Anna K.

Auf einer Party treffe ich meine frühere Freundin Anna K., die sagt, sorry ich bin weder verliebt noch habe ich ein Problem, über was sollen wir also reden? Sie ist immer so direkt und das mag ich an ihr. Anna und ich haben uns aus den Augen verloren als wir uns beide verliebten und mit gewissen Problemen rangen. Eine unserer Gemeinsamkeiten – so haben wir uns kennengelernt – ist auf Empfängen herumstehen, den Kleidersaum schwingen und neue Drinks ausprobieren. Dabei legen wir spontane Kriterien fest, zum Beispiel muss die Farbe des Cocktails mit unseren Klamotten harmonieren oder eindeutig in die Sweeeeet-Kategorie gehören, was bedeutet dass wir schneller einen Schwips haben, um das mal vornehm auszudrücken.

PinkperlmuttPink, Lila und Perlmutt dominiert unser Wiedersehen. Der Barmann mit dem Künstlernamen Joe Gilmore  mixt zwei Kensington Court Special und garniert sie mit kandierten Veilchen. Als echte Freundinnen haben wir einen Schwur geleistet. Sobald unser Gekicher peinlich werden könnte, ziehen wir uns beziehungsweise die eine die andere unauffällig in den Lounge-Bereich zurück und trinken dort weiter. Im Sitzen fällt eine Entgleisung niemandem auf. Wären wir jung und schön wäre das nicht so schlimm, doch das war früher und jetzt ist uns eine gewisse Haltung wichtig.

Anna wiederzusehen ist wundervoll. Wir sind vertraut als wären nicht diese Jahre vergangen, in denen wir Kinder, Männer, Häuser, Jobs, Inselurlaube und Geldanlagen hinter uns gelassen haben. Über alle diese Ereignisse könnten wir stundenlang reden, tun wir aber nicht. Wir befinden uns in einer geräumigen Glocke der Gegenwart, intensiv und mit viel hochprozentigem Alkohol, umgeben von einem gänseschwarmartigen Geräuschpegel und heben unsere Gläser. Auf das was passiert. Mehr ist nicht zu sagen.

 

x-beliebig

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Dieses Identitäts-Hin-und-Her mit meinem Gehirn mache ich nicht länger mit. Wie kommt es überhaupt auf die Idee, eine einzige Identität wäre ausreichend oder angemessen. Das ist reduktionistischer Blödsinn á la Platon, wonach jeder nur ein einziges wahres Ich hat. Mit den Tierideen kann ich mich auf Dauer sowieso nicht anfreunden. Als Gorilla habe ich außerdem einen so fast identischen Genpool mit mir selbst und meiner vermuteten biologischen Vergangenheit, dass es bestimmt einige affige Nanoteilchen in mir gibt. Ich stehe dazu und schäme mich nicht.

Vielleicht sind sie das wohlige Gefühl von Geborgenheit, wenn die nächste Generation meiner Familie durch die Spielgeräte schwingt. Ich kann zwar jedem Tier etwas abgewinnen, hüpfe nach Känguru-Art immer noch gerne auf meinem Trampolin und genieße den Rückstoß meiner Schafshörner beim versuchten Durchbruch einer Mauer. Das ist alles in mir. Aber weg von den Tieren, Hirn. Das sind zwar ganz nette Analogien und ich schätze die Bemühungen der grauen Zellen, meine Existenz schillern und mein Ego tanzen zu lassen. Viel näher sind mir meine menschlichen Eigenarten.

