Das Jahr läuft ab

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Die unmittelbare Nähe zum Fluss ist angefüllt mit Geräuschen und Lärm. Die Dieselmotoren der Schiffe, die Ketten der Kähne beim Ankern, das Scharren der Ruder auf dem Kies, das Kreischen der Möwen, das Brechen der Wellen am Uferbeton, das Dröhnen des Nebenhorns, das Kratzen der Lautsprecher von den Ausflugsdampfern. Das Fließen selbst ist nicht zu hören. Der Fluss des Wassers ist still und mächtig. Die Strömung ist stark und beständig.

Wir stehen am Strand und werfen Steine. Auf jeden Stein spucken wir den bitteren Beigeschmack der vergangenen Tage. Die persönlichen Tragödien, die sich trotz ihrer kurzen Tragweite schmerzhaft in unser Jahr gezwängt haben, ab in den Strom. Die bösen Worte, gehört und gesagt, fort mit euch. Versinkt mit dem Ballast an Beleidigungen und deren Begleiterscheinungen. In den Schlamm mit der Last des Lebens, wo und wann es seine Leichtigkeit verloren hat.

Jedes Jahr stehen wir hier. Manchmal lachen wir, meistens nicht. Wenn wir alle Steine geworfen haben, kommen die Stöckchen dran. Es ist Schwemmholz, das wir im Laufe der Jahreszeiten aufgelesen haben. Glatt und weich liegt es in der Hand, zart gemustert und nicht selten in Tiergestalt. Schlangen, Vögel, Drachen und Krokodile. Wir werfen sie ins Fahrwasser. Sie treiben mit unseren Wünschen ins Meer. Vielleicht bleiben sie auch irgendwo hängen oder werden von anderen Hoffnungsträgern aufgesammelt.

Sind die Lasten versenkt und die Wünsche auf die Reise geschickt, bleibt dieser unbestimmte Rest. Restmüll aus dem Alltag, den wir an Silvester in einer Tonne verbrennen. Wir sind nicht die einzigen mit einer Tonne. Streunende Hunde gesellen sich dazu.

Das Knistern der Feuer, das Winseln der Hunde, das Knallen der Korken, das Fiepen des schmilzenden Plastikmülls und das Knacken brechender Knochen. Zum Lallen des Gelächters steigt schwarzer Rauch in die Luft. Endzeit. Das Jahr läuft ab. Der Fluss fließt fort.

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Anna K.

Auf einer Party treffe ich meine frühere Freundin Anna K., die sagt, sorry ich bin weder verliebt noch habe ich ein Problem, über was sollen wir also reden? Sie ist immer so direkt und das mag ich an ihr. Anna und ich haben uns aus den Augen verloren als wir uns beide verliebten und mit gewissen Problemen rangen. Eine unserer Gemeinsamkeiten – so haben wir uns kennengelernt – ist auf Empfängen herumstehen, den Kleidersaum schwingen und neue Drinks ausprobieren. Dabei legen wir spontane Kriterien fest, zum Beispiel muss die Farbe des Cocktails mit unseren Klamotten harmonieren oder eindeutig in die Sweeeeet-Kategorie gehören, was bedeutet dass wir schneller einen Schwips haben, um das mal vornehm auszudrücken.

PinkperlmuttPink, Lila und Perlmutt dominiert unser Wiedersehen. Der Barmann mit dem Künstlernamen Joe Gilmore  mixt zwei Kensington Court Special und garniert sie mit kandierten Veilchen. Als echte Freundinnen haben wir einen Schwur geleistet. Sobald unser Gekicher peinlich werden könnte, ziehen wir uns beziehungsweise die eine die andere unauffällig in den Lounge-Bereich zurück und trinken dort weiter. Im Sitzen fällt eine Entgleisung niemandem auf. Wären wir jung und schön wäre das nicht so schlimm, doch das war früher und jetzt ist uns eine gewisse Haltung wichtig.

Anna wiederzusehen ist wundervoll. Wir sind vertraut als wären nicht diese Jahre vergangen, in denen wir Kinder, Männer, Häuser, Jobs, Inselurlaube und Geldanlagen hinter uns gelassen haben. Über alle diese Ereignisse könnten wir stundenlang reden, tun wir aber nicht. Wir befinden uns in einer geräumigen Glocke der Gegenwart, intensiv und mit viel hochprozentigem Alkohol, umgeben von einem gänseschwarmartigen Geräuschpegel und heben unsere Gläser. Auf das was passiert. Mehr ist nicht zu sagen.