Du kleines Ding

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Anna und ich gehen zum Garten der Schmetterlinge Schloss Sayn. Die Schmetterlinge werden in einem Glashaus gehalten, die tropischen Temperaturen darin entsprechen ihrer Art. Jedes Jahr werden 700 neue Schmetterlingsarten entdeckt. Anna kann das kaum glauben, aber es steht auf der Tafel der Fürstenfamilie Sayn-Wittgenstein-Sayn.

nymphe1„Der Wiederaufbau von Schloss und Burg Sayn und die Erschließung des Besitzes für den Fremdenverkehr stehen im Vordergrund der Bemühungen von Fürst Alexander und Fürstin Gabriela, einer Gräfin von Schönborn-Wiesentheid.“ Die kleinen Brücken im Garten der Schmetterlinge sind nach ihren sieben Kindern benannt: den Prinzessinnen Filippa, Alexandra, Sofia und den Prinzen Louis, Heinrich, Casimir und Christian Peter. Die Geschichte der Fürstenfamilie fasziniert Anna mehr als die Schmetterlinge. Außerdem ist es sehr laut im Glashaus. Nicht vom Flattern der Viecher, die hier zu Tausenden ihre engen Runden drehen, sondern vom Geschrei der Touristen. Anna sagt wäre ich ein Schmetterling wäre ich schon lange durchgedreht.

Auf der Fürstlichen Schlossterrasse, wo schon vor 150 Jahren Kaiser und Königinnen zu Gast waren, trinken wir mit Aussicht auf den Fürstlichen Schlosspark Kaffee. Leider sind wir nicht vorangemeldet und so entgeht uns eine Führung durch die Fürstlichen Salons mit „außergewöhnlichen Gemälden und prächtiger Ausstattung.“ Anna schmollt. Sie wirft einen Blick in die Fürstliche Speisekarte. Dort stehen tatsächlich Farfalle drauf. Eine Fürstliche Küche mit Humor. Das gefällt uns.

Wir schmökern noch ein wenig in der Fürstlichen Familiengeschichte und bewundern die Fotos, meistens von Festen, auf denen die Kinder andere Prinzen, Grafen und Fürstinnen heiraten. Es gibt auch tragische Geschichten wie die von Fürstin Filippa, die wie Fürstin Grazia als junge Frau tödlich bei einem Autounfall verunglückte. Was für ein Schicksalsschlag. Anna wischt sich eine Träne aus den Augen und sieht mich glücklich an. Große Gefühle.

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Fotos Schmetterlinge: Weiße Baumnymphe (Idea leuconoe) ist ein großer weißer Schmetterling aus der Familie der Edelfalter.

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cruel nature II

pfeifenblume

Anna schreit es regnet Schildkröten. Kleine handtellergroße blutige Klumpen klatschen vor ihre Füße. Entsetzt sieht sie nach oben, ihr erstarrter Schritt auf grausigem Pflaster weiß nicht wohin. Platsch! Schon wieder ein zerfetztes Krötengeschoss mit gebrochenem Panzer. Ein heiserer Schrei aus ihrer Kehle. Oben hört sie Krähen krächzen, schwarz hüpfen sie auf den Dachpfannen herum, jonglieren mit ihrer Beute aus dem seichten Teich, werfen sie auf den Asphalt wie sie es mit Walnüssen tun um ihre Schale zu knacken. Dann picken sie das Weiche heraus. Anna steht wie eine Vogelscheuche im Gemetzel und telefoniert. Mit mir. Soll ich die Feuerwehr anrufen. Gibt es keine Parkwacht. Doch und schon fängt sie an zu kreischen dass es mir im Ohr fiept und ich stelle sie mir vor, wie sie mit ihrem schicken Kostüm und ihrer Tasche im Ellenbogen mitten auf dem Platz steht, wild mit den Armen fuchtelt während um sie herum kleine Wasserschildkröten zu Tode stürzen und schwarzes Gefieder flattert.

Später sitzen wir im Parkcafé. Anna kippt nach anachronistischer Damenart einen französischen Cognac für den Schock und ich ihre Freundin trinke mit. Es stimmt. Sie spinnt nicht. Tatsächlich haben die Krähen die teuer nachgekauften Schildkrötenbabies aus dem Teich gefischt und nach alter Manier vom Schlossdach geschleudert. Man sagt sie tun das auch mit neugeborenen Lämmern, wenn der Schäfer oder sein Hund nicht auf der Hut sind. Hier hat niemand damit gerechnet, dass die Raben kommen und die Kröten rauben. Auch der Parkwächter nicht. Die Vögel sind nicht wahnsinnig nur hungrig. Er muss den Dreck wegmachen, weint vor Wut und gleichzeitig würgt Trauer seinen Hals. Die zersplitterten Panzer vergräbt er tief in der Erde.

Weißer Mohn

ImageTauche heute mit Wucht in die Vergangenheit. Hineingezogen von Pflanzen. Das ist nicht verwunderlich, denn ich habe mich lange in seltenen Pflanzengesellschaften herumgetrieben. Über sie geschrieben. Sie studiert und bewundert. Fotografiert und von ihnen geträumt. Viele Jahre der Hingabe an Pflanzen. Sie fehlen mir. Ihre wunderbaren lateinischen Namen und meine Interpretation derselben. Meine Gefährten. Ich habe mich verabschiedet. Und heute haben sie mich eingeholt. Im Botanischen Garten. Paradies. Zuflucht. Oase.

Botanische Gärten sind voller Hingabe. Alle Pflanzen geben das Beste. Sie wachsen und blühen in wundersame Höhen. Nicken sich zu. Winden sich in der Brise. Zittern vor Aufregung. So wie ich. Soll ich die Tür wieder öffnen? Ich vermisse sie sehr. Dachte ich hätte zugesperrt, aber weit gefehlt. Kein Riegel. Kein Schloss. Durch das Schlüsselloch sickert Verheißung. Abenteuer. Exotische neue Gesichter. Ich muss nur mich selbst überzeugen. Das kann doch nicht so schwer sein. Komm. Gib mir einen Ruck. Schlage ein neues Pflanzenkapitel auf. Schon der Gedanke fühlt sich gut an. Also.