Das Jahr läuft ab

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Die unmittelbare Nähe zum Fluss ist angefüllt mit Geräuschen und Lärm. Die Dieselmotoren der Schiffe, die Ketten der Kähne beim Ankern, das Scharren der Ruder auf dem Kies, das Kreischen der Möwen, das Brechen der Wellen am Uferbeton, das Dröhnen des Nebenhorns, das Kratzen der Lautsprecher von den Ausflugsdampfern. Das Fließen selbst ist nicht zu hören. Der Fluss des Wassers ist still und mächtig. Die Strömung ist stark und beständig.

Wir stehen am Strand und werfen Steine. Auf jeden Stein spucken wir den bitteren Beigeschmack der vergangenen Tage. Die persönlichen Tragödien, die sich trotz ihrer kurzen Tragweite schmerzhaft in unser Jahr gezwängt haben, ab in den Strom. Die bösen Worte, gehört und gesagt, fort mit euch. Versinkt mit dem Ballast an Beleidigungen und deren Begleiterscheinungen. In den Schlamm mit der Last des Lebens, wo und wann es seine Leichtigkeit verloren hat.

Jedes Jahr stehen wir hier. Manchmal lachen wir, meistens nicht. Wenn wir alle Steine geworfen haben, kommen die Stöckchen dran. Es ist Schwemmholz, das wir im Laufe der Jahreszeiten aufgelesen haben. Glatt und weich liegt es in der Hand, zart gemustert und nicht selten in Tiergestalt. Schlangen, Vögel, Drachen und Krokodile. Wir werfen sie ins Fahrwasser. Sie treiben mit unseren Wünschen ins Meer. Vielleicht bleiben sie auch irgendwo hängen oder werden von anderen Hoffnungsträgern aufgesammelt.

Sind die Lasten versenkt und die Wünsche auf die Reise geschickt, bleibt dieser unbestimmte Rest. Restmüll aus dem Alltag, den wir an Silvester in einer Tonne verbrennen. Wir sind nicht die einzigen mit einer Tonne. Streunende Hunde gesellen sich dazu.

Das Knistern der Feuer, das Winseln der Hunde, das Knallen der Korken, das Fiepen des schmilzenden Plastikmülls und das Knacken brechender Knochen. Zum Lallen des Gelächters steigt schwarzer Rauch in die Luft. Endzeit. Das Jahr läuft ab. Der Fluss fließt fort.

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Zeitfenster

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Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht (Schiller, Wilhelm Tell)

Hätte ich ihr bloß nicht mein Herz ausgeschüttet. Nicht geredet wie ein Wasserfall und mich von sanften braunen Augen in Sicherheit wiegen lassen. Das war ein Fehler. Falsches Thema, falsche Person, falsche Umgebung. Die ganze Konstellation ist am Kippen.

Konstellationen neigen dazu, zu zerfallen. Sie sind zerbrechliche Zustände, Zeitfenster. So ein Zeitfenster ist eine Gelegenheit zum Nichtstun. Meistens tue ich nicht nichts, sondern viel zu viel für so ein relativ kleines Fenster. So wie ich zu viel Wäsche in die Maschine stopfe, baue ich komplexe Konstellationen auf. Aus Worthülsen, Satzfetzen, Sprachstilen und rhetorischen Figuren. Viel zu viel Zeug. So eine Konstellation ist kaum zu ertragen. Sie tut so, als wäre sie manifest, dabei ist sie nur auf Sand gebaut. Stürzt schnell zusammen. Konstellationen sind keine auf Dauer errichteten Konstruktionen.

Bedauern quillt wie Brei in mein Bewusstsein. Erste Beschwerden über die brutale Wortwahl. Zurücknehmen geht nicht, Bedauern schon. Bedauern hat eine Komponente der Gemeinsamkeit und ist in der Lage, eine alte Konstellation mit einer neuen zu ersetzen. Bedauern begünstigt die Leichtbauweise der Lebenslustigen. Sich von deren Lust und Laune leiten zu lassen – und Luftschlösser zu bauen.

Am Ende fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe es nur ausgeschüttet, nicht verloren. Gebrochen ist es auch nicht. Es schlägt mir bis zum Hals. Hätte mich diese miese kleine Konstellation in die Klinik gebracht, so stünde auf meinem Krankenblatt: Beim Sturz aus dem Zeitfenster mit einem blauen Auge davongekommen.

