Hase

Osterhase grün mit weißen Punkten

Heute bin ich einem Hasen gefolgt. Im Gebüsch war eine Hasengruppe, die Ostereier angemalt hat.
Echt jetzt.

Ich fahre mit dem Fahrrad am Rhein entlang und sehe überall diese weißen Puschelschwänze. Lache laut. Spaziergänger gucken mich an, ich zeige auf die Hasen.
Seht Ihr sie nicht?

Die Hasen sprechen. Kein Scheiß. Und ich kann die verstehen. Die diskutieren wie Designerinnen über Muster und Farben. Sie sind nicht wie normale Hasen einfach in Hasenfell gehüllt. Das sind glaube ich Modelhasen.
Hihi kicher kicher.

Eines der Hasenmädchen hat sich das Hasenfell grün gefärbt, damit man sie auf der Wiese nicht sieht. Die anderen sind bunt wie angemalte Eier, manche marmoriert. Seid ihr nur an Ostern so bunt, frage ich die blödeste aller Fragen. Hihi, kichern die Hasen.
Was ist denn Ostern? fragen sie.

Äh. Ich erkläre das dann mit Jesus. Sie kreischen wegen dem Blut. Des Bluts. Ich erzähle, wie der erst tot war und dann wieder nicht.
Wie jetzt? Jesus war nicht tot?

Ojeee. Jetzt kommt die Zombienummer. So reagieren alle, die die Geschichte mit Jesus nicht draufhaben. Falsch, diese Hasen sind cool. Und voll altmodisch. Weil die nämlich nicht im Internet sind. Hot Spots würden die killen. Sie kennen nicht einmal Fernsehen.
Und jetzt?

Ich sage zu ihnen, ihr seid It-Hasen, oder? Hä? Dann suche ich die versteckte Kamera. Aber ich finde keine. Die Hasen bieten mir einen Holunderschnaps an, den haben sie selbstgebrannt. Nachts heimlich am Rheinufer in der Tonne.
Die sind so süüüß.

Okay, zum Schluss sage ich das noch von dem rosa Bunnyhäschen. Das rosa Bunnyhäschen ist das liebste und süßeste von allen. Es ist so liebenswert, dass es sogar lange Wimpern hat. Ich bin von seiner Rosaheit schier geblendet.
Crazy.

Wenn ihr alle jetzt mich und die Hasen sehen könnten, das wäre so krass. Aber ihr dürft nicht gucken, weil wir verstecken zusammen die Eier. Ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass die mich mitmachen lassen.
Frohe Ostern.

Ich geh` mal mit dem Hund raus

Hund Blog Substanz

Seit Jahren habe ich keinen Hund. Er beziehungsweise sie war schnell tot. Ein kurzes Hundeleben. Ich soll die Hütte (Die Hütte) lesen hat einer zu mir gesagt. Ich denke an Hundehütte, aber es gibt keine. Mein Hund hat bei mir im Haus gewohnt. Wir haben im gleichen Zimmer geschlafen. So ähnliche Frühstücksflocken gefressen. Jetzt habe ich eine Milch- und Weizenallergie, außerdem jucken mich Hundehaare.

Der Tod kam als Stock. Der Hund tollt im Wald und spießt sich den Ast in die Kehle. Blut spritzt ins Fell und das Tier stirbt. Ich stehe daneben und mein Herz pocht. Danach lebe ich ohne Hund. Das ist erst ungewohnt und dann gewöhne ich mich nicht. Erwäge mögliche andere Tiere oder Gefährten. War mir der Hund eine Gefährtin? Soweit würde ich nicht gehen, obwohl. Ich denke an die Frau hinter der Wand (Die Wand), an ihren Hund und an ihren Blick, als er nicht mehr da war. So bin ich nicht. Ich gehe auch ohne ein Tier in den Wald. Warum ein zusätzliches Tier in die Wildnis führen, wenn es hier doch viele gibt, die nicht gefüttert werden. Die so einen unbeschwerten Menschbegleiter mit Verachtung betrachten, weil er sein Futter nicht selbst reißt. Aber das ist menschliche Interpretation eines Tiergehirns. Ich liege wahrscheinlich daneben oder völlig falsch. Ich kann ja nicht einmal abschätzen, ob die Boshaftigkeit meines Nachbarn, der im Dorf erzählt, ich würde meine Mülleimer nicht rausstellen, nicht vielleicht Sorge ist, dass sich in meinen Tonnen ein aus Schimmel und Zersetzung stinkendes Giftgas bildet, das in Richtung seiner Terrasse schwelt.