Aufgezählt ergeben sie allerdings eine ziemlich lange unvollständige Liste auf der gerade mal ersten und ausschließlich privatpersönlichen Kategorien-Ebene, die so gut wie nicht viel aussagt: Frau mit Haut und Haar, früher Mädchen mit Bücherwurm, auch Kind im hohen Gras, Jugendliche auf Kafkatripp, Sinnsucherin, Hippiesympathisantin make love not war, Punkpinonierin mit Respekt vor Springerstiefeln und Vorliebe für aggressive Gitarrenmusik, Schneebegeisterte, Eigentumsverächterin, Second Hand Überzeugte, Biovegetarierin mit inkonsequenten Genießerinausflügen zu einem guten Stück Fleisch, Beerensammlerin, Marmeladenköchin, Tagebuchschreiberin, Läuferin, Fahrradfahrerin, Autofahrerin, Zugfahrerin, Beziehungserfahrene, Mitseglerin, Wander-, Abenteuer-, Strand- und Bergurlauberin, Kaltwasserschwimmerin, Konzertbesucherin, Museumsgängerin, Theaterrezensistin, Kino- und Fernsehguckerin, Kleinkunstbewunderin, Fußballzuschauerin, Fußballspielerin, Kletterin, Frisbeevirtuosin, mit-drei-Bällen-Jongliererin, Pflanzenkennerin, Walnussknackerin, Himmelsrichtungsexpertin, Planeten-, Stern- und Universumsinteressierte, Botanische Gärten Besucherin, Staudenliebhaberin, Liebhaberin im Allgemeinen und Speziellen, Geliebte, Liebende, Verliebte, Mutter einer Tochter, Mutter eines Sohnes, Schwester einer Schwester, Patin einer Nichte, Tante zweier Neffen, Tante von Zwillingen, Freundin, Nachbarin, Meditierende, Geruchs- und Geräuschempfindliche, Aussichtsreiche, Dachterrassengestalterin, Weintrinkerin, Hefeweizentrinkerin, Kaffeetrinkerin, Grüner-Tee-und Cocktail-Schlürferin, Obstbrändekennerin, Sushiverschlingerin, Spaghettiköchin, Pizzabäckerin, Weihnachtsgebäckfanatikerin, Jeansträgerin, Sommerkleidträgerin, Offene-Schuhe-Verneinerin, Barfuß-am-Strand-Schlenderin, Muschel- und Steineaufheberin, Nähmaschinenbesitzerin, Minimalistin, Designer- und Menschenkennerin, Stilsichere, Draußenschläferin, Zuhörerin, Vorleserin, Schlechte-Witze- und Geschichtenerzählerin, Smartphoneträgerin, Gedankenmacherin, Grüblerin, Nachdenkerin, Schreiberin, Diskutantin, Einzelgängerin, Haarefärberin, Lesebrillenträgerin, Monochromistin, Gelegenheitsraucherin, Wolkenfotografiererin, Kurzfilmdreherin, ehemalige Großstadt- jetzt Kleinstadtbewohnerin.

Mal ehrlich, ich könnte einfach jede x-Beliebige sein – die wirklich interessanten Sachen kommen ja erst in den Ebenen darunter und auch diese Liste halte ich mal eben extrem kurz, denn das ist es worüber ich schreibe und schreiben werde: Feinheiten und Fetische, subtile Differenzierungen, Sensibilitäten, Hypersensibilitäten, sensitive Wahrnehmungen, kribbelige Angelegenheiten, dunkle Gedanken, verborgene und überbordende Leidenschaften, geheime Sehnsüchte, kleinkarierte Pingelichkeiten, peinliche Ausrutscher, höchstes Vergnügen, wilde Unbefangenheit, große und kleine Gelüste, schmerzliche und zu Tränen rührende Augenblicke, unbändige Wut, rasender Zorn, lodernde Liebe, grenzenlose Freude, tief empfundenes Glück.

Gorilla

Ich hänge im Luv eines tropischen Nebelwalds fest. Also mental. Mir fehlt für diese Situation eine adäquate Klassifizierung, was soll ich tun.

Mein Gehirn geht auf Go: Ein Luvhang liegt quer zur vorherrschenden Windrichtung und die am Berg aufsteigenden Luftströme kühlen sich so ab dass es zur Kondensation des Wasserdampfs und damit zu Nebel kommt. Das hat es irgendwo in meiner lexikalischen Erinnerung über Pflanzenbücher ausgegraben. Hat es auch berücksichtigt, ob es mir jetzt hilft.

Meine Lage ist folgende: Mit einer Gruppe von Menschen mache ich diesen Marsch durch die Mancha. Die Männer machen abends Feuer, das die Haare der Mädchen färbt. Einmal die Ebene hinter uns gelassen wird es warm und üppig und es stehen Berge in der Landschaft, die mit dichtem Wald bewachsen sind. Im Lager lachen wir endlich mal.

Die Musik der Nacht um uns herum. Schrille Schreie, lautes Zirpen von Monsterzikaden und gruseliges Geraschel im Gebüsch. Die Männer sagen Bäume, Büsche und Blumen. Die Mädchen mischen sich ein. In diesem Mikrokosmos machen sie Mango- und Mammutbäume aus, dornige Mahonienbüsche mit ledrigen stachelspitzigen Blättern und blaubereiften Beeren. Nein, nicht essen. Die Männer nicken und öffnen geschickt die Konserven. Morgen werden sie wieder mitreden jetzt sind sie müde.

gorilla1Wo war ich. Ach ja. Am Hang. Im Nebel. Wie ein Gorilla. Was soll diese Affen-Assoziation. NEIN. Mein Gehirn grinst und schickt mir über die Kehle einen heiseren Laut. Ein Primatenpusten. In Affenart wiege ich meinen Körper und reiße die langen Arme hoch. Entblöße mein gelbes Gebiss und gröle. Finde Gefallen daran.

