Flucht nach vorn

Die Tragödie von gekenterten Kriegsflüchtenden vor Augen muss die Heldin meiner Geschichte gestehen, dass sie erst ein einziges Mal in ihrem Leben wirklich geflohen ist – vor drohender Gewalt. Damals konnte sie entkommen. Eine ihrer Schwestern hatte dieses Glück nicht und ist nun tot. Seitdem gibt es nur für sie nur noch mentale Fluchten.

Beim Versuch, sie zu analysieren, kommt sie zu dem Ergebnis, dass diese Fluchten eher ein wirksamer Resistenzmechanismus gegenüber distanzverweigender Pathogene sind. Also gesunder Instinkt. Hypersensibilität. Spürsinn.

Ihre Art von auf Distanz gehen geschieht ganz bewusst auf einen kleinen Fingerzeig des Unbewussten. Sie vertraut darauf und in einer früheren Erdepoche wäre sie gut an die feindlichen äußeren Bedingungen angepasst gewesen.

Normalerweise flüchtet sie nicht aus unangenehmen Situationen, sondern stellt sich ihnen. Aber nur, wenn sie annimmt, dass sie sie in Richtung angenehme Situation verändern kann. Dafür ist sie zu großem Einsatz bereit. Der kann schon mal selbstzerstörerisch sein, weil sie im Vorfeld nicht alle Verhaltenskomponenten vorausberechnen kann. Vor allem nicht die von anderen. Unvorhergesehene Reaktionen treffen sie dann wie ein Schlag.

Die Flucht aus einem Gefängnis oder einer gewalttätigen Beziehung ist für sie unmittelbar nachvollziehbar, denn die persönliche Freiheit wiegt mehr als alles andere. Die gefühlte Freiheit. Über die objektive Freiheit erlaubt sie sich keine endgültige Meinung. Meistens haben die, die die Freiheit suchen, ihre uneingeschränkte Sympathie, egal was sie vorher angestellt haben. Auf dem Weg in die Freiheit ist sie ihre Komplizin, sie schmiedet entweder mit ihnen einen Plan oder sie tritt zur Seite, damit sie rennen können.

 

Entdeckung I

Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit hat mein Gehirn eine Strategie entwickelt wie es mich fesseln kann. Es beantwortet meine tägliche Frage „wer bin ich?“ auf viele verschiedene Arten und schickt mir die albernsten Figuren in meine Träume, die behaupten, sie wären mein wahres Ich. Zuletzt war das ein blaues Schaf, zurzeit ist es ein Känguru.

Es scheint eine Vorliebe für Tieranalogien zu haben, denn ich war noch nie ein Stück Birkenrinde oder ein Feigenbaum, obwohl mich Pflanzen grundsätzlich eher mehr interessieren als Tiere. Ich weiß auch mehr über die Flora, doch von diesem Wissen will mein Gehirn nichts wissen, es stellt lediglich den Speicherplatz dafür zur Verfügung. Den Gedanken, dass das wer ich bin, vielleicht gar nicht im üblichen gegenständlichen Sinn abgebildet werden kann, ignoriert es genauso. Ich glaube es mag Tiere. Und ich schätze seine Bemühungen, mir etwas Passendes auszusuchen, ein Tier, mit dem ich mich anfreunden kann. Das ich lieb gewinnen kann.

Da muss eine Belohnung mit im Spiel sein, denn ohne Preis strengt sich mein Gehirn normalerweise nicht so an. Vielleicht denkt es, dies ist eine Art Enthüllungsstory, tataaa! Hier, das bist du und ICH habe dich entdeckt. Solche Entdeckungen bringen Prozesse in Gang, Synapsenwirbel, Wendepunkte. Darauf muss es scharf sein.

Meine Versuche seine Vorschläge zu akzeptieren amüsieren es bestimmt, ich meine das ganz ernst. Sonst würde ich im Moment nicht wie wild auf dem Trampolin herumspringen, wenn an dem Känguruvorschlag nicht irgendetwas dran sein könnte. Trotzdem finde ich es sehr schwer, mich in das Wesen eines Kängurus hineinzudenken, außer dem Hüpfen fällt mir da nichts ein. Dass damit angenehme Nebeneffekte verbunden sind wie dieser kurze Augenblick der Schwerelosigkeit reicht aber fürs Erste. Mehr will ich gar nicht.

Känguru

In einem meiner früheren Leben war ich wohl ein Känguru. Anders kann ich mir mein Vergnügen am Hüpfen nicht erklären. Mein Innenraum ist locker wie frische Erde, mein Herz ist euphorisch, so kenne ich es gar nicht. Aber ich glaube ich weiß woran das liegt. Vorher brauchte es enorm starke Impulse um in Bewegung zu geraten. Sowas wie glühende Zaunpfähle, Ansagen über Lautsprecher, blutige Piekser von dornigem Gebüsch oder schmerzende Schnitte im Schilfgras. Jetzt schaukelt es mit grandioser Erinnerung an das australische Outback auf und nieder. Immer wieder. Wie auf Watte. Kam ich mir gestern noch vor wie ein seltsamer Vogel, der mühsam mit den Flügeln schlägt und sich des Gelächters der anderen sicher war, fühle ich mich heute wie ein leichtfüßiges Beuteltier. Das Bild muss stimmen. Und der Kontakt zum Boden. Was ich noch üben muss und was mit einem stationären Trampolin nicht so gut gelingt ist das Zurücklegen von Strecke. Denn eine innere Stimmer ruft unentwegt: weiter!

Fluss in Flammen

ImageAuf dem falschen Partyschiff getanzt, ich hätte das mit den roten Lampions nehmen sollen, da war die Musik auch mindestens zwei Jahrzehnte jünger. Die lärmenden Schrottkisten fahren von einem Flammenmeer ins nächste und was von innen nicht rostet verbrennt jetzt von außen. Einmal zu lange die Augen geschlossen und ich bin in einem Traum gefangen, der mich aufs Meer führt und von da gibt es nichts Größeres mehr als den Himmel und danach das Universum. Hinaus will ich immer, auch über das Ziel hinaus. Das Meer ist ungewohnt ruhig, sanfte Wellen und tiefes Blau. Es wiegt mich in seinen Armen, mich, die nicht gewogen werden will. Seine Oberfläche ist wie ein Spiegel und ich sehe Sachen, die gar nicht da sind. Meisterin der Projektion. Verächterin falscher Selbstbilder. Wach auf sagt mein Gehirn, du bist nicht auf dem Meer, wir sind auf dem Fluss und wir feiern. Raketen steigen und explodieren. Diesen Moment friere ich ein.