Die Denke von Tieren ist eine eigene Welt. Gemessen am menschlichen Gehirn einfach gestrickt. Futter und Fortpflanzung. Oder doch nicht so unähnlich? Aber zurück zu meinem Nicht_Hund. Die Jahre ohne sie sind wie ein Vakuum in meiner Erlebniswelt. Immer, wenn ich einen schönen Graben sehe, denke ich, das wäre jetzt ein Graben für den Hund. Wenn ich einen spitzen Stock sehe, denke ich, so einer hat sie umgebracht. Würde sie diese Frühstücksflocken mögen?

Alles geschieht in Relation zu einem toten Hund. Der Nicht_Hund_Zustand ist fast so real wie die Mit_Hund_Situation. Der Hund ist nicht und doch anwesend. Die Dichte der Materie ist nicht so dicht, dass ich sie sehen könnte. Ist in dem Körbchen nicht eine Delle im Kissen? Ein Abdruck des Körpers und ein schwacher Geruch nach nassem Fell? Die Wirklichkeit ist ein schmaler Weg. Ich meine, warum hat sie damals genau den Weg genommen, wo dieser Stock steckte? Nur Zentimeter weiter links oder rechts wäre nichts passiert. Keine tödliche Hautaufritzung. Wollte sie den Stab bezwingen oder hat sie ihn in seiner Spießfähigkeit unterschätzt? Hat sie ihn überhaupt wahrgenommen oder waren ihre Augen ganz woanders?

Würde ein neuer Hund meine Haltung verändern? Ich möchte keinen neuen Hund, das wäre als würde ich Hunde konsumieren. Ihr alter ist tot? Holen Sie sich einen neuen. Im Tierheim zum Beispiel. Da wartet er schon. Darauf, dass ich mit ihm in den Wald gehe.

Thanx Al

Sisters

Ich glaube, Albert Einstein war ein Zeitreisender. Wie sonst hätte er alles schon vor hundert Jahren wissen können, was jetzt erst ans Licht kommt?

Mit Lichtgeschwindigkeit?

Sehr witzig. Aber du hast Recht. Es geht um Gravitationswellen, die lichtschnell durch den Raum rasen.

Gravitationswellen? Okay. So what´s the message?

Na ja, ich glaube da passiert im Großen was wir sonst im Kleinen spüren. Diese Bewegung, die unser Blut manchmal in Wallung bringt. Ich habe mich schon oft gefragt, wo die eigentlich herkommt.

Von den Gefühlen? Die bewegen mich unentwegt. Manchmal hauen sie mich auch um. Wie die Brandung nach einem Sturm. Empörung. Eifersucht. Ärger. Alles große Wellen.

Ja und die sind wie kleine Atmosphären von Miniplaneten, die um irgendwelche Sonnen kreisen.

Sie kreisen?

Ja klar. Sie kreisen und kollidieren und dann kotzen sie.

Sie kotzen?

Die Kotzbrocken kreisen wie Asteroidengürtel um den Saturn.

Wir schweifen ab.

Stimmt. Wie Sternschnuppen.

Also Albert Einstein ist ein Zeitgenosse. Kennen wir einen Albert?

Nö, nur Al, der ist Barkeeper in der Cosmic Bar.

Gutes Stichwort. Lass uns auf einen Drink ausgehen.

Hey Al, hast du schon von diesen Grave-Wellen gehört?

Ja natürlich! Was für eine Frage! Ich habe schon einen neuen Cosmic-Drink komponiert. Er heißt BHC … Black Hole Collision.

Uiii, den wollen wir. Wir kollidieren bis wir kollabieren!!

Das klingt anstrengend, der Drink ist aber gut. Ein mehrdimensionales Geschmacksereignis.

Mindestens vier Dimensionen. Meine Dedektoren drehen durch. Al, was ist dein Geheimnis?

