauer. An den Rhein. Ich weine in das Wasser. Es trägt die Trauer fort. Ich brauche diesen ritualhaften Symbolismus. Bin im Innern pathetisch und Drama.

Wann ist die beste Zeit zum Schreiben?

Ich schreibe immer. Es gibt nicht die ideale Zeit. Ideal ist der Zustand genau dann schreiben zu können wenn mir etwas einfällt. Wenn plötzlich ein Gedanke im Kopf erscheint, der formuliert werden will. Oder wenn sich ein Gefühl einschleicht, das exakt beschrieben werden will. Bis es auseinanderfällt. Die Suche nach den richtigen Worten ist wie ein Abtauchen in eine zeitlose Zone. Bin schon oft wieder daraus aufgetaucht und habe mich gewundert, wie viel Zeit vergangen ist. Kostbare Zeit, sinnvoll verbracht, haha.

Wann hast du angefangen zu schreiben?

Mit 12. In einem Dänemark-Urlaub, als ein Cousin mich dauernd geärgert hat und ich mich präpubertistisch darüber aufgeregt habe. Danach habe ich nie wieder aufgehört. Vor einigen Jahren habe ich meine frühen Tagebücher verbrannt, nachdem ich sie vorher zu einer Geschichte zusammengeschrieben habe. Das könnte ich eigentlich mal wieder tun. Es ist schon wieder soviel Zeit vergangen.

Welche ist deine Lieblingsjahreszeit?

Frühling. Alles wächst, sprießt, drängt sich in den Vordergrund. Ich mag Blender, vor allem bei Pflanzen. Die an Kraft zunehmende Sonne. Die sich erwärmende Erde. Das zarte Grün.

Wirst du irgendwann aufhören zu schreiben?

Ich glaube nicht. Habe es nicht vor. Ich werde schreiben bis ich umfalle. Noch beim Umfallen in die Luft schreiben und mit dem letzten Atemzug Buchstaben in die Erde kratzen.

In welcher Stadt fühlst du dich am wohlsten?

Königswinter und Berlin. Klein und groß. Königswinter etwas lieber, weil kleiner. Berlin intensiver für zwischenmenschliche Gefühle, Abenteuer, Auseinandersetzungen. Am wohlsten fühle ich mich aber außerhalb der Stadt, im Wald, in der Landschaft, am Rhein. Ich bin am liebsten so oft wie möglich draußen.

Was liefert dir die Rohstoffe aus denen am Ende ein Text entsteht?

Der Alltag. Mein dramatisches Innenleben, von dem ich mich manchmal wundere, warum es so wuchtig ist. Warum es in mir wühlt. Warum mir mein Gehirn so oft etwas vormacht. Projektionen. Fantasie. Möglichkeiten. Abenteuer. Grenzerfahrungen. Jedes kleine Ereignis kann ganz groß und mächtig werden. Insofern leitet mich nicht ein bestimmtes Thema, sondern eine Vielfalt von wechselnden Empfindungen und Erlebnisse, die mein tägliches Leben ausmachen.