Nach dem blauen Schaf und dem Känguru bin ich jetzt eine Gorilla. Ganz schön mutig von meinem Gehirn. Es stellt sich einer selbst erdichteten Dominanz. Scheint nicht nur ein Experiment für mein Ego zu sein, sondern ein existentieller Selbstversuch. Das mit dem Nebel macht es nicht einfacher. Ich komme langsam dahinter was das soll. Ein einfaches Etikett. Ein Standard. Eine Kategorie. Gorilla im Nebel. Wie der Film. Mach einfach was die Affen machen. Ich muss nachdenken. Ist schon so lange her dass ich Gorilla … äh … im Kino war.

 

abgefahren

Ein alter Zug fährt durch einen alten Wald. Ein Laubwald bei Linz. Buchen, Erlen, Ulmen, Eichen. Die Schienen führen durch Schluchten und auf den Schotter spucke ich Kirschkerne. Das Knacken wenn sie landen höre ich nicht weil die Bahn so laut quietscht. Früher ritt hier eine Königin, später war es eine Gräfin im offenen Wagen, der Seidenschal lang im Fahrtwind. Dann kommt die Brauereibesitzerin und baut mitten in die Wildnis einen Laden mit der Aufschrift Colonialwaren. Da hängen die alten Sachen aus ihrer Küche drin. Schöpfkellen, Wasserkrüge und Tonschüsseln. Fünfundzwanzig verrostete Bügeleisen.

Die Brauereibesitzerin ist eine stolze Frau mit einer italienischen Designerküche. Rote Lackflächen und schwarzglitzernde Arbeitsplatten aus Granit. Sie scheucht mich aus ihrem Privatbereich. Mustert mich als wäre ich mittellos.Dabei wollte ich nur mal gucken. Wo sie doch sonst alles eitel zur Schau stellt. Alte Autos, altes Eisen, kalte Öfen. Das sollen die Leute kaufen. Ich nicht. Ich kaufe keinen ausrangierten Krempel von einer gierigen Frau. Das Bier das sie braut ist braun. Helles hat sie auch. Wie die Frau durch die Schankstube schreitet kommt sie mir vor wie eine Colonalistin, haha, genau was sie will. Sie hat hier ihren eigenen kleinen Landstrich annektiert und mit ihrem Tüttelkram markiert. Hat es wohl nicht über den Ozean geschafft. Muss hier auftrumpfen. Am liebsten würde ich ihr ein Bein stellen. Aber ich muss gehen. Der Zug fährt gleich ab.

 

Stock Rose

ImageIrgendwie vermisst sie ihn. Sie hat ihn verlassen aber nicht vergessen. Hat dieses große Opfer gebracht und ist nicht belohnt worden. Von wem auch. Schicksal, lächerlich. Mittlerweile kommt sie sich feige vor. Schämt sich. Grämt sich. Kann aber nicht zurück. Hat sich den Weg verbaut. Auf dem Niveau einer Telenovela hat sie trotzig die Tür hinter sich zugeschlagen. Ihr Stolz ist ein Teil von ihr. Sticht sie von innen. Alles was er will ist sie. Das weiß sie und zu Beginn ist diese Gewissheit Macht, die Abkehr Triumpf, die Ignoranz Beweis ihrer Tatkraft. Einmal sieht sie ihn von Weitem und den Schmerz in seinem Genick. Ihr Gehirn gibt ihr keine Deckung, sie hat diesen Anblick verdient.

Wenn sie daran denkt warum sie gegangen ist kommt es ihr als das Gegenteil eines Grunds vor. Eher ein Anlass zu bleiben. Eine Chance zu wachsen. Gemeinsam. Er hat ihr Freiheit angeboten, sie hat sie mit Füßen getreten. Jetzt weiß sie nicht wie es ist. Wie sich Freiheit anfühlt. Weiß nur wie er aussieht wenn er frei ist. Wunderbar. Augen wie Sterne, eine Stirn wie Fels. Aufrichtig. Aufrecht. Abgefahren. So was von. Wie sie am Anfang darauf stand. Wie jeder Gedanke eine Berührung war und die Berührung selbst ein heißes Knistern. Sie hat Angst zu verbrennen. Lieber lauwarm leben und das Opfer lieben. Auf keinen Fall direkt in den stumpfen Spiegel gucken. Den Blick abwenden, denn jeder sieht so aus wie er. Am besten gar nicht mehr hinsehen. Sich sicher fühlen in der Versenkung. Freiheit ist eine Farce.