Zaunkönig

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Auf der Suche nach Stille schlagen wir uns durch das Unterholz. Auf diese Seite des Berges prallen alle Geräusche des Tals. Weil der Wind von Westen weht. Fast immer. Ein ständiges Rauschen und Rollen von Maschinen und Motoren. Über uns rotiert der Hubschrauber und nimmt uns ins Visier. So scheint es zumindest.

zaunkönig2Anna will ihre Ruhe, ich meinen Frieden. Wir würden beide wahrscheinlich an einem Ort finden, wäre er abgeschieden und weit weg. Also wandern wir weiter mit nassen Hosenbeinen die Obstwiesen hoch. Faule Äpfel hängen an den Bäumen. Die Erde haben Schweine aufgewühlt. Wir können sie riechen, nicht sehen, sie verkriechen sich. Wir wollen ihnen auch gar nicht begegnen, auch wenn wir einen Plan haben falls das geschieht. Regungslos erstarren wie ein Stamm. Nicht in die fiesen kleinen Augen gucken. Nicht zittern sondern sie so lange schnüffeln lassen bis sie genug haben. Das wird nicht einfach und da wir nicht wissen ob uns das gelingen wird, sind wir froh dass es nicht passiert.

zaunkönig1Endlich kommen wir auf den Kamm. Wir überqueren den Wall und lassen das Wabern hinter uns. Die Landschaft schirmt den Lärm ab. Leider ist hier nur Wald und Schatten, keine Lichtung. Aber für den Anfang gibt es Ruhe. Nur das Rascheln der Haselmaus, das Flüstern des Laubs und das Zwitschern der Zaunkönige. Beim Betrachten dieser kleinen Flieger finde ich dann auch meinen Frieden. Anna breitet die Decke aus. Komm, sagt sie.

Ausweg

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Eine Frau aus dem Ort erlebt eine Enttäuschung und geht dieses Mal fast an ihr zugrunde. Was genau passiert ist weiß sie nicht, weil sie den Faden zur Realität verliert und sich Dinge einredet. Es ist keine Projektion, sondern Irrglaube. Nicht im religiösen Sinne, sondern im metaphysischen, also der Glaube an die Wahrscheinlichkeit wie Geschehnisse voneinander abhängen und was dann wirklich geschieht. Es gibt keine einzige authentische Person in diesem Drama, alle sind verfremdet, damit sie Dinge so dichten oder weglassen kann, dass es ein spannendes Drama wird. Die Geschichte hätte sich genau so zutragen können. Alle die sie gut kennen, wissen sowieso Bescheid und stellen andere Zusammenhänge her als diese Frau. Die Fiktion in ihrem Kopf funktioniert nun einmal so. Trotzdem ist die Häufung von Enttäuschung schwer zu verkraften.

IMG_2422Sie selbst könnte sich unentwegt ans Bein pinkeln, ans Schienbein treten oder sich ohrfeigen – aber sie hat eine andere Lösung für ihr Seelenheil gefunden. Das ist auch wieder weniger religiös gemeint als es klingt, auch wenn das jetzt noch getoppt wird durch die Offenbarung, dass sie Erlösung auf einem Weg findet, der jahrhundertelang als Kreuzweg in Nachahmung des Heilands Leiden seine Kurven bergan führt – der Petersberger Bittweg. Der religiöse Kontext des Bittwegs spielt keine Rolle. Höchstens im Sinne von persönlicher Interpretation und der Tatsache, dass die Frau schon irgendwie glaubt, das Büßen und Bitten auf diesem Weg hat eventuell einige unsichtbare Spuren hinterlassen.

Der Weg eignet sich deshalb so gut für einen Krisenüberwindungsprozess, weil er steil ist. Enorm steil. Schweißtreibend steil. So steil wie man es im Siebengebirge nicht unbedingt erwarten würde. Viele, die eher an Märchen glauben sagen der Bittweg ist verwunschen. Einerlei, wie oft sie auf und ab läuft, sie findet ihn genauso faszinierend wie am ersten Tag. Sie hat sich in ihn verliebt. Leider ist er nur ein Weg oder vielleicht auch gut so. Er verändert sich nicht. Er bleibt wie er ist und wird weiterhin der sein, der er schon immer war. Der Ausweg. Der Weg aus der Krise. Das hofft und daran glaubt sie.

Beerenhunger

Ich sage zu Anna den Regen finde ich nicht schlimm, er lässt die Bäche sprudeln und die Blätter glänzen. 

