cruel nature II

pfeifenblume

Anna schreit es regnet Schildkröten. Kleine handtellergroße blutige Klumpen klatschen vor ihre Füße. Entsetzt sieht sie nach oben, ihr erstarrter Schritt auf grausigem Pflaster weiß nicht wohin. Platsch! Schon wieder ein zerfetztes Krötengeschoss mit gebrochenem Panzer. Ein heiserer Schrei aus ihrer Kehle. Oben hört sie Krähen krächzen, schwarz hüpfen sie auf den Dachpfannen herum, jonglieren mit ihrer Beute aus dem seichten Teich, werfen sie auf den Asphalt wie sie es mit Walnüssen tun um ihre Schale zu knacken. Dann picken sie das Weiche heraus. Anna steht wie eine Vogelscheuche im Gemetzel und telefoniert. Mit mir. Soll ich die Feuerwehr anrufen. Gibt es keine Parkwacht. Doch und schon fängt sie an zu kreischen dass es mir im Ohr fiept und ich stelle sie mir vor, wie sie mit ihrem schicken Kostüm und ihrer Tasche im Ellenbogen mitten auf dem Platz steht, wild mit den Armen fuchtelt während um sie herum kleine Wasserschildkröten zu Tode stürzen und schwarzes Gefieder flattert.

Später sitzen wir im Parkcafé. Anna kippt nach anachronistischer Damenart einen französischen Cognac für den Schock und ich ihre Freundin trinke mit. Es stimmt. Sie spinnt nicht. Tatsächlich haben die Krähen die teuer nachgekauften Schildkrötenbabies aus dem Teich gefischt und nach alter Manier vom Schlossdach geschleudert. Man sagt sie tun das auch mit neugeborenen Lämmern, wenn der Schäfer oder sein Hund nicht auf der Hut sind. Hier hat niemand damit gerechnet, dass die Raben kommen und die Kröten rauben. Auch der Parkwächter nicht. Die Vögel sind nicht wahnsinnig nur hungrig. Er muss den Dreck wegmachen, weint vor Wut und gleichzeitig würgt Trauer seinen Hals. Die zersplitterten Panzer vergräbt er tief in der Erde.

Bromhimerdbeer

hmml1Jedes Jahr in der Erntezeit gerate ich in einen Rausch. Letztes Jahr denke ich es gibt außergewöhnlich viel zu holen. Dieses Jahr gibt es ungefähr dreimal soviel. Habe schon Ringe unter den Augen vom genauen Hingucken. Erst Erdbeeren nah an der Erde, etwas höher dann Himbeeren und bald schon Brombeeren. Die Beeren bewirken eine Beschleunigung meines Bewegungsapparats – ich schwinge mich kurz nach Sonnenaufgang auf mein Fahrrad, nachdem ich schon die halbe Nacht wach liege und mir Verwertungsvarianten ausdenke, virtuell mit Aromen experimentiere, hinzufüge, verwerfe, einrühre, auspresse. Mein Schlafgefährte macht seltsame Geräusche, ein Summen wie die Hummeln.

 

hmml2Er hat sie auch gesehen – sie sind wahnsinnig vor Gier und Glück. In voller Fahrt fliegen sie in die schwülen Kelche, rosa vor Aufregung und wühlen sich in den üppigen Pollen. Oben und unten, Schwerkraft spielt keine Rolle mehr, sie wälzen sich in der Paste, sie klebt ihnen am Pelz und sie können nicht genug davon kriegen. Ich löse mich vom Anblick wohliger Wärme und feinstaubverklebter Fühler, fahre dorthin, wo sich schwarzglänzende Früchte schwer über die Dornen neigen. Ich will sie alle.

Ganz hinten oben hängen die besten.

