Amy

Amy

Sie sagt sie liebt es in der Wiese zu stehen und Gitarre zu spielen. Vorhin hat sie auch schon auf einem Baum gesessen, gespielt und gesungen und davor das Gleiche an einen Felsen gelehnt. Das steile Gestein steht im Siebengebirge und die Kletterer sind mit Sixpacks auf dem Weg zum Bouldern. Gutaussehende junge Männer mit blonden Pferdeschwanzhaaren und freundlichen Gesichtern.

Einer kommt ganz nah an uns vorbei wie wir da so zwischen dem roten Fingerhut und dem gelben Greiskraut in der Sonne posen und Kurzfilme drehen. Er schaut Amy an, denn so sieht sie aus, zumindest auf den ersten Blick und er denkt das auch das kann ich sehen, aber es ist meine Tochter mit der schwarzen Indianerinperücke aus meinem Fundus und sie trägt sehr roten Lippenstift und diese Sonnenbrille und eben die Gitarre. Er fragt uns ob wir ein Bier wollen.

Während die Grillen zirpen, die Bienen summen und von weit im Westen ein Gewitter heranrollt hocken wir mit dem Amy-Bewunderer im Gras und lassen die Flaschenböden aneinander knallen. Er sagt er kommt gerade aus den Staaten und dort schlagen sie zum Prosten die Hälse aneinander nicht die Böden. Mit Blick auf das Instrument, das versonnen von Insekten umzingelt und mit neugierigen Fühlern gescannt wird, fragt unser Sixpackman ob Amy denn vielleicht etwas spielen will. Sie hat diesen Song von PJ Harvey einstudiert, a place called home.

Wir hören das Lied und schauen die Felswand hoch auf die verkrüppelten Eichen, die sich an ihr festhalten. Der blonde Kletterer bedankt sich, schenkt uns noch ein Lächeln, bevor er sich zu seinem Platz aufmacht von dem er steigt. Der Himmel hat sich verdunkelt, Donner grollt und wir wollen schnell die Gitarre nach Hause bringen bevor hier der Regen runterkommt.

 

Organische Abstraktion

füttern verboten

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestern bei einem gewaltigen Gewitter haben bei mir Augenmark und Rückenmerk die Position gewechselt. Es gab diesen Blitzruck, kennt ihr vielleicht, und plötzlich ist alles anders als vorher. So stelle ich mir eine Erkenntnis vor, wenn es dir wie Schuppen von den Augen fällt.

Ich habe aber (leider) keine Erkenntnis gewonnen, sondern eine Abstraktion. Das ist gewiss nicht der Hauptgewinn, eher ein Trostpreis, ein billig in Südostasien illegal von Kinderhänden fabriziertes Plastikteil. Ich empfinde es wenn ich ehrlich bin sogar als Strafe für etwas das ich nicht getan habe. Ich war`s nicht.

Dennoch muss ich jetzt dieses hässliche Augenmark tragen, es sieht aus als hätte ich mir Tubentomaten hinter die Lider geschmiert. Seine intelligente Primärfunktion hat es verloren, denn als Augenmark hat es nun die Merkrolle. Immerhin darf es noch entscheiden, was vom Auge der Betrachterin als Wesentlich erachtet wird. Mehr nicht.

Ob das Rückenmerk seine komplexe Aufgabe meistert bezweifle ich. Das ist noch voll im Merk- und nicht im Markmodus. Mann bin ich heute konfus drauf. Die Signale an das Gehirn werden vom Rückenmerk einfach abstrahiert und was kommt dabei heraus? Würstchen mit Kartoffelsalat als Antwort auf mein Hungergefühl. Ich esse seit Jahren vegan und das Spiel ist erst morgen.

Solange dieser Zustand anhält werde ich mir mit Ikons behelfen – einfache, auf das Wesentliche reduzierte Symbole ohne Verwechslungsgefahr. Draußen höre ich Donner. Ein neues Gewitter zieht auf. Das könnte die Lösung sein.