Kamikaze

Die Poesie in meinem Kopf steht Kopf. Knallt gegen gepolsterte Hirnwände. Quetscht und prellt. Ist am Ende und ich kann mir keinen Reim darauf machen. Anna sagt das ist eine Phase. Mach dir keinen Kopf Kamikaze. Sagt es ganz sanft aber ich schnurre nicht. Mein Nackenfell sträubt sich. Anna sagt lass uns ausgehen.

IMG_1346Unsere knallroten Nägel krallen sich in die Facetten von echtem Kristall. Die Bar aus lackiertem Mahagoni wirft uns unser Lachen zurück. Unsere blutroten Lippen schmieren über den geschliffenen Salzrand. Unsere schwarzgeränderten Blicke saugen sich am Anblick des Keepers fest. Ein attraktiver Mann schüttelt alkoholische Getränke, füllt sie anmutig in anspruchsvolle Gefäße dichten wir. Das ist keine Poesie sage ich, das ist Papperlapapp. Das alles ist Ablenkung. Ich gehe mir mal kurz die Nase pudern.

Die erste Tür ist tiefschwarz. Sie führt zu einer zweiten schwarzen Tür. Ein kleiner Flur mit weiteren schwarzen Türen. Ist das jetzt ein Traum oder was. Einer dieser bescheuerten Türträume die zu nichts führen. Ich komme heute nicht nach Hause Anna. Muss in das Labyrinth und ein wenig umherirren. Bis mich die Panik packt. Aber das ist auch nur so ein Spruch. Genau EIN Mal in meinem Leben hatte ich Panik. Das war auf einem Berg. Beim Runterkraxeln und Fastabstürzen. Das hier zwischen den Türen zur Toilette ist keine typische Paniksituation. Reiß mich zusammen. Klingt paradox. Klappt aber.

Okay, ganz langsam drücke ich die Klinke. Spähe und werde geblendet von schwarzweißem Schein. Eigentlich sind es Blumen, schwarze große Blüten auf weißen Grund. Pop. Siebziger Retro. Auf Nuller gemacht. Trotzdem psychedelisch bei näherer Betrachtung. Ganz nah dran mit der Nase rieche ich einen Geruch. Nee, nicht Tapete. Irgendwie süß. Verwesung. Also wirklich.

kamikazeWieviel Zeit ist vergangen. Da sind Spiegel an der Wand. Ich schaue hinein und sehe mich. Das ist gut. Ich bin in diesem Raum und das mit der Zeit ist sowieso relativ. Ich könnte mit meinem Abbild sprechen und ihm erzählen wie durcheinander ich bin. Der Spiegel also die Andere sagt geh da durch. Das nächste Zimmer ist rot. Soll ich jetzt die Farbe deuten oder was. Ist das ein Test. Wo ist die Kamera. Meine Augen scannen die Oberflächen und können nichts sehen. Nur rot. Rot ist meine Lieblingsfarbe.

Obwohl rot meine liebste Farbe ist habe ich keinen roten Raum zu Hause. Eine dunkelrote Coach, ein rubinroter Läufer, ein rosarotes Bett. Rote Klamotten, Keramik und Kissen. Aber kein roter Raum. Hier ist er. Er hat genau die Wirkung die ich vermutete nämlich es ist wie im Innern eines Organs. Nichts für mich. Ich will Aussicht. Weite. Rote Sonne am Horizont reicht. Roter Raum ist Ort des Todes. Das stand gestern in einem Fimintro. Horrorfilm. Go. Genug geschwafelt.

Anna hat Spaß. Um sie herum eine Traube von neuen Leuten. Wie lange war ich fort. Im Glas sprudelt es noch. Zwei Augenzwinkern und ich bin wieder drin.

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Der goldene Wasserhahn

goldhahn3Die Geschichte ist märchenhaft wie ihr Titel. Verzaubert werde ich schon als ich das Grundstück betrete. Eine parkähnliche Landschaft mit alten Laubbäumen und gläsernen Schmetterlingen, kleinen Glöckchen, die im Wind klingen.

Zwei Löwen bewachen den Eingang des Hauses und reißen ihr schwarzes Maul auf als ich näher trete. Sie sind aus Bronze, keine Gefahr. Die geöffnete Tür gibt den Blick frei auf eine dunkle Halle und hindurch fließt Licht in gebündelten Strahlen. Hinten geht es wieder hinaus auf die Terrasse aus altem Stein und dort will ich hin. Vorbei an Gemälden von Mädchen mit weißer Haut, nur leicht umhüllt von buntem Tuch. Vorbei an der Küche und ihrer Hüterin. Nur kurz treffen sich unsere Blicke und schon bin ich verwirrt. Warum.

