Wunder in der Warteschleife

Banane Wunder in der Warteschleife

Bange ist die kleine Schwester von Befangenheit. Ich kenne sie als schalen Beigeschmack im Vorfeld unbekannten Publikums. Ich bin Rednerin in einem neuen Raum und meine Hände kneten einen unsichtbaren Teig. Manche nennen es Lampenfieber, ich sage Bangigkeit, weil sich das Wort rollt wie eine Bananenschale und ich theoretisch darauf ausrutschen könnte.

Bin ich bange, brauche ich nicht lange zu warten und die Bangigkeit breitet sich aus wie Wasser im Überlaufbecken. Also warte ich nicht lange, sondern stelle diesem Bangesein einen Konterpart an die Seite. Gut zu ihr passen folgende Gesellen und Gespielinnen: Ausgelassenheit, Tatendrang, Mut zum Scheitern.

Mut zum Scheitern mag ich. Nähere ich mich mutig dem Scheitern, weicht es erschrocken zurück. Ausgelassenheit kann es gar nicht ertragen. Es blendet seine Augen. Zusammen mit Tatendrang ist Ausgelassenheit ein starkes Team. Das Scheitern zieht sich in seinen dunklen Winkel zurück und nimmt das Bangesein mit. Die beiden sind entfernt verwandt. Ihr gemeinsamer Ahne ist die Angst.

Angst ist nicht mein Ding. Weder im Hellen noch im Dunkeln. Und wenn sie mich doch einmal erwischt, dann koste ich sie aus. Zittere und stottere, rolle meine Augen. Streiche über meine Gänsehaut. Stehe auf wackeligen Knien. Schwitze kalten Schweiß. Ich kenne sie und fürchte sie nicht. Mein Gehirn sendet eilige Signale von ernstem Aufruhr und ich zeige ihm den Finger. Benutze die unschuldigen Augen als Messenger. Beschimpfe es: Blaues, blödes, bescheuertes Bangesein.

Wo ist mein Wunder? In der Warteschleife, sagt mein schadenfrohes Gehirn. Mit Wunder meine ich nur das Weggehen der unangenehmen Nebenerscheinungen. Ist eigentlich kein Wunder, mehr ein kalkulierbares und beeinflussbares Wandeln. Mache würden Wunder sagen. Ich und mein Gehirn nicht. Wir lassen uns nicht so leicht hinters Licht führen. Wir bleiben lieber mitten darin.

Und so stehe ich vor neuem Publikum. Das Bangesein steht in der Ecke mit dem Gesicht zur Wand. Dort bleibt es, bis ich die Bühne wieder verlasse. Verlasst euch darauf.

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Das Licht kommt jetzt von Norden

So hieß vor einigen Jahren eine Ausstellung skandinavischer Maler und das nordische Licht verzauberte alle, die in seinen Bann gerieten. Auch mich. Seitdem bin ich irgendwie anders. Ich versuche das mal zu erklären.

LichtnordenDie Verzauberung dringt durch meine Augen in die Gedanken, die ich gerade denke. Ich stehe vor einem Bild. Das Bild zeigt eine Frau mit heller Haut. Sehr hell, fast weiß. So eine Haut habe ich noch nie gesehen oder berührt. Vielleicht gibt es im Norden Menschen mit dieser Haut denke ich gerade als die Verzauberung mich trifft. Also nichts besonders Ausgewöhnliches, Intelligentes oder Originelles. Mein gut erzogenes Gehirn denkt einfach angemessen zur Ausstellung, stellt gewöhnliche Assoziationen her und kramt etwas träge nach Analogien aus der Vergangenheit. Es gibt mir eine Erinnerung aus Dänemark. Einen leeren Strand mit Heckenrosen, hinter denen sich die Menschen vor dem Wind geschützt sonnen. Die Rosen wachsen auf Sand und ihre Dornen sind sehr spitz. Mehrere Male habe ich in Dänemark Dornen aus meinem Daumen gedrückt.

Ich sehe die Dänen mit ihren hellen Haaren und ihrem freundlichen Blick. Ich bemerke die Sommersprossen auf ihren Schultern. Aber niemand hat diesen Teint wie hier die Frau auf dem Bild. Ein unsichtbarer Stahl aus Licht baut sich zwischen uns auf. Er ist erst ganz dünn wie eine Schnur aus Rauch, wird dann zu einer filigranen Spirale aus Hanf und schließlich ist er dick wie eine Wand und genauso stabil. In dem Moment überlege ich nicht. Ich ziehe einfach den Strang hinter mir her. Aus der Ausstellung raus auf die Straße. Keiner guckt komisch.

Das liegt daran, dass nur ich ihn sehen und fühlen kann. Er knebelt mich nicht, er schränkt mich nicht in meiner Bewegungsfreiheit ein, er ist nur einfach eine weitere Windung in meinem Hirn. Dieses neue Hindernis wirft andere Schatten auf die Eigenaktivität meiner Neuronen. Sie erzeugen jetzt weißes Licht, die Summe aller Farben. Ein angenehmer Nebeneffekt ist außerdem, dass ich glücklich bin. Das weiße Licht, die weiße Haut, alles ohne Sonne, machen meine Seele froh. Ich weiß dass das verrückt klingt. Genau so ist es aber gewesen. Ist es bis heute.

Ein wenig von diesem Licht reicht und ich werde zum Weichei. Bin ganz verzückt vor Wonne. Jedes Mal ein kleines Wunder.

Es schmerzt mich sehr wieder loszulassen. Für diese Geste habe ich lange geübt. Am liebsten würde ich mich aufkleben und es atmen. Aber ich kann mich wieder lösen und bin einigermaßen stolz darauf. Niemand will nicht nicht wieder losgelassen werden. Außer von Sachen die sonst niemand sieht. So wie ich von diesem nordischen Licht. Es darf in mir sein. Manchmal wundern sich welche warum ich mich so vertiefe. Doch dann ist es ja auch wieder normal. Jede und jeder vertieft sich mal. Taucht ein und wieder auf. Wie ein Kind, das spielt. Taucht in eine andere Welt und wird dann zum Essen gerufen. Tut so als säße es am Tisch und träumt doch seinen Traum weiter.

Wo fängt der Norden an? Na hier, direkt einen Meter nördlich von mir.

Gleich

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In einer Sekunde schlägt der Stern ein. Ich werde wahrscheinlich sterben. Vielleicht auch nicht. Es sind ungefähr zwei Kilometer Luftlinie und ich weiß nicht wie weit die Glut spritzt. Die Zeit ist zu kurz um sich Gedanken zu machen. Das sind jetzt alles Zufallstreffer. Das Glück gestern. In diesen klaren Augen. Der Moment der Geburt und schon verliebt in dieses fremde Wesen. Das große Gefühl in mir, manchmal für so vieles, für alle. Das Grinsen auf meinem Gesicht wenn sich die Dinge fügen. Sie fügen und fügen und fügen sich und finden dieses phantastische Finale. Eine Druckwelle. Surfen wie damals auf Schnee und den Abgrund schneiden. Der Anblick brennt sich in meine Seele und schenkt mir das Leben. Bis heute. Lange eigentlich. Unendliche Nächte im Universum. Aus Überzeugung winzig. Mikroskopisch kleine Wunder. Magie ohne Widerstand. Ich bin ein Teilchen. Gefüllt mit Lava. Gleich.