Exen

exen1Mein Freund, der Ex-Banker, sagt Anna ist nicht sein Fall. Anna sagt vice versa und knufft ihn hart am Arm. Einmal zusammen in einer Bar und so was von einer anderen Auffassung von Spaß. Anna lacht und sagt das war´s dann wohl, wir alle nicken und trinken auf den Abschied. Ich kann auch getrennt und dieses Zusammen war nur ein Versuch.

Dafür findet mein Faible für Exen eine Fortsetzung. Dieser Mann mit dem Auto ist ein Ex-Polizist. Hm. Was bedeutet das in diesem Land. Ich kenne nur das Klischee aus dem Kino. Mein Gehirn kreischt: Projektionsfalle! Ich glaube ich bin schon halb eingeklemmt in meinen eigenen Geschichten. Habe mich aber gewundert warum er so systematisch fragt und es für Interesse gehalten. Ist vielleicht nur professionelle Restroutine. Ein Kriminaler also. Er sagt man bleibt es auch wenn man aufhört. Aha. Was bleibt man denn. Nüchtern. Na prima.

exen2Als ich Anna davon erzähle ahnt sie mein Dilemma. Anders als sie habe ich diesen anerzogenen Anstand am Anfang. Gehe nicht aufs Ganze. Hebe mir meine haltlose Heiterkeit auf für wann es passt. Brenne zwar innen schon lichterloh, aber die anderen merken es nicht. Brauche mich dann nur für mich alleine schämen für so viel Vertrauen in den guten Ausgang. Anna sagt schmink dir den ab, der ist ein Beamter. Mit dem wirst du nicht abheben. Der bleibt immer schön auf dem Boden. Wetten der macht nix Illegales, nicht mal ein Bier zur Belohnung, wenn er noch fahren muss. Was für eine Belohnung. Sie hat Recht.

Also schminke ich ab. Pads gegen Make-up und den Mann von der Polizei mit dem Auto. Mein anarchisch gestimmtes Gehirn stimmt einen Jubel an, es hat keine Lust auf diesen Gehorsam. Gesetz. Eine Gratwanderung in Sachen Andersdenkender. Andershandelnder. Andersfühlender. Wen meint es. Mich.

exen3Mit dem Abstand wird mein Blick scharf. Er schneidet meine Sehnsucht in kleine Scheiben und rollt sie zu den Blättern auf die Straße. Dort verwirbeln sie und zerbröseln zu Matsch. Werden wieder Materie für einen neuen Werdegang. Was ist besser. Ein scharfer Blick oder ein unklarer Werdegang. Entscheide mich für Schärfe. Denke an Messer und sonstige Sachen, die nicht ins Spektrum passen. Mein Gehirn macht es mir leicht. Ist doch klar. Es gibt hier nix Gemeinsames. Darauf einen Grappa, Anna, schmeckst du das feine Aroma von fast verfaulten Trauben. Das Andocken des Alkohols an die grauen Zellen, das Stocken der Synapsen, das Aussetzen des Verstands. Genial.

 

Fluss im See

Morgens geht sie schwimmen, viertel vor sieben. Sommers wie winters die knarzende Treppe hinunter in Badeschlappen, die Bettwärme noch auf der Haut und der Blick verträumt. Vertrauter Weg zum Wasser, nur einige Schritte vor der Tür fließt der See. Die Strömung sieht sie nicht, aber sie kennt ihr unbeugsames Ziehen, wenn sie in ihren Sog gerät.

Die Russen haben ihre Angeln ausgelegt. Sie fangen Fische mit vielen Gräten die sonst niemand isst. Das Wasser ist klar und kalt. Sie geht an den Russen vorbei und sie schauen nicht. Ihr Bademantel flattert im Wind, heute ist Sturm und er will die Blätter von den Bäumen reißen. Noch nicht denkt sie und geht noch ein Stück am Ufer entlang. Betonierte Schräge. Treppen. Auf eine der Stufen legt sie ihre Sachen, federt dann auf bloßen Füßen stromaufwärts bis die Distanz stimmt und sie sich vorsichtig nach unten tastet. Ihre Besonnenheit ist zur Gewohnheit geworden seit sie hier mal geschlittert ist. Blut und Aufregung, kein Schmerz. Wie lange ist das her.

