Schockolade

Schokoriegel mit weisser Fuellung

Mein Blackout ist nicht schwarz. Er ist transparent wie Wassereis. Eine kurze Zeitspanne wird mit Klarlack fixiert.

Während mein Bewusstsein ins Off geht, tropft mein Blut auf den Boden. Ein kleiner roter See, manche würden Pfütze sagen oder Lache. Blutlache. Das Blut fließt aus meinem Finger. In einem unaufmerksamen Augenblick steckt er in der Klemme, dann bricht er auf. Zu wenig Platz für die Knochen, das Fleisch, die Sehnen und die Venen.

Der Schmerz ist nicht schlimm. Doch sobald es in meinen Ohren summt, muss ich einen Ort finden, der tauglich für die Ohnmacht ist.

Eine Ohnmacht in der Öffentlichkeit ist nicht, was ich will. Aber der Wille hat keine Macht mehr. Mein neuronales System übernimmt die Regie. Ich sinke auf einen Sitz. Transparenz macht sich breit. Der Moment ist schnell wie das Licht. Ich erfasse ihn erst, als er vorbei ist und mein starrer Blick wieder an Fokus gewinnt. Aus dem Schlaf erwachen ist anders. Es gibt das sanfte Erwachen nach einer erholsamen Nacht oder das gemächliche Wachwerden an einem Sonntag oder das abrupte vom Alarm Aus-dem-Schlaf-gerissen-werden. Nichts ist wie der kristalline Wiedereintritt in das Bewusstsein nach dem Blackout. Wie viel Zeit ist vergangen?

Dreißig Sekunden. Dreißig Sekunden sind nur eine Schätzung. Wie eine lautlose Lawine rollen sie über mich. Es könnten auch drei Minuten sein, woher soll ich das wissen? Niemand stoppt die Zeit meiner Ohnmacht. Würde ich woanders aufwachen als wo ich weggeknickt bin … in einer Wüste zum Beispiel … ich hätte nicht den geringsten Anhaltspunkt, wie lange ich dorthin gebraucht hätte. Ganz zu schweigen vom Wie.

So spannend es wäre, mehr über das verlorene Momentum zu erfahren – es entzieht sich konsequent der Beschreibung und präsentiert sich als nichts, leer. Diese Leere ist angenehme Leichtigkeit, doch das ist eine Lüge. So erscheint sie mir danach. Eine sensitive Lücke. Ein sanfter Rausschmiss aus der Routine. Die Befreiung aus einer banalen Blutung.

Wieder wach, schaue ich auf die Lache. Sie ist versickert. Das Blut stockt, die Wunde pocht. Bandagiert ist sie geradezu lächerlich klein und bietet nicht den geringsten Anhaltspunkt für das, was sie ausgelöst hat. Nach dem Schock ist Schokolade gut. Ich beiße in den Riegel.

Advertisements

Materie … Möbel, Gitarre und so

gitarre-akustisch-substanz

Ein Moment der Stille schenkt mir einen kurzen Seelenfrieden. Dabei schalte ich nur eben den Rechner aus und sehe die Verdunkelung des Monitors. In der flächigen Schwärze ist die Ruhe wie die vor dem Sturm. Ein Innehalten der Welt. Ein Sich-Öffnen der Sinne. Wie luftige Tentakel schweben sie forschend in der Luft auf der Suche nach Widerstand. Kein Widerstand da – alles nur geräumiger Raum. Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Wie nenne ich diese Art der Wahrnehmung von wuchtigem Nichts?

Im Raum ist keine Leere, sondern Fülle. Alle sind da. Das Glück ganz vorn, es dreht sich um. An seiner Seite die Seligkeit in ihrem weißen Kleid. Hand in Hand mit einer Gitarre. Sie lässt mich die Liebe sehen, wie ganz nebenbei. Sie sind immer alle da. Sie mischen sich unter die Materie, Möbel und so. Meine besten Freunde und die gefürchteten Feinde. Missgunst. Miss Gunst. Eifersucht. Diese süße Frucht. Und das Lachen der Güte.

Ich gehe auf die Gitarre zu, denn ich habe Lust auf die Liebe. Ganz nah ist sie und ihre Saiten sind gespannt auf das, was kommen mag. Um die Stille nicht zu stören, streiche ich nur über das blanke Holz, glatt wie ein schneller Gedanke. Meine Liebe ist nicht an die Zeit gebunden. Vergangenheit ist Gegenwart und Zukunft. Es sind nur Namen für neue Gemische. Luft, Gas, Licht, Geräusch. Immer wieder anders.

Der Moment vergeht. Er lässt einige Moleküle hängen. Schwebeteilchen mit dem Duft von Veilchen. Maiglöckchen mag ich lieber, mault mein Gehirn. Wo war es eben? Ein wenig weg. Eine Ewigkeit fort. Solange wie dieser Moment währte. Eine kleine Glückseligewigkeit.