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Sie sind schwer erreichbar. Ich wuchte mein Fahrrad ins Gebüsch und steige darauf auf. Es schwankt in der Hecke. Jetzt bin ich mindestens Einmeterzwanzig größer und sehe aus wie eine dieser Puppen, die im Karneval auf Stelzen laufen. Mein Gesicht eine Maske, beerensaftverschmiert der Mund, rote Spritzer auf der Haut, Spinnweben in den Haaren. Hexe. Ich glaube das hat gestern ein früher Gassigeher geflüstert, als er über meine Tupperdosen gestolpert ist. Ich schenke ihm ein schreckliches Grinsen und geschwind zieht er seinen Grauhaardackel weg. Wenn die Eimer voll sind, meine Arme zerkratzt, die Fingernägel und Hosenbeine eingerissen, fahre ich wieder nach Hause, wo der Geliebte noch schläft. Gut. Sähe er mich so wäre er nicht mehr sicher.

hmml6Später bewundert er die sauberen Gläser dunkellila Gelee, schmeckt die erdige Süße und leckt die Tropfen vom Tisch.

 

Wanderdüne

schönes Kleid

Sehr wahrscheinlich hat ein sensibler Mensch definiert was eine empfindliche Pflanzengesellschaft ist. Ein Mann namens Manfred, der mit Mitte Vierzig noch bei seiner Mutter wohnt und ganz zufrieden damit ist. Seine Analogie ist sehr persönlich und gleichzeitig objektiv wissenschaftlich, das redet er sich zumindest ein. Die Vergesellschaftung von Pflanzen findet durch brutalen Wettbewerb und rücksichtslose Auslese statt, um sich einen optimalen ökologischen Standort zu sichern. Das System ist konstant, solange der Mensch nicht mit Chemie oder grober Gewalt hineinpfuscht, das Klima konstant ist oder Bienen fremdartige Pollen fallen lassen, die dann mit aggressivem Marketing neue Wettbewerbsbedingungen schaffen. Da Manfred die (un)menschlichen Marktgesetze kennt, erklärt er empfindliche Pflanzengesellschaften für schützenswert. Die Menschen, also diejenigen, die Natur mögen und achten, also die aufmerk- und in gewisser Weise ebenso empfindsamen wie Manfred, akzeptieren diesen Schutz. Sie würden niemals auf diskret eingezäunten Wanderdünen herumtrampeln und die ledrigen Gräser (zer)stören.

Manfred erklärt, dass er noch weit vom Perfektstadium entfernt ist. Das habe ich ihm bereits aus einiger Entfernung angesehen, wundere mich aber über den Gebrauch des Wortes „noch“, weil ich glaube er hat es schon lange überschritten. Aber auch er lebt in seiner eigenen Welt und da will ich nicht einfach so reinplatzen und behaupten die Dinge sind so und so. Vielleicht denkt er ja in Erdzeitaltern. Sieht seine Persönlichkeit als seltsame Pflanze und den Ablauf seines Lebens in mehrere Ären gegliedert, diese wiederum in Systeme, Perioden, Formationen, Stufen und Abteilungen unterteilt. Während Manfred mir das erzählt, überlege ich, ob ich ihm gegenüber als Enzym agieren soll. Als Biokatalysatorin würde ich seine Gewohnheiten zeitlich beschleunigen. Mit meiner Aktivierungsenergie würde ich Manfred aus der Bahn werfen. Mein Gehirn sagt nein. Es ist mal wieder auf Empathie geschaltet und empfiehlt mir, kurz Manfreds Perspektive einzunehmen und so schlüpfe ich in diese anfangs erwähnte Analogie. Stimmt. Aus Manfreds Sicht bin ich eindeutig ein nicht erwünschter Fremdkörper, ein Eindringling, der seine Empfindlichkeit verletzt. Trüge ich ein schönes Kleid würde er an Blütenstände denken. Ich drossle also mein aktives Interesse auf freundliche Höflichkeit und sage ich muss jetzt leider los weil ich muss noch meinen Rasen sprengen äh meine Pflanzen gießen.

Save Our Ship

saveourship

Sieben Inseln in meinem Traum. So als wäre rund um das Siebengebirge alles Land geflutet und nur die Gipfel schauen noch heraus. Der Rhein ein Meer mit Strömung. Von der letzten Landzunge des Petersberg-Archipels blicke ich in Richtung Eifel. Die Kegel vulkanischen Ursprungs ragen auch noch aus dem Wasser, sind aber unerreichbar ohne Schiff.

