Organische Abstraktion

füttern verboten

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestern bei einem gewaltigen Gewitter haben bei mir Augenmark und Rückenmerk die Position gewechselt. Es gab diesen Blitzruck, kennt ihr vielleicht, und plötzlich ist alles anders als vorher. So stelle ich mir eine Erkenntnis vor, wenn es dir wie Schuppen von den Augen fällt.

Ich habe aber (leider) keine Erkenntnis gewonnen, sondern eine Abstraktion. Das ist gewiss nicht der Hauptgewinn, eher ein Trostpreis, ein billig in Südostasien illegal von Kinderhänden fabriziertes Plastikteil. Ich empfinde es wenn ich ehrlich bin sogar als Strafe für etwas das ich nicht getan habe. Ich war`s nicht.

Dennoch muss ich jetzt dieses hässliche Augenmark tragen, es sieht aus als hätte ich mir Tubentomaten hinter die Lider geschmiert. Seine intelligente Primärfunktion hat es verloren, denn als Augenmark hat es nun die Merkrolle. Immerhin darf es noch entscheiden, was vom Auge der Betrachterin als Wesentlich erachtet wird. Mehr nicht.

Ob das Rückenmerk seine komplexe Aufgabe meistert bezweifle ich. Das ist noch voll im Merk- und nicht im Markmodus. Mann bin ich heute konfus drauf. Die Signale an das Gehirn werden vom Rückenmerk einfach abstrahiert und was kommt dabei heraus? Würstchen mit Kartoffelsalat als Antwort auf mein Hungergefühl. Ich esse seit Jahren vegan und das Spiel ist erst morgen.

Solange dieser Zustand anhält werde ich mir mit Ikons behelfen – einfache, auf das Wesentliche reduzierte Symbole ohne Verwechslungsgefahr. Draußen höre ich Donner. Ein neues Gewitter zieht auf. Das könnte die Lösung sein.

Müll essen

müllessenDer Wald ist voller Vorschriften. Gut dass es hier viele Bäume gibt an die man Schilder hängen kann. An jedem Stamm eine Tafel. Wege nicht verlassen. Würden wir die Wege verlassen würden wir uns verirren weil es keine Hinweise mehr gibt. Hunde anleinen. Würden die Hunde frei laufen wären die Hasen in Gefahr. Radfahrer nur auf breiten Fahrwegen. Die Idioten halten sich nicht daran und brettern mit einem Wahnsinnskaracho über den weichen Waldboden und links und rechts spritzt das Moos weg. Schützt die Natur! Das ist ein allgemeiner Sch….. utz-Appell an eine Gruppe geduzter Wanderer. Wie soll das gehen? Indem sie alle vorangegangenen Aufrufe befolgen? Schön auf den Wegen bleiben, die Hunde bei Fuß, keine Räder dabei und last but not least: Müll aufessen. Bei aller Liebe zur Natur, ich finde das geht zu weit.

Tiere filmen

Ich warte auf die Hummel. Dick und pelzig soll sie an meinem Lavendel Nektar naschen. Dabei mit dem Stängel im Wind wehen. Hin und Her. Will sie filmen. Es ist heiß. Vielleicht zu heiß für Hummeln oder zum filmen. Kenne ihre Gepflogenheiten nicht was Wärme angeht. Mein Rücken ist steif vom Sitzen und Ausschau halten. Kleine Schlitze meine Augen gegen den blauen Himmel. Hummelhimmel. Über den Balkon bei den Brombeerbüschen sehe ich sie schwirren, zum Lavendel kommen sie nicht. Mögen sie den nicht. Die anderen Insekten krabbeln und huschen, lautlos, winzig, rotorange bis braun. Nicht das gewünschte Tier das zu meinem Plan passt. Der löst sich langsam auf. Schmilzt in der Hitze. Muss abbrechen und einen neuen Plan schmieden. Keine gute Idee bei dem Wetter.


