abgefahren

Ein alter Zug fährt durch einen alten Wald. Ein Laubwald bei Linz. Buchen, Erlen, Ulmen, Eichen. Die Schienen führen durch Schluchten und auf den Schotter spucke ich Kirschkerne. Das Knacken wenn sie landen höre ich nicht weil die Bahn so laut quietscht. Früher ritt hier eine Königin, später war es eine Gräfin im offenen Wagen, der Seidenschal lang im Fahrtwind. Dann kommt die Brauereibesitzerin und baut mitten in die Wildnis einen Laden mit der Aufschrift Colonialwaren. Da hängen die alten Sachen aus ihrer Küche drin. Schöpfkellen, Wasserkrüge und Tonschüsseln. Fünfundzwanzig verrostete Bügeleisen.

Die Brauereibesitzerin ist eine stolze Frau mit einer italienischen Designerküche. Rote Lackflächen und schwarzglitzernde Arbeitsplatten aus Granit. Sie scheucht mich aus ihrem Privatbereich. Mustert mich als wäre ich mittellos.Dabei wollte ich nur mal gucken. Wo sie doch sonst alles eitel zur Schau stellt. Alte Autos, altes Eisen, kalte Öfen. Das sollen die Leute kaufen. Ich nicht. Ich kaufe keinen ausrangierten Krempel von einer gierigen Frau. Das Bier das sie braut ist braun. Helles hat sie auch. Wie die Frau durch die Schankstube schreitet kommt sie mir vor wie eine Colonalistin, haha, genau was sie will. Sie hat hier ihren eigenen kleinen Landstrich annektiert und mit ihrem Tüttelkram markiert. Hat es wohl nicht über den Ozean geschafft. Muss hier auftrumpfen. Am liebsten würde ich ihr ein Bein stellen. Aber ich muss gehen. Der Zug fährt gleich ab.

 

Stock Rose

ImageIrgendwie vermisst sie ihn. Sie hat ihn verlassen aber nicht vergessen. Hat dieses große Opfer gebracht und ist nicht belohnt worden. Von wem auch. Schicksal, lächerlich. Mittlerweile kommt sie sich feige vor. Schämt sich. Grämt sich. Kann aber nicht zurück. Hat sich den Weg verbaut. Auf dem Niveau einer Telenovela hat sie trotzig die Tür hinter sich zugeschlagen. Ihr Stolz ist ein Teil von ihr. Sticht sie von innen. Alles was er will ist sie. Das weiß sie und zu Beginn ist diese Gewissheit Macht, die Abkehr Triumpf, die Ignoranz Beweis ihrer Tatkraft. Einmal sieht sie ihn von Weitem und den Schmerz in seinem Genick. Ihr Gehirn gibt ihr keine Deckung, sie hat diesen Anblick verdient.

Wenn sie daran denkt warum sie gegangen ist kommt es ihr als das Gegenteil eines Grunds vor. Eher ein Anlass zu bleiben. Eine Chance zu wachsen. Gemeinsam. Er hat ihr Freiheit angeboten, sie hat sie mit Füßen getreten. Jetzt weiß sie nicht wie es ist. Wie sich Freiheit anfühlt. Weiß nur wie er aussieht wenn er frei ist. Wunderbar. Augen wie Sterne, eine Stirn wie Fels. Aufrichtig. Aufrecht. Abgefahren. So was von. Wie sie am Anfang darauf stand. Wie jeder Gedanke eine Berührung war und die Berührung selbst ein heißes Knistern. Sie hat Angst zu verbrennen. Lieber lauwarm leben und das Opfer lieben. Auf keinen Fall direkt in den stumpfen Spiegel gucken. Den Blick abwenden, denn jeder sieht so aus wie er. Am besten gar nicht mehr hinsehen. Sich sicher fühlen in der Versenkung. Freiheit ist eine Farce.

