Tiere filmen

Ich warte auf die Hummel. Dick und pelzig soll sie an meinem Lavendel Nektar naschen. Dabei mit dem Stängel im Wind wehen. Hin und Her. Will sie filmen. Es ist heiß. Vielleicht zu heiß für Hummeln oder zum filmen. Kenne ihre Gepflogenheiten nicht was Wärme angeht. Mein Rücken ist steif vom Sitzen und Ausschau halten. Kleine Schlitze meine Augen gegen den blauen Himmel. Hummelhimmel. Über den Balkon bei den Brombeerbüschen sehe ich sie schwirren, zum Lavendel kommen sie nicht. Mögen sie den nicht. Die anderen Insekten krabbeln und huschen, lautlos, winzig, rotorange bis braun. Nicht das gewünschte Tier das zu meinem Plan passt. Der löst sich langsam auf. Schmilzt in der Hitze. Muss abbrechen und einen neuen Plan schmieden. Keine gute Idee bei dem Wetter.


käferNeben den Sonnenfunken noch selbstgemachte, die kleine Verbrennungen auf der Haut hinterlassen. Schwarze Punkte, die wenn ich lange genug starre, sich zu bewegen anfangen wie kleine Käfer. Sie wandern auf der weißen Fläche des Sonnensegels wie von einem Magnet gezogen in die linke untere Ecke. Was ist dort. Muss ein Fluchtpunkt sein. Nacheinander stellen sie sich an den äußersten Rand und fliegen los. Ein Startplatz kein Fluchtpunkt. Sie drängeln nicht. Es sind artige gut erzogene Käfer. Kommen direkt aus meinem Kopf. Irgendwo von zwischen dem Neodingskortex und der Netzhaut. Jetzt sind alle ausgeflogen und ich kann mich wieder auf die Ankunft der Hummel konzentrieren. Es dämmert schon. Ich gebe nicht auf. Ein Hoch auf die Hummel, die nicht kommt. Es brummt in meinem Ohr. Ist eine Biene. Soll ich die jetzt filmen? Nein, merkt doch jeder, dass die Biene keine Hummel ist.

Wespennest

Abends steht sie. Betrachtet die Wespen, die unter den Holzgiebel fliegen. Hektisch. Die nach Wespenart spontan seitliche Ausfälle machen. Die Bewegung der Flügel unsichtbar. Sie sollen sich hier nicht versammeln. Das Gesumme im Dach wird durch das Gebälk verstärkt. Das ganze Haus scheint zu wespenvibrieren. Legt sie ihre Finger ans Fenster spürt sie das unruhige Zittern. Legt sie ihr Ohr an die Wand flüstert die Königin ihr zu zieh dich zurück. Sie erschrickt und knickt in weiche Knie. Die weiße Gardine weht im Wind und sie will sich in ihr Flattern retten. Doch der Vorhang kann kein Gewicht tragen nur Luft. Sie ist mehr als Luft. Schwer im Vergleich. Nie weht die Gardine gleich. Macht immer neue Muster. Vor allem abends also jetzt wo sie steht. Sitzen will sie nicht. Sie ist unruhig. Sind die Wespen eine Projektion? Nein. Sie sind wirklich. Real. Sie bauen ein Nest. Wespennest. Gesumme von morgens bis abends. Keine Stiche. Erst im Spätsommer, wenn es soweit ist. Im Stehen verliert sie die Zeit. Wacht auf aus zwei Stunden Unbestimmtheit. Wo war sie? Unterwegs könnte man es nennen. In Gedanken. Im All. Im Universum. Friedlich ist es dort. Still. Taub. Sie hört nichts. Das Alles ist in ihr drin. Weit ist es dort. So viel Platz. Unendlich viel. Sie lächelt.

greifSpäter liegt sie. Kann nicht schlafen. Lauscht auf einen Atem der nicht ihrer ist. Dreht sich. Bis sie ganz eingewickelt ist. Gefesselt. Fühlt wieder die Falten. Im Fieber ist es als falle sie in Spalten von Fels. Wie kann ein Bett so hart sein. Wie kann sie so steif sein. Liegt da wie ein Brett. Bewegung ist nur im Kopf möglich. Die Füße zucken. Ist sie jetzt eine Wespe? Schmeckt sie Pelz in ihrem Mund? Das Gelb. Das Schwarz. Kneift sie die Augen ganz fest ist es schwarz. Das hält sie nicht durch. Also wieder Gelb. So leuchtend. Was ist passiert? Es ist Morgen und es ist die Sonne. Freundlich. Anschmiegsam. Zärtlich. Ein neuer Tag Ernst. Sie lächelt. Geh weg Ernst, ich liebe dich, aber ich will dich nicht sehen.

Der ganze Tag heiter. Rein. Keine Einbildungen. Sie redet und reibt sich verwundert die Augen. Sie geht und greift nach echten Gegenständen. Ein Glas glatt wie Seide. Eine Gabel kalt wie Eis. Eine Gurke grün wie Gras. Gelächter. Greifvögel am Himmel. So kann es immer sein. Sie lacht.

Merkur

OMG. Ich habe ihn gesehen. Gestern. Nur kurz, aber es war wie ein Wasabi-Flash oder wie George Clooney auf der anderen Straßenseite, also bevor er sich verlobt hat. Das Bühnenbild ist berauschend: Ein tief türkisfarbener Abendhimmel mit einem goldroten Rest von untergegangener Sonne. Der strahlende Jupiter in Augenhöhe und plötzlich: Da blitzt er! Da ist er! Da! Merkur. Der Kleinste, Schnellste, Sonnennächste mit einem Orbit von höchster elliptischer Exzentrizität. Ich liebe ihn. Kann meinen Blick nicht von ihm wenden. Hüpfe vor Begeisterung auf dem elastischen Holz meiner Aussichtsterrasse herum. Eine schnelle Bewegung am Himmel – und weg ist er.

ImageDie Glückshormone diffundieren und mein Gehirn fragt mich was die ganze Aufregung soll. Was ich mit Merkur zu schaffen habe. Einem zu heißen bzw. zu kalten und zu dichten Gesteinsplanet. Einem Eisenbrocken, den Jupiters Schwerkraft jederzeit aus seiner Umlaufbahn herausreißen, aus dem Sonnensystem heraus oder gar in die Sonne hinein schleudern könnte. Der mit der Venus oder mit uns, der Erde, kollidieren und uns alle auslöschen könnte.

Kann ein Gehirn eifersüchtig auf einen Himmelskörper sein? Klingt schon ein bisschen danach, oder. Wozu sonst diese brutale Wortwahl und die zerstörerischen Szenarien. Was mein Gehirn noch nicht weiß: Ich werde ihn jetzt jeden Abend treffen, auf die Schnelle, auf einen Kick. Merkur. Bis er sich wieder meinem Blick entzieht.