Den Flussschiffern fehlt die Orientierung. Verwirrt fahren sie mit ihren Kähnen kreuz und quer. Ihre Ladung werfen sie über Bord. Was wollen sie mit schwerem Schrott. Den kauft niemand wenn alles schwimmen muss. Die Häfen sind hoffnungslos verloren. Das Boot allein wird sie zu reichen Männern machen. Sie transportieren Menschen, die sehnsüchtig auf den schimmernden Meeresboden gucken, wo ihre Autos versunken sind. Sie beugen sich nach unten zu ihren verlorenen Schätzen. Vor noch nicht so langer Zeit haben sie mit geneigtem Kopf auf ihre Mobiltelefone gestarrt, jetzt schauen sie wie gebannt ins Wasser. Als würde es von der Intensität ihres Blicks verdunsten. Tut es aber nicht.

Hier vor meiner Haustür: Sieben Inseln, die unter anderem nun Öl-, Löwen- und Dracheninsel heißen. Die Stenzelfelsen ein schroffes Riff. Aussichtspunkte, an die Brackwasser schwappt. Ich habe Glück, erstens weil das nur ein Traum ist und zweitens weil ich auf dem Petersberg zu Hause bin und dort ein Luxushotel steht. Die einzige bewohnte Insel die noch den Namen Berg verdient. Auf der Ölinsel steht ein kleines Haus, ein Einkehrhäuschen, deren Bewirtschafterin nachts ins Tal schlafen geht und das Wasser kam in der Nacht.

Das Fünfsternehotel ist ein Hochsicherheitshaus, das der Regierung gehört. Es rühmt sich etwas schamhaft das „Deutsche Camp David“. Peinlich. Ich schäme mich fremd für diese Bezeichnung. Bill Clinton ist hier mal zwischen den Videokameras im Wald gejoggt und danach haben sie Schilder hingestellt und den Weg Bill-Clinton-Pfad genannt. Für geübte Läuferinnen wie mich ist die Distanz ein Witz und als heilige Fußstapfen empfinde ich die längst verwischten Abdrücke von Clintons Nikeschuhen auch nicht. Außerdem stören mich die Kameras. Ich stelle mir vor, wie in einem kleinen unterirdischen Raum ein etwas schmuddeliger Sonderbeauftragter des Bundesnachrichtendiensts die Bildschirme betrachtet, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und sich dann wieder der X-Box zuwendet. Es gibt geheime Gänge, die geflutet keinen Sinn mehr machen. Der Berg ist seit der Römerzeit unterwandert, es gibt Dutzende von Höhlen und dunkle in den Fels gehauene Wege.

Dass die hier U-Boote gebunkert haben, glaube ich nicht.

Als vor 883 Jahren der Ritter Walther der Einsiedler an das Rheinufer gespült wurde und er sich mühsam durch das Gestrüpp auf den Gipfel des Petersberg stieg, der damals noch Stromberg hieß, um sich umzuschauen, fand er die Grundmauern eines Ringwalls aus der Zeit von ca. 100 v. Chr., baute ein Haus darauf und sein gemütliches Feuer lockte Zisterziensermönche aus der Eifel an, die sich dort niederließen, aus dem Haus eine Kirche machten und den Ort hernach immer frommer, Kreuz-, Prozessions- und Bittwege errichteten, die heute noch erhalten sind. Damals war die große Flut eine biblische Geschichte, die in der Vergangenheit lag und mit deren Wiederholung die Mönche nicht so bald rechneten, weil sie auch noch nichts von der globalen Erwärmung gehört hatten. Sie hätten sich gewundert ob der Wasserlandschaft, die jetzt die Hohlwege hochdrückt.