Wieder draußen ein Platz im Schatten der Schirme. Ein Teich vor dem See. Schilf. Ihre sanfte Stimme fragt mich was ich wünsche. Blinzle gegen die Sonne die mich nicht blendet. Jasmintee flüstere ich. Sie ist eine Romanfigur. Direkt aus meiner Erinnerung an erregende Momente. Sie muss die Vorlage sein doch ich weiß sie kann nicht die Vorlage sein. Aber sie ist eine Figur. Ein Charakter. Einzigartig. Ausdrucksstark. Sie weiß es denn sie macht eine Show.

Blaugeblümtes Porzellan für den Tee, Orchideenkuchen. Ich schmecke nichts, meine Sinne sind auf eine Stelle gerückt, drängen sich um die Intensität in meinem Innern. Wie heißt dieser Ort. Ist er echt. Egal. Ich lasse los und zu. Endlich. Kann wieder atmen und aufstehen.

goldhahn5Die Wendeltreppe führt zu einem goldenen Wasserhahn. Ich wische einen Wasserfleck weg und schließe mich in diesen Glanz. Aus dem Hahn tropft Musik. Ist das ein Trick. Im Spiegel mein Gesicht. Leuchtende Augen, rosige Haut, lächelnder Mund. Schnell zurück. Gucken was geht.

Zwischen den Stühlen balanciert sie Kristall. Ist jetzt Bedienung, betont träge. Fließende Bewegung auf knirschendem Kies. Weiß. Ich starre. Setze meine Brille auf um nicht umzufallen. Sie merkt es trotzdem. Weicht sensibel meiner Verwirrung aus. Große Hände würden mich stützen bevor mein Schwanken zum Fall wird. Doch so schwach bin ich nicht. Da ist noch das Andere, das Besondere, das mir Kraft gibt. Neugierde. Gier.

Ich habe keine Chance. Nur die Erinnerung nehme ich mit. Sie ist frisch wie ein Hefeteig. Sie gärt und geht und bläht sich auf. Ich nähre mich davon. Ernähre mich mit ihr. Setze sie aufs Neue an. Backe sie heiß und esse sie warm. Sie füllt mich auf. Meine Magenwände schmerzen.

Wie soll ich sie nennen, diese Person. Magier. Fee. Sternenstaub. Mond. Alles außer real. Schon real aber nicht für mich. Kaum gesehen und schon ewig in mir drin. Wahr gewordene Fiktion. Sinn. Wahnsinn.

Falllinie

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Mit ihm durch den Wald zu gehen heißt die Wege verlassen. Den weichen Boden bergauf steigen, ausrutschen, den schweren Duft der Erde zu atmen. Wir reden nicht, verständigen uns ohne Worte. Einmal in Richtung Hang nicken heißt: Dort hoch, aber direkt, keine Umwege. Auf gerader Linie zum Aussichtspunkt. Im Dickicht zeichnen sich Spuren ab, von Tieren oder von anderen, die so sind wie wir. Dieses tiefe Lächeln in seinen Augen, diese Abenteuerlust, die Verwegenheit. Wie ein Spiegel.

Keuchend klettern wir die Falllinie hoch, Klumpen von Erdkrumen kullern nach unten. Unsere Gesichter durchtrennen unsichtbar gespannte Spinnfäden, wir wischen sie weg. Oben hoffen wir auf eine Belohnung – einen grandiosen Blick, eine Einsamkeit für unsere Gefühle. Für die Umarmung. Der Wind kühlt die verkrampften Muskeln, es raschelt im Laub. Ein Ast fällt herab und erschreckt uns, kurze Panik in den Augen. Der hätte dich treffen können, nur eine Minute früher. Hat er aber nicht. Er lächelt. Keine Angst, mir passiert nichts. Denke an den Schrank. Abends knackt er. Du erschrickst jedes Mal. Adrenalin fließt. Ein Gespenst? Ja aber ein liebes. Das zwinkert uns zu und knackt dann weiter im alten Holz, wie um uns daran zu erinnern es nicht zu vergessen. Auf dem Rückweg halten wir uns an die Markierungen. Zu müde für Mut. Zu träge für Tatkraft. Den Zeichen folgen, die nach Hause führen. Mehr nicht.