Gleich

Image

In einer Sekunde schlägt der Stern ein. Ich werde wahrscheinlich sterben. Vielleicht auch nicht. Es sind ungefähr zwei Kilometer Luftlinie und ich weiß nicht wie weit die Glut spritzt. Die Zeit ist zu kurz um sich Gedanken zu machen. Das sind jetzt alles Zufallstreffer. Das Glück gestern. In diesen klaren Augen. Der Moment der Geburt und schon verliebt in dieses fremde Wesen. Das große Gefühl in mir, manchmal für so vieles, für alle. Das Grinsen auf meinem Gesicht wenn sich die Dinge fügen. Sie fügen und fügen und fügen sich und finden dieses phantastische Finale. Eine Druckwelle. Surfen wie damals auf Schnee und den Abgrund schneiden. Der Anblick brennt sich in meine Seele und schenkt mir das Leben. Bis heute. Lange eigentlich. Unendliche Nächte im Universum. Aus Überzeugung winzig. Mikroskopisch kleine Wunder. Magie ohne Widerstand. Ich bin ein Teilchen. Gefüllt mit Lava. Gleich.

Fake

fakeEr denkt an sie. Er träumt von ihr. Im Traum sieht sie anders aus, blond mit grünem Kleid. Sie lächelt aus einem Halbprofil das nicht ihres ist. Ihr Haar wie Honig. In anderen Nächten trägt sie schwarze Augen hinter einem Schleier von dichten Wimpern. Einmal erzählt sie ihm sie wünscht sich diese Wimpern. Im Traum schenkt er sie ihr. Mit jeder nächtlichen Veränderung verwischt die Erinnerung. Seinem Gehirn ist egal was wahr ist. Es stellt Clips zur Verfügung, visuelles Futter. Je intensiver er sich um das Echte bemüht desto mehr Einerlei erntet er. Das Bild in seinem Kopf ist Brei, das Foto an seinem Bett ein Fake. Es ist ein heimlicher Schuss dem die Schärfe fehlt. Kein Wunder dass sein Wunsch Anlass für attraktive Angebote ist. Er würde jede nehmen wenn es sie wäre.

Alle Arten von Haar könnte das auf dem Foto sein. Im Alltag stellt sich Unzufriedenheit ein. Wenn die Bilder eine Verbindung blockieren können vielleicht Blumen den Verlust brechen. Nelken. Streng und stark, sobald es dämmert. Vertreiben sogar Mücken mit ihrem Duft. Er mag ihn nicht, nur seine Wirkung. Die Moleküle legen sich an seine Seite. Suggerieren Anwesenheit, samtiges Verlangen. In den Schlaf schleichen sich wieder Bilder. Er wird wütend auf die Farben. Will dass sie verschwinden, es soll nur Geruch sein. Die Wut im Wachzustand wird zur Farce. Sie ist weg und er will es nicht wahrhaben.

Weißer Mohn

ImageTauche heute mit Wucht in die Vergangenheit. Hineingezogen von Pflanzen. Das ist nicht verwunderlich, denn ich habe mich lange in seltenen Pflanzengesellschaften herumgetrieben. Über sie geschrieben. Sie studiert und bewundert. Fotografiert und von ihnen geträumt. Viele Jahre der Hingabe an Pflanzen. Sie fehlen mir. Ihre wunderbaren lateinischen Namen und meine Interpretation derselben. Meine Gefährten. Ich habe mich verabschiedet. Und heute haben sie mich eingeholt. Im Botanischen Garten. Paradies. Zuflucht. Oase.

Botanische Gärten sind voller Hingabe. Alle Pflanzen geben das Beste. Sie wachsen und blühen in wundersame Höhen. Nicken sich zu. Winden sich in der Brise. Zittern vor Aufregung. So wie ich. Soll ich die Tür wieder öffnen? Ich vermisse sie sehr. Dachte ich hätte zugesperrt, aber weit gefehlt. Kein Riegel. Kein Schloss. Durch das Schlüsselloch sickert Verheißung. Abenteuer. Exotische neue Gesichter. Ich muss nur mich selbst überzeugen. Das kann doch nicht so schwer sein. Komm. Gib mir einen Ruck. Schlage ein neues Pflanzenkapitel auf. Schon der Gedanke fühlt sich gut an. Also.