käferNeben den Sonnenfunken noch selbstgemachte, die kleine Verbrennungen auf der Haut hinterlassen. Schwarze Punkte, die wenn ich lange genug starre, sich zu bewegen anfangen wie kleine Käfer. Sie wandern auf der weißen Fläche des Sonnensegels wie von einem Magnet gezogen in die linke untere Ecke. Was ist dort. Muss ein Fluchtpunkt sein. Nacheinander stellen sie sich an den äußersten Rand und fliegen los. Ein Startplatz kein Fluchtpunkt. Sie drängeln nicht. Es sind artige gut erzogene Käfer. Kommen direkt aus meinem Kopf. Irgendwo von zwischen dem Neodingskortex und der Netzhaut. Jetzt sind alle ausgeflogen und ich kann mich wieder auf die Ankunft der Hummel konzentrieren. Es dämmert schon. Ich gebe nicht auf. Ein Hoch auf die Hummel, die nicht kommt. Es brummt in meinem Ohr. Ist eine Biene. Soll ich die jetzt filmen? Nein, merkt doch jeder, dass die Biene keine Hummel ist.

Morningstar

morningstar

Einmal im Jahr steigt aus diesen harten Gewächsen eine kratzige Säule und setzt sich einen Stern auf. Erntet Aufmerksamkeit und Bewunderung, trinkt sie wie flüssige Nahrung, lockt alles an was fliegt und saugt, leuchtet noch einmal auf und wird wieder zu Stein. Ein Planet. Auf meinem Balkon. Ganz nah.

 

Wespennest

Abends steht sie. Betrachtet die Wespen, die unter den Holzgiebel fliegen. Hektisch. Die nach Wespenart spontan seitliche Ausfälle machen. Die Bewegung der Flügel unsichtbar. Sie sollen sich hier nicht versammeln. Das Gesumme im Dach wird durch das Gebälk verstärkt. Das ganze Haus scheint zu wespenvibrieren. Legt sie ihre Finger ans Fenster spürt sie das unruhige Zittern. Legt sie ihr Ohr an die Wand flüstert die Königin ihr zu zieh dich zurück. Sie erschrickt und knickt in weiche Knie. Die weiße Gardine weht im Wind und sie will sich in ihr Flattern retten. Doch der Vorhang kann kein Gewicht tragen nur Luft. Sie ist mehr als Luft. Schwer im Vergleich. Nie weht die Gardine gleich. Macht immer neue Muster. Vor allem abends also jetzt wo sie steht. Sitzen will sie nicht. Sie ist unruhig. Sind die Wespen eine Projektion? Nein. Sie sind wirklich. Real. Sie bauen ein Nest. Wespennest. Gesumme von morgens bis abends. Keine Stiche. Erst im Spätsommer, wenn es soweit ist. Im Stehen verliert sie die Zeit. Wacht auf aus zwei Stunden Unbestimmtheit. Wo war sie? Unterwegs könnte man es nennen. In Gedanken. Im All. Im Universum. Friedlich ist es dort. Still. Taub. Sie hört nichts. Das Alles ist in ihr drin. Weit ist es dort. So viel Platz. Unendlich viel. Sie lächelt.

greifSpäter liegt sie. Kann nicht schlafen. Lauscht auf einen Atem der nicht ihrer ist. Dreht sich. Bis sie ganz eingewickelt ist. Gefesselt. Fühlt wieder die Falten. Im Fieber ist es als falle sie in Spalten von Fels. Wie kann ein Bett so hart sein. Wie kann sie so steif sein. Liegt da wie ein Brett. Bewegung ist nur im Kopf möglich. Die Füße zucken. Ist sie jetzt eine Wespe? Schmeckt sie Pelz in ihrem Mund? Das Gelb. Das Schwarz. Kneift sie die Augen ganz fest ist es schwarz. Das hält sie nicht durch. Also wieder Gelb. So leuchtend. Was ist passiert? Es ist Morgen und es ist die Sonne. Freundlich. Anschmiegsam. Zärtlich. Ein neuer Tag Ernst. Sie lächelt. Geh weg Ernst, ich liebe dich, aber ich will dich nicht sehen.

Der ganze Tag heiter. Rein. Keine Einbildungen. Sie redet und reibt sich verwundert die Augen. Sie geht und greift nach echten Gegenständen. Ein Glas glatt wie Seide. Eine Gabel kalt wie Eis. Eine Gurke grün wie Gras. Gelächter. Greifvögel am Himmel. So kann es immer sein. Sie lacht.