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Julian und Ezra

sind eigentlich Esther und Julia. Ein kleiner Versprecher gepaart mit flüchtigem Verstehen extrahiert aus langjährigen Freundinnen in Nullkommanix zwei Existenzen, die mit ihrer Identität ringen.

Sie waren sich nicht immer grün; ganz im Sinne von Snow White Stiefmutters Spiegel wollte eine immer die Schönere sein und setzte dafür auch schon mal mediocre Methoden ein. Blöde Beautytipps zum Beispiel, Masken die Pickel machen, gentechnisch veränderte Gurken auf den Augen, geheuchelte Komplimente zu schief sitzenden Karohosen. Das sieht toll aus. Nur du kannst das tragen. Trotzdem diese aus gemeiner Abhängigkeit bestehende Treue.

Über viele Jahre Sommerferien auf einem Campingplatz in der Toskana. Wer da wen übertrumpfte war saisonabhängig und glich sich mit den Jahren aus. Nicht das übliche User und Dealer Beziehungsgefüge, aber sie waren ja auch nicht zusammen. Nicht mal die Idee stand irgendwann im Raum. Umarmungen nach durchtanzten Nächten und verkatertes Kuscheln vor dem Fernseher von der harmlosen Art, die nicht am Esther-oder Julia-Selbstverständnis knabbert.

Und jetzt das. Neue Kennung, Körper und Küsse. Sie sind Julian und Ezra und sie wohnen in dieser Wohnung mit einem Schlafzimmer, dessen Blick auf einen ummauerten Garten geht. Sanft gezähmte Wildnis. Weinranken und Wiesenblumen. Wacholder Juniperus sabina für den Wunsch nach Wirklichkeit: Sie nennen ihn ihren de Sadebaum, er ist in allen Teilen giftig und hätte ihnen in ihrem früheren Leben ersthaften Schaden zufügen beziehungsweise zu Fehlgeburten führen können.

„Wie sind wir nur hierher gekommen?“

„Vielleicht eine Zeitschleife oder ein Paralleluniversum.“

„Du versuchst ja nicht einmal eine vernünftige Erklärung zu finden.“

„Wäre es dir lieber wir könnten uns nicht an die anderen erinnern?“

Wenn sie von früher sprechen sind sie die anderen. Lachen über die Leichen, über die sie gingen. Gewonnen haben sie ein gewaltiges Maß an Ungestüm und Unverfrorenheit. Gewissheit über ihre Gefühle. Gemeinsamkeit.

Verloren haben sie … nichts. Außer vielleicht den Reiz von Rüschenblusen und die Lust auf fieses Versteckspiel. Ihre Rolle war nie eindeutig pro- oder antagonistisch also vernachlässigen sie das. Nun sind sie beide irgendwie gleich. Ob das auf Dauer genug Spannung erzeugt. Warum sollen sie sich einem abstrakten Prinzip beugen. Irgendwie nagt der Zweifel an ihrem Glück wie die Maus an einer Wurzel. Dieses ständige Grübeln. Warum haben es die anderen nicht mit ins Grab genommen. Sind sie überhaupt gestorben. Oder nur gehirngewaschen. Vielleicht vergiftet mit Sadebaumöl.

wacholder

Fluss in Flammen

ImageAuf dem falschen Partyschiff getanzt, ich hätte das mit den roten Lampions nehmen sollen, da war die Musik auch mindestens zwei Jahrzehnte jünger. Die lärmenden Schrottkisten fahren von einem Flammenmeer ins nächste und was von innen nicht rostet verbrennt jetzt von außen. Einmal zu lange die Augen geschlossen und ich bin in einem Traum gefangen, der mich aufs Meer führt und von da gibt es nichts Größeres mehr als den Himmel und danach das Universum. Hinaus will ich immer, auch über das Ziel hinaus. Das Meer ist ungewohnt ruhig, sanfte Wellen und tiefes Blau. Es wiegt mich in seinen Armen, mich, die nicht gewogen werden will. Seine Oberfläche ist wie ein Spiegel und ich sehe Sachen, die gar nicht da sind. Meisterin der Projektion. Verächterin falscher Selbstbilder. Wach auf sagt mein Gehirn, du bist nicht auf dem Meer, wir sind auf dem Fluss und wir feiern. Raketen steigen und explodieren. Diesen Moment friere ich ein.