Bald, sagt mir mein Gehirn, wird es hier ein Hauen und Stechen geben um die besten Plätze. So wie man es kennt aus den Endzeitszenarios. Die Drehbücher sind alle schon geschrieben. Die mit den Schiffen werden gewinnen. Dann weckt es mich mit einem Stromstoß aus dem Hochspannungszaun.

Ich wache auf mit tauber Haut. Es kribbelt in meinem Innern wie nach der Berührung mit einem aktiven Kuhweidendraht. Ein Dieselmotor tuckert leise, eigentlich ein vertrautes Geräusch ohne Anlass zur Sorge. Ich springe aus dem Bett und renne zum Fenster. Da ist es. Auf dem Rhein, wo es hingehört. Stromaufwärts. Niemand hätte meinen halb verschlafenen Hilferuf verstanden SOS Save Our Ship. Die Feuerwehr wäre angefahren, das Hauptquartier direkt um die Ecke. Sie hätten eine Menge Lärm gemacht und nur einen Traum gelöscht.

Königin-Komplex

eigenheim

Ich kenne eine Frau, die sich rächen will. Rachegefühle gelten als Charakterdefizit. Zumindest hierzulande, wo es für nicht ausgelebten Zorn Therapien gibt. Bezahlt sogar die Krankenkasse. Also ihre nicht, aber die meisten schon. Sie sagt sie braucht keinen Psychologen weil sie weiß wo ihr Wunsch nach Rache verankert ist, auch seit wann. Jetzt lächeln die Psychologen weil sie glauben, das wäre noch lange nicht alles. Stimmt. Sie will nämlich ihr mieses Gefühl gar nicht loswerden. Sie schwimmt darauf wie ein Korken und es trägt sie von Küste zu Küste.

Andere haben damit zu kämpfen, dass sie von ihrer Mutter nicht angenommen, akzeptiert oder angemessen geliebt werden, sie dagegen hat ihre Mutter schon als Kleinkind abgelehnt und musste sie dann noch achtzehn lange Jahre ertragen. Dann ist sie einfach weggegangen. Aus diesem Haus mit der blauen Garage. Hat ihr Fahrrad geschnappt und ist über die Felder in ein neues Leben geradelt. Zu dem Zeitpunkt war sie eine angry young woman und konnte sich easy in eine Peergroup einreihen. Wild war das. Die Rachegefühle kamen erst viel später als sie gemerkt hat, wie konditioniert sie ist und dass sie einen böse-Königinnen-Komplex hat. So nennt sie das. Direkt abgeleitet von der Herrscherin im schwer verdienten Eigenheim.

Es gibt in ihrem Leben immer wieder diese Frauen, die glauben, sie irgendwie über die Klinge springen lassen zu müssen, um sich dann an ihrem Blut zu ergötzen. Es sind Frauen mit Macht. Mütter zum Beispiel. Freundinnen. Kolleginnen. Was dich nicht tötet macht dich stark. Das ist nicht gerade ein Spruch aus unserer mitteleuropäischen Alltagswelt. Die Wahrscheinlichkeit getötet zu werden ist auf der Autobahn am größten. Kein großes Abenteuer. Ihre Mutter lebt seit vielen Jahren nicht mehr und die Rache richtet sich eher gegen das System, das alles zugelassen hat. Es hat sogar zugelassen, dass sie selbst zur bösen Königin geworden ist. Ab und zu. Sie weiß ja wie es geht. Das bringt keine Linderung. Jetzt ziehen die Psychologen eine Augenbraue hoch. Da muss man doch was machen. Sie pfeift darauf.

Neulich hat sie mir gesagt, dass jetzt, wo sie keine der angry young women mehr ist, einfach wegen des Alters, sei es schwieriger, sich auszutoben. Lust zum Austoben hat sie genau wie früher, aber auch das lässt das System nicht zu. Im Geheimen muss das geschehen. Sonst gilt sie als absonderlich. Zu guter Letzt muss sie lachen. Aus vollem Hals. LOL. Es geht ihr gut mit dieser Rache. Mit diesem wütenden Tier in ihr. Sie hebt stolz ihr Kinn. Es ist ihres, ganz allein. Besitzerin. Königin.