Der Apostroph

Mein Date ist ein Lehrer. Zwei Stunden sprechen wir über Satzzeichen. Kaum haben wir Platz genommen und kurze Höflichkeiten zum näheren Kennenlernen ausgetauscht, reden wir über richtige Rechtschreibung. Bleiben bei den Auslassungen hängen, Komposita. Habe ich jemals so schnell mit einem anderen Menschen eine gemeinsame Leidenschaft entdeckt? Selten sind Lücken so gefüllt mit Glück.

Meine Augen hängen an seinen Lippen. Er sagt Sätze wie „Es liegt eine Fügung vor, in der ein Adjektiv oder Pronomen ungebeugt verwendet wird“ und ich stelle mir dieses ungebeugt sein vor wie einen Fahnenmast im Hollandwind.

Vor dem Café steht ein Schild. Darauf steht „Trink Wasser für Hunde“. Viele empfinden das als Aufforderung. Mich hat es amüsiert und ihn geärgert, aber falsch gesetzte Apostrophe ärgern ihn noch mehr. Zum Beispiel „Beates Blumen Paradies“. Oder „Hugos Bus Reisen“.

So ein Leerzeichen wird anscheinend auch Deppenleerzeichen genannt. Das finde ich wirklich krass, aber so steht es auch in Wikipedia. Wahrscheinlich, weil dort pensionierte Lehrer die Texte genehmigen. Sie haben so viele Deppen in ihrem Leben erlebt. Nicht nur in Bezug auf die Grammatik, sondern generell. Man kann aber auch Hochkomma (LOL) oder Oberstrich sagen.

Ich tue mich schwer, ruhig Blut zu bewahren. Es wallt. Mögen andere sich darüber lustig machen, so wie gerade mein Gehirn. Es hat eine romantische Begegnung geplant und keine, in der es sich in Grammatik üben muss. Es schickt mir eine Röte nach der anderen, um zu beweisen, dass es die Oberhand hat. Mit Röten kann ich umgehen. Insgeheim weiß ich, dass sie mir gut zu Gesicht stehen.

Während der Lehrer in seinem Thema schwelgt, drifte ich kurz ab. Ich sehe einen Drachen unter uns fliegen, während wir hier oben wie auf einer Empore mit unserem Tisch, den Stühlen und der Speisekarte auf seinen stacheligen roten Rücken blicken. Der Drache schwingt sich über das Hintergrundgemurmel und den Apostrophen-Monolog hinweg. Was hat das jetzt zu bedeuten?

Mein Blick ist glasig und darf nach Belieben gedeutet werden. Der Lehrer schweigt. Sieht mich an. Schon lange? Er kann den Drachen unmöglich auch gesehen haben. Oder? Ich lächle. Das muss reichen. Tut es auch.

Selbstähnlich

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„Das sieht dir wieder ähnlich!“ sagt meine Schwester, als ich den Sauerkirschlikör aus dem Schrank hole. Ich lache, weiß aber eigentlich nicht, was sie meint. „Was meinst du damit?“ frage ich. „Na, ja … der Likör, dass du überhaupt welchen hast.“ Hä? Ich habe nicht regelmäßig Likör vorrätig, weil ich das süße Zeug gar nicht mag. Dieser ist ein Geschenk und ich nutze die Gelegenheit, meine unangemeldete Schwester damit zu bewirten. Ich bin so was von einer untypischen Likörliebhaberin. Das glatte Gegenteil von ihr. Also stelle ich ihr gleich die ganze Flasche hin.

Würde ich auf ihrem Ausruf herumreiten, könnte dies ein Streit über Ähnlichkeit werden. Du siehst ihr ähnlich, sie sieht ihm ähnlich und er sieht ihr ähnlich. Wir sind uns da (auch) nicht einig. Ganz zu schweigen von den ähnlichen Wesensmerkmalen und Charakterzügen. So ein Charakterzug kann gefährlich schnell in einen Tunnel voller dunkler Familiengeheimnisse rasen.