Ich kann Atmosphären kreieren. Ein Drink ist in der Lage, gute Stimmung zu machen. Das ist ziemlich simpel – nicht nur durch den Alkohol, sondern durch die perfekte Komposition aller Zutaten. Es geht nicht nur um Geschmack, es geht auch um Geruch, um die Farben, die Erinnerung , die Assoziationen, die Fantasie und um die Haltung, diesen Drink zu genießen, um die Garderobe und wie ihr auf den Hockern Platz genommen habt, wie der Drink zu eurer Garderobe und dem ganzen Schnick Schnack an euch dran, also den Accessoires harmoniert und dann die Temperatur und das Prickeln, das Klirren des Eiscrunch im Kristall und das leise Knacken, wenn sie schmelzen, die Feuchtigkeit auf den Fingerspitzen und das Perlen des Kondenswassers am Glas, der Zucker am Glasrand und sein süßer Nebengeschmack, ein wenig Salz ist auch dabei und verwirrt die Sinne, denn sie vermischen sich mit dem Sound der Musik, die ich zu diesem Drink spiele und sie findet eine Resonanz auf eurer wunderbaren Haut und das Licht reflektiert in euren Augen, spiegelt sich auf der Oberfläche und dringt dann ins Innere, wo es euch zart berührt.

WOW. Al, ich bin beeindruckt. Ich nehme noch einen.

Ich auch. Cheers.

Im Dickicht ist Gemeinsamkeit

im Wald ist er echtIm Wald ist er echt. Als würde er sich aus einer Umhüllung winden wie eine Schlange aus ihrer Haut. Seine Haut bleibt grau und knittrig zurück, als wir den Einstieg erreichen. Ich nenne es Einstieg, weil es wie eine Tür in eine andere Welt ist. Trichterförmig saugt sie uns ein. Schmaler Pfad, runde abwärtsleitende Optik. Tiefes Einatmen unserer Lungen und die Luft in uns trägt uns nach oben auf den Berg. Schön wär`s. Das Luftanhalten dauert nur einige Minuten, in denen die Welten sich ändern. Seine Welt wird klar, ich kann alles sehen. Die Nebel in seinen Augen sind weg. Der Abdruck seiner Krawatte: weg. Der hervorgeschobene Kiefer: wieder da wo er eigentlich ist. Die stolze Brust: fort. Wir keuchen bergauf.

Du siehst anders aus, sagt er zu mir. Also auch ich. Ich lächle und sage du auch. Die Gemeinsamkeit im Andersaussehen ist wie eine Wärme zwischen uns. Sie hat eine Temperatur. Sie kann hitzig werden, wenn wir sie lassen. Jetzt nicht. Wir wollen den Weg gehen.

Auf dem Weg sind Spuren. Er sagt er kann sie lesen. Sie erzählen die eben vergangene Geschichte des Menschen, der vor uns lief. Schleifender Schuh. Nervöse Hand, die Äste knickt. Ein geknickter Zweig nach dem anderen. Eine Kippe auf dem Boden. Was will dieser Mensch im Wald? Du sagst, der Wald hat eine heilende Wirkung. Für so viele. Nicht nur für uns. Wir suchen im Wald das Gemeinsame, das sich sonst versteckt. Im Dickicht finden wir es. Was für eine Ironie. Unser schönes Zuhause ist übersichtlich. Viel teuer gemieteter Platz. Zu teuer zum Kaufen. Aber den Raum um uns mieten geht. In diesem Raum verlieren wir uns. Finden uns dann im Wald wieder. Wir können nicht im Wald wohnen.

Ich würde gerne im Wald wohnen, sage ich. Wir können nicht im Wald wohnen, sagt er. Ich weiß. Traurigkeit, die nicht von Dauer ist. Bedauern, das nur kurz anhält. Ärger über die Höhe der Miete. Aber wo sollen wir sonst hin. Von diesem teuer gemieteten Raum können wir direkt in den Wald laufen. Du versuchst zu scherzen: Wir könnten eine Fototapete kleben. Einen Laubwald wie hier. Wir schieben das Bett in das künstliche Laub und lassen die Vogelgezwitscherkassette laufen. Du sagst immer Kassette. Echte Bänder von früher. Das Zwitschern hast du selbst aufgenommen. Hast still auf dem warmen Moos gelegen, bis die Vögel dich vergessen haben und zwitschern als wärst du nicht da. Glaubst du zumindest. Kannst du nicht wissen. Das Zwitschern ist laut und vielfältig. Du kennst die Vögel nicht. Ich kenne die Vögel nicht. Kann Vogelstimmen nicht den Vögeln zuordnen. Du auch nicht. Das macht nix, sagst du. Nö, das macht nix. Hauptsache, sie sind da.

