Haus- oder Wolfgang

leonardo da vinci saint jean baptist

Mein Nachbar ist mein gefühlter Bruder. Gut, dass er das auch so empfindet, sonst gäbe es vielleicht zwischenmenschliche Komplikationen. Die wahlverwandtschaftliche Distanz ermöglicht sehr viel Heiter- und Ehrlichkeit. Der Hausgang unseres Hauses ist ein Hotspot. Wir nennen ihn Hausgang, obwohl er Wolfgang genannt werden will. Er ist ein lebendiger Flur, voller Leben.

Wenn ich in meine Wohnung will, gehe ich an Wolfgang vorbei. Aufgang, Eingang, Ausgang, Durchgang … alles Wolfgangfortsatz, ich könnte auch Schwanz sagen, doch das wäre für  meinen Geschmack zu vulgär, trotz Wolf und so. Ich nehme also die Treppe nach oben, es gibt sowieso keinen anderen Weg. Einmal auf den Stufen, bin ich an Wolfgang vorbei.

Zurück zu meinem Nachbarn. Wie viele meiner Freunde ist er ein Ex. Zur Erinnerung: Der Ex-Banker, der seine Haare trägt wie Winnetou, der Ex-Polizist, der in sein Smartphone verliebt ist und Anna, meine Ex-Freundin. Anna und ich freunden uns gerade wieder etwas an und vielleicht schreibe ich demnächst wieder über sie, aber nur vielleicht. Mein Nachbar und Wahlbruder ist Ex-Hotelier. Als Ex-Hotelier macht er sich aus Gewohnheit Sorgen um das ganze Haus. Ob es sauber ist, gut riecht und ob der Gesamteindruck stimmt, wenn man es betritt. Seine Sorge setzt er in Aktion um. Ich nenne es saisonale Gestaltung. Er zeigt mir den Finger, wenn ich das laut ausspreche. Wolfgang grinst und genießt.

Wenn ich Besuch bekomme und er/sie an Wolfgang vorbeigehen, werden sie ohne ihr Wissen einer Prüfung unterzogen. Wolfgang checkt die Würdigkeit. Das bedeutet, ob die Leute würdig sind, hochzugehen oder ob sie lieber wieder gehen würden. Wie in einer Luftschleuse weht sie dieser Hauch von Würde an und wenn sie dann oben ankommen, sind sie eindeutig. Wolfgang weiß, dass ich mit Mehrdeutigkeit nur sehr schwer umgehen kann, sogar Ambivalenz macht mir schon Probleme. Ich will nicht, dass meine Einschätzung zum Problem wird. Daher ist Eindeutigkeit von vornherein von Vorteil.

Irgendwie rutsche ich in diesem Text immer wieder zu Wolfgang, vielleicht hängt das mit der Überschrift zusammen. Es entwickelt sich eine Eigendynamik, wenn man sich einmal festgelegt hat. Das mit Wolfgang ist natürlich ein Witz. Ein Hausflurjoke aus der Vergangenheit, der sich wie der Urknall in die Gegenwart streckt. Wir werden ihn nicht los und das ist ja auch nicht weiter schlimm, sogar gut, guckt man welche Geschichten sich aus dem Gang generieren. Die gehen so weit, dass mein Nachbar und ich Wolfgang Fremden gegenüber als Mitbewohner bezeichnen. Nie bekommt ihn jemand zu Gesicht, aber da gibt es ja auch noch diese Wohnung zwischen den Etagen, in der Wolfgang wohnen könnte. Platz für Phantasie gibt es genug.

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De_Mut

Krone WebseiteIn meinem Traum begegne ich einem König auf der Eisfläche des Novemberwassers. Das Wasser gefriert trotz der warmen Erderwärmungstemperaturen. Der König ist ein Erdentsprossener, ein sagenhafter König, der nicht weiß, dass er ein König ist. Auf seinem Haupt trägt er eine Alge, die nicht von dieser Welt ist. Die Alge sieht aus wie eine Krone, gezackt, von goldener Farbe wie die echten, aber sie ist nur eine zufällige Alge. Eine zufällige und unbewusste Alge, ein atlantisches Lebewesen.

Auf der Eisfläche gefriert mein Mut. Ich will den König ansprechen. In seine klaren Augen blicken. Doch mein Blick haftet auf dem Boden. So schwer die Lider. Schwer wie tausend Gewichte, ja wie die ganze Welt. Dann fällt mir ein, dass ich träume und schlafe und dass die Lider dann zu sind. Dass der König ein Traum ist. Im Traum sagt der König, öffne deine Augen.

