Supernova

flash

Ich beobachte den Nachthimmel und folge Dark Sky Bloggern auf der Suche nach Supernovae. Im Sommer schlafe ich suboptimal unter den rotierenden Sternbildern. Sehe meistens nur Satelliten. Würde sich das Restlicht einer längst vergangenen Explosion nähern würden mich die Richtigen informieren, die Himmelskundigen, Astronomen, Nachteulen. Populäre Phänomene interessieren mich. Was aber wirklich turnt ist die Wiederholung, der Zyklus, die Endlosschleife. Sie sind nur scheinbar harmlos und haben den gleichen Effekt wie die Sensation. Sie folgen dem Grundprinzip der Entropie und dehnen sich immer weiter aus. Denken wir also wir nähern uns stimmt genau das Gegenteil. Wir entfernen uns. Voneinander. Je länger desto fremder. Glänzend. Glatt. Galaktisch.

Meine Wechselwirkung mit der Welt ist eine körperliche, elementar und aufreibend. Meine Füße im Sand von Wasser umspült mein Kopf in den Wolken unter dem Kosmos. Was für ein Wirbel. Was für ein Klischee. Zusammenhänge wo der Zufall regiert. Sinn wo keiner ist. Theorie, unbewiesen. Ein Modell für die Liebe. Ohne Beweis, einfach da. Großartig. Supersymmetrisch. Physikalische Freiheit, die über die vierdimensionale Raumzeit hinausgeht. Energie, dunkel und voller Schub. Formvollendet. Materie vom Feinsten. Supernova.

Lecker Blut

Anna und ich sind wie schon berichtet passionierte Cocktail Verkösterinnen. Jetzt wo wir uns wieder sehen können wir auch wieder regelmäßig los neue Drinks suchen. Nein wir sind nicht süchtig nach Alkohol nur nach dem Ambiente, dem Drumherum, der Verbindung von Gerüchen mit Geschmack, vom Kitzel der Verzierung an unseren Lippen. Wir versuchen dann, die richtigen Worte zu finden, präzise auszudrücken wie genau sie schmecken, wie süß, bitter, saftig, salzig, fad, rich, fett, pelzig, klebrig. Auch das Aussehen prüfen wir wie zwei amtliche Testerinnen, kritisch zusammengekniffene Augen, Nuancen in der Farbbestimmung, das Holz der Bar, das Licht in den Flaschen, die Wahl der Gläser, tausend Kleinigkeiten. Manchmal streiten wir uns deswegen, reden uns in Rage ob der Unterschiede in der Wahrnehmung. Es gibt diese Wahrheit nicht, es gibt sie nie.

druckDie Diskussionen sind hitzig: Wir sind Drama Queens bis in die Haarspitzen. Leidenschaftliche Auseinandersetzungen, hart geworfene Sofakissen, blitzende Augen und aggressive Körpersprache sind unser Ding. Das ist nicht aufgesetzt, das kommt aus unserem Innern. Von ganz tief uns so spontan, so dass wir vermuten, es war von Anfang an da. Das Drama Gen. Geerbt von einer früheren Generation grenzverletzender Großgrundbesitzer. Anna ist Halbitalienerin und hat die Rechtfertigung für ihre Performance quasi schon im Pass stehen. Bei mir ist das schwieriger, obwohl es in einem Seitenast meines Stammbaums südamerikanische Sojabohnenbauern gibt. Nichts worauf ich stolz bin, aber eine Erklärung ist es allemal. Mein Gehirn will den Grund wissen. Warum es manchmal wie verrückt Adrenalin und die anderen Dramahormone produzieren bzw. die Produktion veranlassen muss.

Vom Mögen dramatischer Momente kann keine Rede sein, wir lieben sie. Wo keine Welle in Sicht ist machen wir eine. Wir brauchen diese Brandung. Zum Surfen. Wir wollen Wirbel und Strudel. Auf den Sand geworfen werden. Blessuren davontragen. Dann die Wunden lecken. Blut schmecken. Dass das nicht jedermanns Ding ist, ist ja klar. Man muss es schon gut kennen und es liebevoll Temperament nennen. Denn in diesem Moment meinen wir was wir sagen, kleine Explosionen in der Luft, deren Rauchwolken schnell wieder verwehen. Dann ist wieder gut, alles gesagt, wir gehen kurz raus die Nase pudern und das war´s.

 

Echo

ImageDie Geräusche des Trampolins klingen wie Bettfedern im Hotelzimmer nebenan. Die Betten stehen Kopf an Kopf mit einer Wand dazwischen, die Privatsphäre suggeriert. In Wirklichkeit ist es eine Übertragungswand oder ein Lautsprecher, denn sie lässt ja nicht nur Töne durch sondern auch Vibrationen. Die stumpfen Schläge des Nachbarbetts an die stoffbezogene Wand beginnen als leises Quietschen und Rascheln der gestärkten Bezüge. Dann ein Raunen, Kichern und Hecheln als würde denen da drüben über die Klimaanlage die Luft entzogen. Der Boden schwingt, die kleinen runden Troddeln an der Lampe zittern wie eine Kompassnadel und da kommt er, der Kontrollverlust. King Size Wildnis. Die Wand wackelt. Das rhythmische Poltern der Bettpfosten ist eine gigantische texanische Erdölpumpe, ein Erdstoß, eine Explosion, ein Ende. Wie gebannt starren wir auf die plötzliche Ruhe und dann in unsere Augen. Da glimmt ein Echo.