Wir kleben die Tapete. Aber wir finden uns nicht. Der Künstliche Wald ist tot. Ist die Kassette zu Ende und machen wir das Licht aus, sind da nur Mauern. Müssen weiter in den Wald. Unter Woche ist das schwer. Das schaffen wir nicht. Da sind die Jobs und die Masken. Mit der Maske in den Wald zu gehen ist wie schwimmen in einem Bärenkostüm. Wir würden untergehen. Vom Gewicht der Künstlichkeit in die Tiefe gezogen. Von der Fake Authentizität im Ilex gefangen. Darauf legen wir es nicht an. Gefangen sind wir zu Hause. Im Wald sind wir frei. Das ist doch gut. Wer weiß so was schon von sich. Manche sagen, alle Geschichten enden zu Hause. Unsere nicht. Unsere endet im Wald. Der Wald ist unser Zuhause.

in Richtung Lichtung

Lichtung2Anna sagt: Du steht mir im Weg. Was für ein Weg? frage ich. Wir stehen auf einer Wiese mit Herbstzeitlosen, im Tal Nebel, der den Fluss verhüllt. Es riecht nach Nässe und faulem Obst auf dem Boden. Die kleinen Fliegen überall.

Es gibt gar keinen Weg, höchstens eine Richtung. Ach ja? Anna wirft ihre Arme in die Luft. Dann stehst du mir eben in der Richtung. Das gibt es nicht, sei nicht albern. Du hast alle Möglichkeiten. Du könntest mit mir nach Süden gehen, ein kleines Stück neben mir, dann wäre es für dich ein etwas anderer Süden als für mich. Annas Blick verklärt sich. Das Wort Süden ist mein Trigger. Will ich, dass Anna etwas tut, sage ich Süden und ihre Sinne straucheln. Sie flüstert etwas von einem Ziel.

Sie meint, der Weg ist das Ziel. Dieses Gespräch hatten wir schon öfter. Ich glaube nicht daran. Der Weg ist nicht das Ziel. Der Weg ist eine Oberfläche, eine Projektion, eine Standortbestimmung, eine Verortung für unruhige Geister und Gehirne. Sie wollen Sicherheit. Als wäre ein Weg jemals sicher gewesen. Es war schon immer gefährlich auf den Wegen. Schlaglöcher, Strauchdiebe, Schreck und Schock. Die Sehnsucht nach dem Ziel führt in die Irre.

Ich sage also, lass` uns nach Süden gehen.

Ich schlage eine Richtung ein und gehe zum Beispiel nach Süden. Anna folgt mir, sie möchte hinter mir, nicht neben mir gehen. Nach Süden gehe ich gerne, da ist Wärme, Glück und Fröhlichkeit. Zuviel Wärme, Glück und Fröhlichkeit erzeugen bei mir Wut und Feindseligkeit. Die Wut ist gut und manchmal nicht so gut. Sie kann konstruktiv sein, dann schmeißt sie mit Ideen um sich. Sie kann auch zu Verdrossenheit führen. Ein kurzer Zustand, bevor die Wut beschließt wieder konstruktiv zu sein. Wenn mich die Wut packt, ist Anna lieber hinter mir. Weil meine Gedanken dann nach vorn schießen, bis das Magazin leer ist. Wenn ich mich nach ihr umdrehe, hat die Entspannung mein Gesicht geglättet. Dann lacht Anna.

Über das nasse Laub laufen wir in Richtung Lichtung. Der Duft nach Geschmortem hängt zwischen den Bäumen. Nur konzentriert auf unsere Nasen erschnüffeln wir uns die Nähe. Lampen mit dunklen Schirmen, Leute auf schmalen Bänken, langsam aufsteigender Dampf. Wir setzen uns dazu und schon kommen sie: Wärme, Glück und Fröhlichkeit.