in Richtung Lichtung

Lichtung2Anna sagt: Du steht mir im Weg. Was für ein Weg? frage ich. Wir stehen auf einer Wiese mit Herbstzeitlosen, im Tal Nebel, der den Fluss verhüllt. Es riecht nach Nässe und faulem Obst auf dem Boden. Die kleinen Fliegen überall.

Es gibt gar keinen Weg, höchstens eine Richtung. Ach ja? Anna wirft ihre Arme in die Luft. Dann stehst du mir eben in der Richtung. Das gibt es nicht, sei nicht albern. Du hast alle Möglichkeiten. Du könntest mit mir nach Süden gehen, ein kleines Stück neben mir, dann wäre es für dich ein etwas anderer Süden als für mich. Annas Blick verklärt sich. Das Wort Süden ist mein Trigger. Will ich, dass Anna etwas tut, sage ich Süden und ihre Sinne straucheln. Sie flüstert etwas von einem Ziel.

Sie meint, der Weg ist das Ziel. Dieses Gespräch hatten wir schon öfter. Ich glaube nicht daran. Der Weg ist nicht das Ziel. Der Weg ist eine Oberfläche, eine Projektion, eine Standortbestimmung, eine Verortung für unruhige Geister und Gehirne. Sie wollen Sicherheit. Als wäre ein Weg jemals sicher gewesen. Es war schon immer gefährlich auf den Wegen. Schlaglöcher, Strauchdiebe, Schreck und Schock. Die Sehnsucht nach dem Ziel führt in die Irre.

Ich sage also, lass` uns nach Süden gehen.

Ich schlage eine Richtung ein und gehe zum Beispiel nach Süden. Anna folgt mir, sie möchte hinter mir, nicht neben mir gehen. Nach Süden gehe ich gerne, da ist Wärme, Glück und Fröhlichkeit. Zuviel Wärme, Glück und Fröhlichkeit erzeugen bei mir Wut und Feindseligkeit. Die Wut ist gut und manchmal nicht so gut. Sie kann konstruktiv sein, dann schmeißt sie mit Ideen um sich. Sie kann auch zu Verdrossenheit führen. Ein kurzer Zustand, bevor die Wut beschließt wieder konstruktiv zu sein. Wenn mich die Wut packt, ist Anna lieber hinter mir. Weil meine Gedanken dann nach vorn schießen, bis das Magazin leer ist. Wenn ich mich nach ihr umdrehe, hat die Entspannung mein Gesicht geglättet. Dann lacht Anna.

Über das nasse Laub laufen wir in Richtung Lichtung. Der Duft nach Geschmortem hängt zwischen den Bäumen. Nur konzentriert auf unsere Nasen erschnüffeln wir uns die Nähe. Lampen mit dunklen Schirmen, Leute auf schmalen Bänken, langsam aufsteigender Dampf. Wir setzen uns dazu und schon kommen sie: Wärme, Glück und Fröhlichkeit.

Wasser atmen

Ich kippe mitsamt dem Stuhl ins Wasser. Habe meine Arme kompliziert um die Lehne geschlungen, warum eigentlich. Aus Anmutsgründen vielleicht. Jetzt schlägt der Wasserspiegel über mir Wellen und ich sinke in die Tiefe. Kann die Hände nicht befreien, bin wie gefesselt. Gefesselt unter Wasser ersaufen. Einmal tief die nicht atembare Luft einsaugen und nach einer kurzen Panikphase ist Ruhe. Dann sitze ich auf dem Grund in meinem Stuhl als wäre es ein Garten. Blicke mit offenem Blick ins trübe Weite. Mein Haar wallt wie das einer Meerjungfrau. Bald grün von Algen. Die Haut ist weiß wie der Bauch vom Hecht. Er knabbert an meinen Zehen. Das kitzelt und ich wache auf.