Rhein_10Enten meckern als sie in den See steigt, sie sagt See, nicht Fluss, obwohl er hier wieder herausfließt aus der Breite. Der Rhein. Ihr Gehirn kennt was kommt und erregt sich nicht beim Eintauchen ihres warmen Körpers, das Herz pumpt, der Kreislauf rennt, alle Funktionen unter Kontrolle. Das hier ist gegen und nicht für einen Herzinfarkt. Deshalb schwimmt sie aber nicht. Sie will das Kribbeln fühlen, die kleinen Blasen aus Luft, die sich von ihr lösen, den Moment der Stille, wenn sie der See aufnimmt.

Nach fünf Zügen spürt sie die Strömung. Sie bemächtigt sich ihres Gewichts und trägt es behutsam fort. Wird langsam schneller und stärker. Sie muss nun Kraft aufwenden um ihr zu entkommen. Nur etwas Wille und Muskeln. Wie jeden Tag. Die Strömung ist fast immer gleich. Die Temperatur ist launischer. Sie schwimmt auf die Treppe zu, wieder frei vom gewaltsamen Griff. Ihr Geist ist jetzt wach. Sie schlüpft in ihren Mantel und geht zurück. Die Russen gucken nicht. Sie denkt an das was heute vor ihr liegt.

Spinne

aus: Wo ist Mami? Axel Scheffler & Julia Donaldson
Spinne aus: Wo ist Mami? Axel Scheffler & Julia Donaldson

Heute morgen laufe ich in frischrotem Styling direkt in das Spinnennetz und hüpfe wie von der Tarantel gestochen im feuchten Garten herum, fege mir die klebrigen Fäden vom Haar und ruiniere meine Frisur. Die Spinne hat ein Kreuz auf dem Rücken und lacht. Sie heißt alter Schwede Spinne, weil sie so groß ist und Klone im ganzen Garten verteilt hat, die überall ihre Netze spannen. Damit fangen sie in der Regel fliegende Opfer, wickeln sie ein und saugen sie dann aus. Leere Hauthüllen fallen auf loses Laub.

Ich bin aus Versehen in die Verspannung gerannt. Noch müde in den Augen sehe ich sie im Nebel nicht. Sonst würde ich wie in Mission Impossible über die leuchtenden Laseralarmstrahlen tanzen und die Frau von nebenan wäre pikiert über meine Verrenkungen. Ich nenne sie nach Art der Pflanzennomenklatur gemeine Nachbarin. Sie findet ich bin unangepasst. Das sagt sie mal zu ihrem Mann als sie denkt ich kann sie nicht hören, dabei stehe ich direkt hinter der Mauer und lausche. Was ich nicht verstehe: wenn es regnet spannt sie über ihre Pflanzen Regenschirme. Das ganze Grundstück ist bei diesem Wetter mit bunten Schirmen bedeckt, wenn das nicht schräg ist. Sie sollte sich kein vorschnelles Urteil über mich erlauben oder zumindest nicht im Freien wo sie jeder hören kann darüber reden. Ich stolpere also ungebremst in das Spinnennetz, weil meine Schuhe heute Absätze tragen und sie versinken in der weichen Erde. Das hat eine leichte rückwärtige Neigung zur Folge und ich bin froh, dass da wieder die Mauer ist. Sie bremst meinen Fall und außer den Spinnenfäden legen sich jetzt auch noch irgendwelche Insekten auf meine Schulter. Igitt!! Ich habe einen Termin und diese termitenartige Intermission irritiert mich.

Wo ist mein Humor? Eben war er noch da. Linke äußere Jackentasche? Da gehört er hin. Innen ist das Herz, darüber der Humor. Was wäre sein Witz? Pfui Spinne? Nö. Ins Netz gegangen? Hm. Lahm. Mein Gehirn hilft mit einer Analogie aus: Sie tanzt auf dem Gras wie eine Spinne auf der heißen Herdplatte. Hat schon etwas mehr Feuer. Meine Zeit läuft ab. Eigentlich bin ich auf dem Weg zur Bahn, schön am Rhein entlang fahren und noch etwas verträumt in die Strömung schauen. Das war der Plan. Jetzt stehe ich mit zerzaustem Haar am Automat und versuche Haltung zu bewahren. Geschniegelte Frühaufsteher ohne Spinnenkontakte verstehen mein entgleistes Erscheinungsbild nicht. Noch vor zehn Minuten hätte ich auch gestarrt. Spinnefeind. Das muss ein Stichwort sein, denn plötzlich ist mein Humor wieder da. Ich begrüße ihn auf englisch, denn er mag das Schwarze. Dann fahre ich entspannt zu meinem Netzwerktreffen.