Während meine Schwester die Flasche leert, gleiten meine Gedanken in wiederkehrende Strukturen. Mein Gehirn liebt diese Routine. Beim Wort ähnlich wird es nach dem ersten Aufmucken geschmeidig wie Vollmilchschokolade, kommt das selbst hinzu, schmilzt es dahin. Selbstähnlich…. zergeht dem Gehirn auf der Zunge. Das liegt auch daran, wie oft ich diesen Weg gehe. Als Phänomen ist die Selbstähnlichkeit meine Verbündete zur Erklärung der Welt. Mehr. Des Kosmos. Von allem also.

Ich sehe aus dem Fenster. Draußen tanzen die ersten Schneeflocken vom Himmel, auch die Kochsche. Als theoretische Schneeflocke dürfte sie das nicht. Seit wann fliegt Mathe einem zu? Doch da schwebt sie in ihrer ganzen selbstähnlichen Pracht. Jedes vergrößerte Stück ist bis ad infinitum mit sich selbst identisch. „Wunderschön,“ flüstere ich.

„Was ist wunderschön?“ fragt meine Schwester. „Ach, nichts“, antworte ich wie immer. „Typisch“, sagt meine Schwester und prostet mir zu.

kochsche-schneeflocke-abb-selbstaehnlichkeit Skizze

 

Déjà-vu_App

dejavu-app blue eyes

Die Déjà-vu Momente mehren sich. Vor einigen Jahren waren es rudimentäre Reste aus Second Life, die mich an etwas erinnerten, was niemals war. Jetzt sind es vage Andeutungen aus der virtuellen Welt. Sie reichen aus, meine Wahrnehmung auf wunderbare Weise mit Altbekanntem zu versorgen. Mein (Lebens-)Gefährte, das Gehirn, mag das Gewohnte. Seine Priorität im Denkprojekt sind Belohnungen. Über die Jahre habe ich vergebens versucht, es zu Höchstleistungen ohne Honorar zu bewegen – doch es hält allen pro bono Bemühungen stand. Also darf es nun App-Ersatzzuckerchen naschen.

Als erstes nehme ich es mit auf einen schneebedeckten Berg. Früher war ich eine begnadete Boarderin. Habe Tiefschnee durchschnitten wie ein warmes Messer weiche Butter. Mein Gehirn erinnert sich: Damals hat es Glückshormone ausgeschüttet. Einige Nanoendorphine hängen immer noch an den Synapsen. Sie blitzen und funkeln und glitzern wie Eiskristalle.

Der Berg ist ein Programm, der Schnee, der Hang, der Wind, die Kälte – alles Programm. Das Programm ist eine App und die App ist auf meinem Telefon und das Telefon ist quer auf meiner Nase. Wie ein kleines Brett vorm Kopf. In einer Plastikhülle mit feinen Extralinsen für die Projektion. Auf dem Gipfel genieße ich den Rundumblick. Zu meinen Füßen liegt knirschender Schnee, die Sonne scheint am Himmel und der Abgrund fällt um mich herum.

Wo dem Programm die Perfektion fehlt, füllt mein Gehirn die Lücken. Kaum kriegt es Zucker, zögert es keine Sekunde. Es möchte, dass ich glaube, was ich ihm vorgaukle. In diesem Paradox sind wir wie Partner: Wir kennen unsere Vorlieben und wir wissen um unsere Schwächen.

Déjà-vu-Apps gibt es wie Sand am Meer. Programmierte Phänomene für einen Pappenstiel.

Leander Leichtsinn

Lange habe ich über den Leichtsinn gelacht. Ihn nicht ernst genommen. Seine pfauenartige Präsenz ignoriert. Ihn spöttisch Leander Leichtsinn genannt.

Und was macht er? Bedankt sich für diesen albernen Namen. Verbeugt sich eitel, zieht sich in einen Winkel zurück und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Ich frage mich, von wem er den Befehl erhält. Wahrscheinlich von meinem Gehirn, entweder auf Diva- oder auf Stromsparmodus.

Die Diva lässt Leander freies Geleit. Im Galopp lässt er die Gefahr links liegen. Ist nur auf Gewinnen gepolt. Plustert sich auf und wirft die Federboa um seinen Gockelhals, wenn wieder einmal alles gut gegangen ist.

Im Stromspar vergisst er einfach zu denken. Hat keine Power für potentielle Patscher. Im Endeffekt geben sich Diva und Stromspar die Hand und grinsen unverschämt.