Ein paar Prozent Oberhand

OberhandAnna will mich trösten und streckt ihre Arme aus. Da soll ich wohl rein. In diese Wärme. Will ich aber nicht. Ich will hier stehen wie ein Fels im Regen und die Nässe soll an mir heruntertropfen. Ich werde auch nicht weich oder kleiner, wie ein Stein eben.

Als Anna sagt: Auf deinem Grabstein wird einst stehen „Wollte nie getröstet werden“, grinse ich schief. Das wäre eine angemessene Beschreibung. Also nicht im Sinne von „Fand keinen Trost“, sondern von „Lehnte es strikt ab von irgendwem getröstet zu werden.“ Klingt nach einer Kopfsache, nicht wahr? Ist es aber nicht. Es ist eine Macke und kommt direkt aus dem Bauch. Von Kind auf kultiviert. Von keinem Psychologen therapeutisch kuriert. Nie einen gebeten es zu tun. Als Kleinkind verweigere ich jede Art von tröstender Zuwendung. Auch wenn mein Knie blutig, mein Gehirn erschüttert oder meine Haut verbrannt ist. Indianerin nannte ich das früher. Als es die Bezeichnung First Nation noch nicht gab.

Anna lacht: Ja, klar. Erzähl mal, wie ist das mit dem Schmerz?

Ich zucke mit den Schultern. Abgesehen davon oder gerade weil es ein Wort mit einem widerwärtigen Klang ist, das seine Bedeutung schon in sich trägt, habe ich eine nüchterne Einstellung zu Schmerz und Schmerzäußerungen, sowohl bei mir selbst als auch bei anderen. Das Ermessen liegt immer in der Betrachterin und Mitfühlerin selbst. Und bei mir hängt die Latte eben etwas höher. Der Schmerz kommt und geht. Geschickt vom Gehirn, das gerne Experimente macht. Während er wirkt, fühle ich ihm nach, atme in ihn hinein und versuche, nicht ohnmächtig zu werden. Obwohl, das ist mir auch schon passiert. Die Ohnmacht als Überschätzung meiner Leidensfähigkeit. Aber seit ich die Ohnmacht kenne und wie sie sich heranschleicht, kann ich sie aufhalten und zurückdrängen. Will bei Bewusstsein bleiben, ihm die paar Prozent gewähren, die es die Oberhand hat. Ebbt der Schmerz wieder ab ist Schluss ist mit dem Getue.

Und seelischer Schmerz? Bist du jetzt meine Seelenklempnerin, frage ich Anna. Bevor sie etwas sagen kann, behaupte ich: Ist doch das Gleiche.

Also Atmen, sagt Anna. Ja. Tief atmen und stumm durch das Jammertal laufen. Bis sich die Nebel wie von allein auflösen. Hört sich einfach an. Ist es nicht.

Anna breitet ihre Arme wieder aus. Was soll das? Ich will dich drücken, nicht trösten. Okay.

Ein Schiff namens Silver

Auf meiner täglichen Tour am Rhein entlang kommt mir heute das Schiff Silver entgegen. Es liegt tief im braunen Hochwasser, blauer Bug silberne Schrift. Ein Blick und mein Gehirn denkt: You make my day. Ist zwar schon Nachmittag, aber egal, so wird er noch zum Sternchentag, dieser langweilige staubige Tag, an dem ich vor allem den Dreck wegwische, der aus den Wänden meiner Wohnung quillt.

silverAlles ist von einer feinen Schicht Steinstaub überzogen, ich atme ihn ein, ich esse ihn mit, ich fege ihn weg, ich spüle ihn ab. Aber er haftet wie ein Pflaster. Ist Materie aus altem Gemäuer. Wird jetzt zermahlen von Spezialwerkzeugen und auf mich gestreut. Ich werfe Wasser zurück. Die Handwerker sind freundlich und lachen über meine Manie. Überall hängen schwarze Filzlappen, die sollen den Staub schlucken. Tun sie aber nicht. Sie wehen im Durchzug und warten den Moment ab, in dem sich eine Tür öffnet, dann schütteln sie den Staub in den Raum. Wo ich stehe und huste.

