Freak

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Das Wasser wird wärmer. Schon 18 Grad. Waren vor ein paar Tagen nur einige Kaltwasserfans schwimmen, sind es nun einige mehr. Wir müssen schauen dass wir nicht aneinanderstoßen und schön ordentlich die Bahnen ziehen. Immer wieder bricht einer aus und lacht. Will Runden schwimmen und tauchen, Freak. Das ist der Jagdtrieb.

Der ist außerdem total ansteckend, auch wenn es hier keinen einzigen Fisch zu fangen gibt. Kaum dreht einer nach unten ab zischen die anderen hinterher, ich auch. Wie fette Vögel durch die Luft, aber eleganter, weil hier haben wir ja den Schwereloseffekt. Da gibt es keine ruckartigen Fallrückzieher. Nur weiche Windungen mit geschmeidigen Körpern. Der Bademeister kommt mit einem Eimer Ködern. Was glaubt der denn. Wir sind doch nicht im Zoo. Unsereins geht an den Kiosk und kauft sich ein Magnum Mandel. Das knackt schön, wie Gräten.

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Entdeckung I

Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit hat mein Gehirn eine Strategie entwickelt wie es mich fesseln kann. Es beantwortet meine tägliche Frage „wer bin ich?“ auf viele verschiedene Arten und schickt mir die albernsten Figuren in meine Träume, die behaupten, sie wären mein wahres Ich. Zuletzt war das ein blaues Schaf, zurzeit ist es ein Känguru.

Es scheint eine Vorliebe für Tieranalogien zu haben, denn ich war noch nie ein Stück Birkenrinde oder ein Feigenbaum, obwohl mich Pflanzen grundsätzlich eher mehr interessieren als Tiere. Ich weiß auch mehr über die Flora, doch von diesem Wissen will mein Gehirn nichts wissen, es stellt lediglich den Speicherplatz dafür zur Verfügung. Den Gedanken, dass das wer ich bin, vielleicht gar nicht im üblichen gegenständlichen Sinn abgebildet werden kann, ignoriert es genauso. Ich glaube es mag Tiere. Und ich schätze seine Bemühungen, mir etwas Passendes auszusuchen, ein Tier, mit dem ich mich anfreunden kann. Das ich lieb gewinnen kann.

Da muss eine Belohnung mit im Spiel sein, denn ohne Preis strengt sich mein Gehirn normalerweise nicht so an. Vielleicht denkt es, dies ist eine Art Enthüllungsstory, tataaa! Hier, das bist du und ICH habe dich entdeckt. Solche Entdeckungen bringen Prozesse in Gang, Synapsenwirbel, Wendepunkte. Darauf muss es scharf sein.

Meine Versuche seine Vorschläge zu akzeptieren amüsieren es bestimmt, ich meine das ganz ernst. Sonst würde ich im Moment nicht wie wild auf dem Trampolin herumspringen, wenn an dem Känguruvorschlag nicht irgendetwas dran sein könnte. Trotzdem finde ich es sehr schwer, mich in das Wesen eines Kängurus hineinzudenken, außer dem Hüpfen fällt mir da nichts ein. Dass damit angenehme Nebeneffekte verbunden sind wie dieser kurze Augenblick der Schwerelosigkeit reicht aber fürs Erste. Mehr will ich gar nicht.

Flugversuche

Mein neues Sportgerät ist ein Trampolin. Aus einer spontanen Laune heraus kaufe ich es meinem Nachbarn ab und hüpfe darauf herum. Zehn Minuten kontinuierliches Springen kommen mir vor wie eine Ewigkeit. Vielleicht auch weil die Sprungfedern so quietschen, da müsste mal Öl zwischen. Wenn ich beim Hüpfen die Arme auf- und abschwinge, komme ich mir vor wie ein junger Vogel, der im Nest erste Flugversuche macht. Ich spüre tatsächlich so etwas wie einen Auftrieb, ganz kurz, nur Sekundenbruchteile, aber das macht so Lust aufs Abheben wie es wohl nur Vögel fühlen. Aus welcher Entwicklungsstufe kommt dieser Spaß auf einer elastischen Unterlage zu hüpfen? Wahrscheinlich ist er gar nicht an mein irdisches Dasein geknüpft, sondern ein Relikt aus der Schwerelosigkeit, als ich als munteres Teilchen vom Mars oder Mond unterwegs war und nur zurzeit in diesem Körper stecke, was sich in absehbarer Zeit auch wieder ändern wird.