Warum klopft mein Herz so laut. Es dröhnt in der Nacht wie ein Nebelhorn. Etwas ist anders als sonst. Dieses Mal wache ich nicht auf, als der Stuhl ins Wasser kippt, schrecke auf und berühre beruhigt die Bettdecke. Dieses Mal gehe ich unter und ertrinke. Bleibe eine Weile da unten und bin tot und doch wieder nicht, weil sonst würde ich das Kitzeln nicht spüren. Aber es ist nicht dieses fröhliche, ausgelassene Lachen, das ich sonst beim Kitzeln lache. Es ist eine gequälte Grimasse im Gesicht.

Die Erinnerung gibt mir keinen Hinweis auf den Stuhl, auf die Terrasse, von der ich stürze oder von der Art des Gewässers. Habe das alles noch nie gesehen. Das einzig Vertraute ist die Person, die neben mir sitzt. Der Grund meiner missglückten Grazie. Sie blickt mich an wie ich versinke. Sie schubst mich nicht und hilft mir nicht. Springt nicht hinterher. Trotzdem habe ich sie in angenehmer Erinnerung. Sie duftet wie warmes Brot und ihre Aura knistert auch so. Als sie da war hätte ich sie einatmen können. Statt dessen atme ich Wasser.

Schon oft habe ich vom Ertrinken geträumt. Der Traum ist vertraut und daher nicht abstoßend. Wann er genau wiederkommt, kann ich auch nicht einordnen. Was ist mit meinem Gehirn? Kann es mich nicht mal ins Helle führen oder zumindest einen Hinweis geben? Es macht wieder einen auf mysteriös.

Trotz des Ertrinken-Traums gehe ich im See schwimmen. Es kommt mir vor, als fordere ich mein Schicksal heraus. Doof. Auch ins Meer gehe ich mit fester Absicht an den Strand wiederzukehren. Ich spüre, wie die Strömung an meinem Körper zieht. Ganz sachte erst, dann hinaus in Richtung Horizont. Soweit lasse ich es nicht kommen. Solange es kein Traum ist, kämpfe ich gegen den Strom.

Ein paar Prozent Oberhand

OberhandAnna will mich trösten und streckt ihre Arme aus. Da soll ich wohl rein. In diese Wärme. Will ich aber nicht. Ich will hier stehen wie ein Fels im Regen und die Nässe soll an mir heruntertropfen. Ich werde auch nicht weich oder kleiner, wie ein Stein eben.

Als Anna sagt: Auf deinem Grabstein wird einst stehen „Wollte nie getröstet werden“, grinse ich schief. Das wäre eine angemessene Beschreibung. Also nicht im Sinne von „Fand keinen Trost“, sondern von „Lehnte es strikt ab von irgendwem getröstet zu werden.“ Klingt nach einer Kopfsache, nicht wahr? Ist es aber nicht. Es ist eine Macke und kommt direkt aus dem Bauch. Von Kind auf kultiviert. Von keinem Psychologen therapeutisch kuriert. Nie einen gebeten es zu tun. Als Kleinkind verweigere ich jede Art von tröstender Zuwendung. Auch wenn mein Knie blutig, mein Gehirn erschüttert oder meine Haut verbrannt ist. Indianerin nannte ich das früher. Als es die Bezeichnung First Nation noch nicht gab.

Anna lacht: Ja, klar. Erzähl mal, wie ist das mit dem Schmerz?

Ich zucke mit den Schultern. Abgesehen davon oder gerade weil es ein Wort mit einem widerwärtigen Klang ist, das seine Bedeutung schon in sich trägt, habe ich eine nüchterne Einstellung zu Schmerz und Schmerzäußerungen, sowohl bei mir selbst als auch bei anderen. Das Ermessen liegt immer in der Betrachterin und Mitfühlerin selbst. Und bei mir hängt die Latte eben etwas höher. Der Schmerz kommt und geht. Geschickt vom Gehirn, das gerne Experimente macht. Während er wirkt, fühle ich ihm nach, atme in ihn hinein und versuche, nicht ohnmächtig zu werden. Obwohl, das ist mir auch schon passiert. Die Ohnmacht als Überschätzung meiner Leidensfähigkeit. Aber seit ich die Ohnmacht kenne und wie sie sich heranschleicht, kann ich sie aufhalten und zurückdrängen. Will bei Bewusstsein bleiben, ihm die paar Prozent gewähren, die es die Oberhand hat. Ebbt der Schmerz wieder ab ist Schluss ist mit dem Getue.