Anna nickt. Auf der Obstwiese pflücken wir Pflaumen, die sind so reif, dass sie schon von weitem duften. Unter der Glocke aus reifen Früchten hören wir die Tropfen aufschlagen wie kleine Steinchen auf Dachpappe, dumpf. Sie perlen grün auf die Wiese. Tak tak tak.

Die süße Schwere klebt an unseren Fingern, unsere Lippen von honigfarbenem Saft benetzt. Ist das Naturkosmetik fragt Anna vergnügt. Die Wespen summen, der Schimmel scheint sich vor unseren Augen zu feinen Netzkostümen zu verästeln. Weiße Muster auf dunkellila Zwetschgenhaut. Niemand ist hier für die Ernte. Im Frühjahr blühen die Bäume, dann kommen die Bienen und nun hängt das Obst blau bis zum Gras. Keinen kümmert es. Außer uns natürlich und die anderen heimlichen Besucherinnen, von denen wir nichts wissen, aber ihre Spuren auf dem Boden sehen. Sie sind zu anderen Zeiten hier als wir. Mit geblähten Bäuchen machen wir uns auf den Weg, sehen die kleinen wilden Erdbeeren am Ufer und lassen sie stehen.

Du kleines Ding

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Anna und ich gehen zum Garten der Schmetterlinge Schloss Sayn. Die Schmetterlinge werden in einem Glashaus gehalten, die tropischen Temperaturen darin entsprechen ihrer Art. Jedes Jahr werden 700 neue Schmetterlingsarten entdeckt. Anna kann das kaum glauben, aber es steht auf der Tafel der Fürstenfamilie Sayn-Wittgenstein-Sayn.

nymphe1„Der Wiederaufbau von Schloss und Burg Sayn und die Erschließung des Besitzes für den Fremdenverkehr stehen im Vordergrund der Bemühungen von Fürst Alexander und Fürstin Gabriela, einer Gräfin von Schönborn-Wiesentheid.“ Die kleinen Brücken im Garten der Schmetterlinge sind nach ihren sieben Kindern benannt: den Prinzessinnen Filippa, Alexandra, Sofia und den Prinzen Louis, Heinrich, Casimir und Christian Peter. Die Geschichte der Fürstenfamilie fasziniert Anna mehr als die Schmetterlinge. Außerdem ist es sehr laut im Glashaus. Nicht vom Flattern der Viecher, die hier zu Tausenden ihre engen Runden drehen, sondern vom Geschrei der Touristen. Anna sagt wäre ich ein Schmetterling wäre ich schon lange durchgedreht.

Auf der Fürstlichen Schlossterrasse, wo schon vor 150 Jahren Kaiser und Königinnen zu Gast waren, trinken wir mit Aussicht auf den Fürstlichen Schlosspark Kaffee. Leider sind wir nicht vorangemeldet und so entgeht uns eine Führung durch die Fürstlichen Salons mit „außergewöhnlichen Gemälden und prächtiger Ausstattung.“ Anna schmollt. Sie wirft einen Blick in die Fürstliche Speisekarte. Dort stehen tatsächlich Farfalle drauf. Eine Fürstliche Küche mit Humor. Das gefällt uns.

Wir schmökern noch ein wenig in der Fürstlichen Familiengeschichte und bewundern die Fotos, meistens von Festen, auf denen die Kinder andere Prinzen, Grafen und Fürstinnen heiraten. Es gibt auch tragische Geschichten wie die von Fürstin Filippa, die wie Fürstin Grazia als junge Frau tödlich bei einem Autounfall verunglückte. Was für ein Schicksalsschlag. Anna wischt sich eine Träne aus den Augen und sieht mich glücklich an. Große Gefühle.

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Fotos Schmetterlinge: Weiße Baumnymphe (Idea leuconoe) ist ein großer weißer Schmetterling aus der Familie der Edelfalter.

Schwebe-Baldrian

Baldrianstängel mit Blüte. 

 Das Arboretum Park Härle in Oberkassel bei Bonn “vereinigt umfangreiche Pflanzensammlungen der Gattungen Wacholder (Juniperus), Scheinzypresse (Chamaecyparis), Eibe (Taxus), Lebensbaum (Thuja) mit Rosen und wertvollen Solitärpflanzen besonders seltender Gehölze wie z.B. Spießtanne (Cunninghamia lanceolata), Zimt-Ahorn (Acer griseum), Küstenmammutbaum (Sequoia smpervirens), Spanische Tanne (Acer pinsapo `Glauca´) und Buntblättrigem Pagoden-Hartriegel (Cornus controversa `Variegata´)”.
(… aus dem aktuellen Parkflyer)