Elefant

elefant

Er sagt von sich er hat eine Elefantenhaut. Scheint abgebrüht zu sein. Lässt nichts so schnell an sich herankommen. Kann einiges wegstecken. Ist die dicke Haut eine Qualität? Dickhäuter. Elefantengefühle sind als Vergleich untauglich, weil: wie fühlt ein Elefant? Ist nur zugeschriebenes Zeugs. Eine Elefantenträne im faltigen Auge. Das Scharren der weichen Plattenfüße im Staub. Der Pinselschwanz.

Komm mir nicht mit dem Pinselschwanz, sagt er. Er wird wütend und schnaubt. Er hat sich eine löchrige Elefantenadaptation angeeignet. Von wegen dicke Haut. Die üblichen Schwachpunkte in der Selbstwahrnehmung. Ich beobachte nur. Versuche sein Gefühl in den sprachlichen Griff zu kriegen. Bist du ein harter Kerl, frage ich. Nein, ich habe auch meine sanfte Seite. Ja, wie alle Kerle, denke ich, erst schlagen sie zu und hinterher heulen sie dir was vor. Jetzt bin ich aus meiner Rolle gefallen. Habe das aber nur gedacht, nicht gesagt. Gedanken lesen kann er nicht. Vom Rüssel fange ich erst gar nicht an.

Das Gefühl eine Elefantenhaut zu haben ist eine Distanz, die durch Größe entsteht. Plus einer eingeschränkten ledrigen Wahrnehmung, die ein Gegenüber nicht einzuschätzen vermag. Sensoren in tiefen Schichten. Keine Antennen für Atmosphäre oder Auren. Stumpf nach innen, steif nach außen. Umschrieben mit Haut. Die Analyse ist abgeschlossen. Kein Aha-Effekt, aber näher gekommen als gedacht.

Der nächste Schritt ist eine Veränderung der Selbstwahrnehmung. Vielleicht ein anderes Tier. Aber nicht unbedingt. Eventuell auch einfach ein Mann, der sich wohlfühlt.

kr kr kreativ

kreativ

Stotterst du nun, fragt Anna. Neee. Dieses kratzige Wort macht es mir nicht leicht. Es hört sich an wie das Gegenteil von dem wie es sich anfühlt. Kreativität als Bedürfnis einzuordnen ist ein weiterer Schritt auf meiner Identitätstreppe.

Du hast eine Identitätstreppe? Und? Gehst du hoch oder runter? Ist das so was wie die Karriereleiter? Gläserne Decke und so?

Selten hat Anna so viele Fragen. Es ist das glatte Gegenteil von Karriere. Die Treppe ist aus Luft. Karrieristen sehen sie nicht. Kreativität ist leicht, unsichtbar und manchmal so dick wie ein Fesselballon. Bläht sich in mir auf und verdrängt alles andere. Will ein Wort sein und zwar ein ganz bestimmtes. Ich suche es , forsche danach, rolle es auf der Zunge und wiege seine Leichtigkeit. Der Gedanke wird flüssig und fließt in den Bauch. Dort wird er wahr. Wenn der Bauch sich bläht vor Freude.

Dann steige ich auf. Verlasse die Gesetze der Schwerkraft und fliege. Aus dem Wort wird ein Satz und die Idee zieht mit einer Wolke wie ein Tropfen Regen. Jeden Moment kann er fallen. Auf fruchtbaren oder unfruchtbaren Boden. In die Wüste. Ins Meer. Auf einen Schrottplatz. Dort rostet er fest. Wenn ich Pech habe.

Anna lacht. Gefällt mir, sagt sie. Du hast aber kein Pech, du hast Glück. Ich kenne dieses Bedürfnis nicht. Ich kenne nur die anderen sex, äh sechs. Hihi. Bin aber trotzdem irgendwie ganz.

Klar bist du das, Anna. Du bist wunderbar. Mehr braucht es nicht. Meine Kreativität ist wie ein zusätzliches Hungergefühl, eine Kalorienbombe, ein Dickmacher, eine Fettsucht. Öl, das auf Wasser schwimmt. Das sich regenbogenfarben breit macht. Ich sehe sie nur von innen.

Ich sehe sie von außen, sagt Anna. Sie ist ein Geschenk. Eine zusätzliche Dimension, eine Facette, ein Detail, das du polieren kannst. Lass es zu.

Annas Imperativ stärkt meinen Impuls. Sie sieht die wilde Intuition, die manche in die Irre führt. Anna nimmt die Federn als Boa auf und windet sie um ihre Schultern. Blinkt mit den Lidern, senkt sie einladend ab.

Jetzt ein Drink aus Holunderblütensirup, Zitrone und Quellwasser – auf die Kreativität und das was sie auslöst. Was wäre sie ohne das andere. Danke Anna.

unvollendet

Diese eine Liebe ist unvollendet. Höflich und brutal wurde sie unterbrochen. Seither schwebt sie im Nimmerland. Ist immer noch Möglichkeit und schön gemalte Melancholie. In ruhigen Momenten weine ich, in aufgewühlten trete ich gegen Gegenstände, die meinem Tritt Einhalt gebieten und dem Schmerz seinen Lauf. Blut im Schuh. So ein unvollendetes Gefühl entwickelt ein Eigenleben, es schaufelt sich die Tiefe, die ihm zusteht. Das Gehirn hilft ihm dabei. Sie sitzen dauernd zusammen und brüten über den Raum, den sie einnehmen wollen. Mein Gehirn, die mentale Schaufel. Gräbt dem Gefühl einen Graben, in dem es Schutz sucht vor meiner Gier nach Vergessen. Und findet. Meine Versuche, die Vergangenheit auszulöschen, fegen wie eine kurze Verwehung über den Graben hinweg. Nur ein kleiner Hauch hat das Gefühl erreicht. Es atmet den Hauch und macht daraus ein Fragment für sein Bild. Ein Mosaik an Erinnerungen, die ich wegschicke und die ihr Ziel nicht erreichen. Statt dessen entsteht eine Statue, ein Monument, ein Stein, aus dem feine Konturen wachsen. Vollendete Unvollkommenheit.