Leichtsinn ist nicht der Mangel an Logik. Leichtsinn ist schneller und ohne Kummer. Schwerelos für einen kurzen Moment, in dem alles andere möglich ist – ein Sturz, ein Fall, ein Tod. Der flüchtige* Augenblick, in dem der Leichtsinn das Zögern verhindert und den Sinn in einen Hauch von Nichts hüllt. So schwebt er als Schwert, wie manche sagen. Ich habe dieses Schwert noch nie gesehen.

Mit Leichtsinn fordere ich das Leben heraus, mache es kurzweilig, luftig und liebenswert. Wer will schon ein langes Leben? Leander lacht, als ich das sage.

 

*Dieser Beitrag ist Teil der Ausstellung “flüchtig” im Pumpwerk Siegburg vom 13.8.-23.9.2016

Das Richtige tun

Doing the Right Thing

Tu es! schreit mein Gehirn. Oh look, mein Gehirn, das habe ich ja schon lange nicht mehr gehört. Wo warst du? frage ich fast sehnsüchtig. Es war im ontologischen Raum gefangen, hat sinnlose Sinnfragen gestellt und Zeit verschwendet. Zögernd wende ich ein, Zeit kann nicht verschwendet werden, sie vergeht einfach, so oder so. Ich finde es gut, dass die Zeit vergeht. Sie tut es einfach und die Menschen, denen Zeit so wichtig ist, wehklagen und stöhnen ob Ihrer Vergänglichkeit. Ich nicht. Nach meiner Meinung kann Zeit nicht schnell genug vergehen. Schnell durch die irdische Scheiße. Dann wieder reine Materie sein ohne diese falsche Bescheidenheit oder das Charitygedöns gegenüber Flüchtlingen oder Mitleid mit dem Flüchtigen.

Tu was? frage ich zurück. Na das Richtige! blafft es. Ich hatte es glatt vergessen, mein Gehirn. Es ist ja eigentlich das Einzige, das mir widerspricht, oder? Anfangs ärgerlich, dann befriedigt ziehe ich einen Mehrwert aus dem Widerspruch. Mein Gehirn ist kein Ja-Sager. Ich bin wirklich glücklich darüber. So ein kleines widerspenstiges Gekräusel, das sich querstellt, wenn ich denke. Eine virtuelle Geschwulst. Wäre sie echt, hätte ich vielleicht Schmerzen und/oder nicht mehr lange zu leben. Dann würde ich mich damit auseinandersetzen müssen, wie ich es meinen Kindern sage. Das wäre das Schwierigste. Ich könnte ihnen sagen, dass mich der Tod nicht schreckt. Aber das wäre schwer für sie zu verstehen. Sie sind so jung und auch wenn ich nicht alt bin oder mich alt fühle, für mich ist der Tod eine Option. Immer gewesen. Bei allem, was ich tue und wenn mein Gehirn schreit: Tu es nicht! Bei starkem Wind an der Kante eines Abgrunds stehen zum Beispiel.

Tu es! brüllt es jetzt. Ja was denn? gelle ich zurück. Warum geht es so hart mit mir ins Gericht? Was will es von mir? Tu das Richtige! schreit es. Was ist das Richtige? Diese Frage wird mir mein Gehirn nicht beantworten. Es hat ein Stadium erreicht, in dem es die Entscheidungen mir überlässt. Es hat sich emanzipiert. Das weiß ich zu schätzen, denn so ein Reinreden aus Prinzip ist nervig. Immer gewesen. Wenn es sich jetzt so vehement meldet, muss ich tierisch etwas versemmeln. So würde mein Sohn sagen: versemmeln. Versemmeln heißt: Nicht das Richtige tun.

Das Richtige ist greifbar nah. Es steht vor mir und lacht. Es lacht mich aus, weil ich es nicht gleich sehe. Durch es hindurch sehe. Ich sehe durch das Richtige das Falsche. Das Falsche scheint das Richtige, bis das Richtige einen Schritt zur Seite macht und ich das Falsche erkenne. Das Falsche sieht nicht echt aus. Daran erkenne ich es und lasse es links liegen. Dann wende ich mich dem Richtigen zu.

So einfach kann es sein.