Wahnsinnswasser

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In einer Gegend zu wohnen, in der alle Wasser aus dem Wahnbach trinken und in der Wahner Heide wandern, prägt die Wahrnehmung. Es gibt noch mehr Landmarken mit diesem Namen und so bahnt sich der Wahn einen angestammten Platz im regionalkollekiven (Unter-)Bewusstsein.

Wahnbach4Manche, wenn nicht fast alle, also fast eine Million Menschen, wissen nicht woher das Wasser aus ihrem Hahn kommt und nachgefragt kennt kaum jemand den Wahnbach, einen 29,4 km langen Wiesen- und Waldbach, der 1958 mit der Wahnbachtalsperre endgültig dazu bestimmt wurde, das Tal, durch das er fließt, mit seinem Bachwasser zu füllen und die Bevölkerung in einem Umkreis von zig Kilometern damit zu versorgen. Auch in Königswinter trinken wir das qualitativ international hoch angesehene Wahnwasser ohne zu ahnen, dass jedes Jahr aus der ganzen Welt Wasserexpert/innen anreisen, um einen professionellen Blick auf die Anlagen zu werfen, die dieses Meisterwerk produzieren. Das Wasser ist ganz weich, praktisch kalkfrei und supersauber. Der reine Wahnsinn. Ganz normal.

Wahnbach2Der Stausee bietet neben den technischen Feinheiten einen wunderschönen Anblick. Von der Tallsperre aus zieht er sich gen Ost in einzelne Täler, jetzt Buchten mit kristallklarem grünen Wasser. Würden nicht Eichen, Buchen und sonstige mitteleuropäische Flora die Ufer zäumen käme hier im Sommer leicht ein Karibikfeeling auf. Doch natürlich darf hier im Trinkwasser niemand schwimmen, von Enten und Gänsen mal abgesehen. Aber Gucken darf man und davon wird man satt: Die Idylle ist so bemerkenswert, dass meinem Gehirn die vielen Superlative schon peinlich sind: Geübt im Singsang sprachlichen Jonglierens denkt es je nach Blickwinkel Schweiz, Schweden und Schottland. Fantastisch.

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Entdeckung I

Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit hat mein Gehirn eine Strategie entwickelt wie es mich fesseln kann. Es beantwortet meine tägliche Frage „wer bin ich?“ auf viele verschiedene Arten und schickt mir die albernsten Figuren in meine Träume, die behaupten, sie wären mein wahres Ich. Zuletzt war das ein blaues Schaf, zurzeit ist es ein Känguru.

Es scheint eine Vorliebe für Tieranalogien zu haben, denn ich war noch nie ein Stück Birkenrinde oder ein Feigenbaum, obwohl mich Pflanzen grundsätzlich eher mehr interessieren als Tiere. Ich weiß auch mehr über die Flora, doch von diesem Wissen will mein Gehirn nichts wissen, es stellt lediglich den Speicherplatz dafür zur Verfügung. Den Gedanken, dass das wer ich bin, vielleicht gar nicht im üblichen gegenständlichen Sinn abgebildet werden kann, ignoriert es genauso. Ich glaube es mag Tiere. Und ich schätze seine Bemühungen, mir etwas Passendes auszusuchen, ein Tier, mit dem ich mich anfreunden kann. Das ich lieb gewinnen kann.

Da muss eine Belohnung mit im Spiel sein, denn ohne Preis strengt sich mein Gehirn normalerweise nicht so an. Vielleicht denkt es, dies ist eine Art Enthüllungsstory, tataaa! Hier, das bist du und ICH habe dich entdeckt. Solche Entdeckungen bringen Prozesse in Gang, Synapsenwirbel, Wendepunkte. Darauf muss es scharf sein.

Meine Versuche seine Vorschläge zu akzeptieren amüsieren es bestimmt, ich meine das ganz ernst. Sonst würde ich im Moment nicht wie wild auf dem Trampolin herumspringen, wenn an dem Känguruvorschlag nicht irgendetwas dran sein könnte. Trotzdem finde ich es sehr schwer, mich in das Wesen eines Kängurus hineinzudenken, außer dem Hüpfen fällt mir da nichts ein. Dass damit angenehme Nebeneffekte verbunden sind wie dieser kurze Augenblick der Schwerelosigkeit reicht aber fürs Erste. Mehr will ich gar nicht.