Draußen ist es besser. Den Gedanken wieder rein zu müssen verkneife ich mir. Es stürmt. Dann kommt das Schiff Silver angefahren und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Anna sagt schreib mal alles Gute auf an einem Tag. Und das jeden Tag. Hat der Tag drei gute Sachen machst du ein Sternchen in den Kalender. Dann wirst du glücklich. Ich mache das seit gestern. Da bin ich noch ungeübt und erkenne das Gute nicht. Heute ist es schon besser. Der Wind ist gut, der Abstand von der Baustelle ist gut, das Schiff ist gut. Sternchen.

Wenn der Fluss so hoch ist versinkt das Ufer. Unrat wird angeschwemmt. So nennen es die Einheimischen. Man könnte auch Müll sagen. Aber das stimmt nicht. Das meiste ist Holz. Millionen von kleinen Stöckchen, manche geformt und verwaschen wie kleine Schlangen. Große Äste und ganze Baumstämme fließen mississippimäßig flussabwärts. Bleiben hängen und liegen. Wälzen sich im Schlamm. Teppiche aus Treibholz mit trügerischer Oberfläche. Sieht aus wie fest und ist es nicht. Aber Enten kommen durch, auch Kormorane. Meine Augen bleiben an ihren öligen Federn hängen. Ich mag diese Vögel nicht. Finde keinen Gefallen an ihrer Art plötzlich zu verschwinden und nicht zu wissen wo sie wieder auftauchen.

Das Schiff Silver ist außer Sicht. Ich glaube es hatte Sand geladen. Eine kleine Gebirgskette aus Sandbergen ist vorbeigezogen. Mein Gehirn schaltet auf Analogiemodus und sendet Staub. Erinnert mich daran was mich zu Hause erwartet. Ein neues Zimmer in zwei Wochen. Gut oder.

Innen flüssig außen Stein

Manche Begegnungen brennen sich ein wie Male. Eine heiße Spur bahnt sich ihren Weg zum Herz, weich wie Lava, umschließt den Muskel und wird zu Stein. Dieser Stein soll nicht fallen. Nie. Soviel Erleichterung kann es nicht geben in einem Leben. Dieser Eindruck ist für die Ewigkeit.

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Wen meinst du fragt Anna. Es war ein Mädchen aber eigentlich habe ich die Vergangenheit gesehen eines Menschen den ich liebe. So viel Ähnlichkeit in Bruchteilen von Sekunden. Ich bin so froh um meine Hülle, denn meine Seele fing an zu schmelzen und in diesem Schmerz zu bohren. Ganz spitz hat sie von innen gegen meine Augen gedrückt. Es muss geblitzt haben in meinem Blick, denn das Kind fing das Feuer und spielte damit.

Du sprichst in Rätseln sagt Anna. Kenne ich die Hauptrolle in deinem Traum? Das ist kein Traum, obwohl es war einer als es noch keiner war, du weißt schon. Liebe eben. Unvergänglich und dann doch vorbei. Ich will nicht darüber sprechen.

In Wirklichkeit will ich ihr alles erzählen. Wie aus einem leisen Kribbeln heftige Schauder wuchsen so als würde ich frieren dabei war es mein verkrümeltes Inneres, aufgewühlt und verwirbelt von Fantasie was sein könnte, wenn… Von der Freude über die Gegenwart, die still stand wie schon lange nicht und einfach nicht zur Zukunft werden wollte. Noch immer nach so viel vergangener Zeit fröstelt mich der Gedanke an die ausschließliche Gemeinsamkeit, keine Geräusche kein Gerede keine fremden Gesichter die sich einschleichen konnten. Sie haben an die Außenwände geschlagen und unser Trommelfell hat gebrummt und wir haben es für das pulsierende Blut in unseren Schläfen gehalten. Die Erinnerung ist warm. Zaubert ein Lächeln auf meine Lippen. Ich bin so froh um dieses Erleben, es hat mich reich gemacht. Dieser Reichtum ist unvergänglich und unendlich groß. Reicht vielleicht für mehrere Leben. Brauche ihn nur für dieses. Kaum zu ertragen dieses romantische Pathos, schon beim bloßen Denken.

Anna drängelt komm sag. Aber ich bleibe stumm. Alles darf sie nicht wissen, die Andeutung war schon ein wenig zu mutig. Kam unverhofft wie dieses unschuldige Kind, das gar nicht ahnt wie viele Geschichten es in mir entfacht. Ich setze meine steinerne Miene auf das heißt ich hebe mein Kinn und sehe in die Ferne. Über Anna hinweg.