Du brauchst keinen Mut, sondern Demut. Ich krame in meinem Innern nach der Demut. Werde hektisch. Hektik erzeugt Wärme und das ist nicht gut auf dem Eis. Also langsam. Da ist sie ja. Ich finde die etwas verstaubte Demut in meiner Dekommode. Wird Zeit, dass sie wieder zum Vorschein kommt, sie ist etwas verknittert. Schon als ich sie berühre fängt sie an zu wirken. Sie fließt wie kalter Gin Tonic in meinen Bauch. Ich spüre ihre Spur vom Mund über den Rachen hinein in die Röhre und hinunter in die tieferen demütigen Sphären.

Prost Poseidon. Der Trinkspruch kommt vom König. Er hält ein beschlagenes Glas in der Hand und prostet mir zu. Ich soll mit einem König trinken? Die aktivierte Demut flüstert, mach` doch, einer schadet nix. Nach dem Drink sind wir Gleichgesinnte. Er sagt er sei kein König. Das sind nur Zuschreibungen wegen der Alge auf seinem Kopf. Heiterkeit. Ich werfe meinen Kopf zurück und lasse sie auf und abspringen ganz nach Art der Heiterkeit.

Der König lacht mit. Er ist kein König, erinnert mich mein Gehirn. Was ist er dann? frage ich zurück. Warum fragst du ihn nicht? fragt mein Gehirn. Der Drink gibt mir Mut. Aber ich halte inne. So schnell ist die Demut wieder Mut. Ich möchte eine Weile bei der Demut bleiben. Ihr eine Chance geben. Das Leben mit ihr ausprobieren. Also spreche ich den König, der keiner ist, nicht an. Ich proste ihm zu und trinke mit ihm, aber ich spreche ihn nicht auf sein Königsein an. Ist ja auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass er hier auf dem Eis ist. Mit mir. Alles andere ist unwichtig. Ich genieße den Moment. Auf dem Eis. Im Traum.

Exen

exen1Mein Freund, der Ex-Banker, sagt Anna ist nicht sein Fall. Anna sagt vice versa und knufft ihn hart am Arm. Einmal zusammen in einer Bar und so was von einer anderen Auffassung von Spaß. Anna lacht und sagt das war´s dann wohl, wir alle nicken und trinken auf den Abschied. Ich kann auch getrennt und dieses Zusammen war nur ein Versuch.

Dafür findet mein Faible für Exen eine Fortsetzung. Dieser Mann mit dem Auto ist ein Ex-Polizist. Hm. Was bedeutet das in diesem Land. Ich kenne nur das Klischee aus dem Kino. Mein Gehirn kreischt: Projektionsfalle! Ich glaube ich bin schon halb eingeklemmt in meinen eigenen Geschichten. Habe mich aber gewundert warum er so systematisch fragt und es für Interesse gehalten. Ist vielleicht nur professionelle Restroutine. Ein Kriminaler also. Er sagt man bleibt es auch wenn man aufhört. Aha. Was bleibt man denn. Nüchtern. Na prima.

exen2Als ich Anna davon erzähle ahnt sie mein Dilemma. Anders als sie habe ich diesen anerzogenen Anstand am Anfang. Gehe nicht aufs Ganze. Hebe mir meine haltlose Heiterkeit auf für wann es passt. Brenne zwar innen schon lichterloh, aber die anderen merken es nicht. Brauche mich dann nur für mich alleine schämen für so viel Vertrauen in den guten Ausgang. Anna sagt schmink dir den ab, der ist ein Beamter. Mit dem wirst du nicht abheben. Der bleibt immer schön auf dem Boden. Wetten der macht nix Illegales, nicht mal ein Bier zur Belohnung, wenn er noch fahren muss. Was für eine Belohnung. Sie hat Recht.

Also schminke ich ab. Pads gegen Make-up und den Mann von der Polizei mit dem Auto. Mein anarchisch gestimmtes Gehirn stimmt einen Jubel an, es hat keine Lust auf diesen Gehorsam. Gesetz. Eine Gratwanderung in Sachen Andersdenkender. Andershandelnder. Andersfühlender. Wen meint es. Mich.

exen3Mit dem Abstand wird mein Blick scharf. Er schneidet meine Sehnsucht in kleine Scheiben und rollt sie zu den Blättern auf die Straße. Dort verwirbeln sie und zerbröseln zu Matsch. Werden wieder Materie für einen neuen Werdegang. Was ist besser. Ein scharfer Blick oder ein unklarer Werdegang. Entscheide mich für Schärfe. Denke an Messer und sonstige Sachen, die nicht ins Spektrum passen. Mein Gehirn macht es mir leicht. Ist doch klar. Es gibt hier nix Gemeinsames. Darauf einen Grappa, Anna, schmeckst du das feine Aroma von fast verfaulten Trauben. Das Andocken des Alkohols an die grauen Zellen, das Stocken der Synapsen, das Aussetzen des Verstands. Genial.