unvollendet

Dieses Pathos in den Worten. Punk Pathos. Rattenpisse auf den Rippen. Ja genau, das hier ist gerade ein aufgewühlter Moment und ich kicke einen Müllcontainer. Der tönt dumpf. Der Schmerz geht bis ins Knie. Das Problem bei diesen unvollendeten Lieben, sage ich jetzt mal so allgemein, ist, dass das abgeschnittene Ende frei herumflattert. Es flattert und weht und fetzt wie ein vergessenes Plastikband an einer Absperrung und irgendwann franst es dann aus. Aber es bleibt, wenn kein Kind oder die Kanalarbeiter es wegreißen.

Ich komme fast täglich an diesem Flatterdings vorbei und will es abnehmen, tue es aber dann doch nicht, weil das könnte ja eine symbolische Handlung sein, deren Folgen ich nicht abschätzen kann. Eigentlich will ich nichts tun, sondern nur warten. Warten, bis jemand anderes etwas macht, das die Vollendung einleitet. Also auf ein Wunder warten. Ja, das mache ich. In der Zwischenzeit lese ich kluge Bücher, spreche mit klugen Menschen und höre anspruchsvolle unvollendete Musik. Ich lese zum Beispiel: Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen. Aha. Die Qualität des Wartens ist eine andere je nachdem auf wen man wartet. Im Wartezimmer meines Zahnarztes auf meinen Aufruf zu warten ist anders als darauf zu warten, dass mich meine unvollendete Liebe anruft. Stimmt. Mein Gehirn weigert sich die Erkenntnis über den Qualitätsunterschied anzuerkennen. Es schickt mich zurück wie eine Touristin mit abgelaufenem Visum. Fang von vorne an sagt es.

Wo ist vorne, frage ich zurück.

Julian und Ezra

sind eigentlich Esther und Julia. Ein kleiner Versprecher gepaart mit flüchtigem Verstehen extrahiert aus langjährigen Freundinnen in Nullkommanix zwei Existenzen, die mit ihrer Identität ringen.

Sie waren sich nicht immer grün; ganz im Sinne von Snow White Stiefmutters Spiegel wollte eine immer die Schönere sein und setzte dafür auch schon mal mediocre Methoden ein. Blöde Beautytipps zum Beispiel, Masken die Pickel machen, gentechnisch veränderte Gurken auf den Augen, geheuchelte Komplimente zu schief sitzenden Karohosen. Das sieht toll aus. Nur du kannst das tragen. Trotzdem diese aus gemeiner Abhängigkeit bestehende Treue.

Über viele Jahre Sommerferien auf einem Campingplatz in der Toskana. Wer da wen übertrumpfte war saisonabhängig und glich sich mit den Jahren aus. Nicht das übliche User und Dealer Beziehungsgefüge, aber sie waren ja auch nicht zusammen. Nicht mal die Idee stand irgendwann im Raum. Umarmungen nach durchtanzten Nächten und verkatertes Kuscheln vor dem Fernseher von der harmlosen Art, die nicht am Esther-oder Julia-Selbstverständnis knabbert.

Und jetzt das. Neue Kennung, Körper und Küsse. Sie sind Julian und Ezra und sie wohnen in dieser Wohnung mit einem Schlafzimmer, dessen Blick auf einen ummauerten Garten geht. Sanft gezähmte Wildnis. Weinranken und Wiesenblumen. Wacholder Juniperus sabina für den Wunsch nach Wirklichkeit: Sie nennen ihn ihren de Sadebaum, er ist in allen Teilen giftig und hätte ihnen in ihrem früheren Leben ersthaften Schaden zufügen beziehungsweise zu Fehlgeburten führen können.

„Wie sind wir nur hierher gekommen?“

„Vielleicht eine Zeitschleife oder ein Paralleluniversum.“

„Du versuchst ja nicht einmal eine vernünftige Erklärung zu finden.“

„Wäre es dir lieber wir könnten uns nicht an die anderen erinnern?“

Wenn sie von früher sprechen sind sie die anderen. Lachen über die Leichen, über die sie gingen. Gewonnen haben sie ein gewaltiges Maß an Ungestüm und Unverfrorenheit. Gewissheit über ihre Gefühle. Gemeinsamkeit.

Verloren haben sie … nichts. Außer vielleicht den Reiz von Rüschenblusen und die Lust auf fieses Versteckspiel. Ihre Rolle war nie eindeutig pro- oder antagonistisch also vernachlässigen sie das. Nun sind sie beide irgendwie gleich. Ob das auf Dauer genug Spannung erzeugt. Warum sollen sie sich einem abstrakten Prinzip beugen. Irgendwie nagt der Zweifel an ihrem Glück wie die Maus an einer Wurzel. Dieses ständige Grübeln. Warum haben es die anderen nicht mit ins Grab genommen. Sind sie überhaupt gestorben. Oder nur gehirngewaschen. Vielleicht vergiftet mit Sadebaumöl.

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