Und seelischer Schmerz? Bist du jetzt meine Seelenklempnerin, frage ich Anna. Bevor sie etwas sagen kann, behaupte ich: Ist doch das Gleiche.

Also Atmen, sagt Anna. Ja. Tief atmen und stumm durch das Jammertal laufen. Bis sich die Nebel wie von allein auflösen. Hört sich einfach an. Ist es nicht.

Anna breitet ihre Arme wieder aus. Was soll das? Ich will dich drücken, nicht trösten. Okay.

Süßer Filz

Schokopralinen aus Filz
Schokopralinen aus Filz

Habe mein Trampolin auf die Terasse gestellt weil morgen der Frühling kommt. Einfach nur hüpfen, oder? Das Gehirn im Frühling – eine Reise wert. Die düsteren Farben dominieren, was ist schon ein leuchtend rosa blühender Pfirsichbaum auf einem schwarzen Schieferfeld? Eine Wonne gerade wegen des dunklen Hintergrunds.

Auch Frühlingsanfang: Im Wald viele Zitronenfalter auf der vergeblichen Suche nach Zitronenbäumen.

Meine zwei Blogs überfordern mein Gehirn, es bringt die Rollen durcheinander. Zitiert Klassik statt Moderne. Heute wieder gefacetimed. Das wird die Zukunft des Telefonierens sein. Mir kam es vor wie interaktives Fernsehen. Doof, wenn die anderen mich sehen.

Bin krank. Unentschlossen. Was macht das Gehirn wenn der Kopf schmerzt? Manchmal geht mir die symbiotische Anhänglichkeit meines Gehirns ganz schön auf die Nerven. Alles will es gemeinsam machen, alles wissen. Ich bin auf Symmetrie getrimmt und finde immer etwas. Wenn nicht, denke ich mir was aus. Kann ich vor meinem Gehirn ein Geheimnis haben? Stoße ich jetzt mal an meine Grenzen? Ein Ponyhof für die Vorstellung von einem in die Grenzen gewiesenen Gehirn.

So mit dem Gehirn beschäftigt, dass ich vergesse über es zu schreiben. Es hätte mich erinnern können, oder? Eine gute Entscheidung, dem Gehirn kein männliches oder weibliches grammatikalisches Geschlecht zu geben. Es bleibt es.

Die Symbiose von Musik und Literatur ist immer wieder ein Erlebnis. Die grauen Zellen tanzen. Monk. Jazz. Dyers. Beautiful. Musik und Sprache sind Syntax und in beiden Hirnhälften angesiedelt. Diese Gemeinsamkeit macht mich glücklich.

Solange sich die Hirnforschung noch als Leitwissenschaft fühlt (!) gebe ich meinem Gehirn eine Chance. Wer sein Gehirn quälen möchte serviere ihm Reiseis. Es schiebt den Ekel voll auf die Geschmacksnerven. Die Pralinen sind aus Filz.

Ich fotografiere Muster in der Natur, mein Gehirn hilft mir sie zu finden. Ein toter Plastikvogel.

Im Album finde ich ein Schaffoto. Nein das ist nicht meine Familie.

Mein Gehirn verweigert mir vehement die Erinnerung an seine Kindheit. Stimmt nicht. Schon früher mochte mein kleines Gehirn gerne Musterkataloge für Farbmischungen, Tapeten und Stoffe.

Das Unbewusste lügt nicht sagt der Kernspintomograf, aber wen interessieren diese Facts außer der Maschine?

Brauche weder Herr noch Haus, mein Gehirn aber schon. Bio oder konventionelle Vita, das ist wie Apple oder Microsoft keine rationale Entscheidung, sondern eine gesunde. Ein Dopaminbonbon als Anerkennung für dein Wohlverhalten. Du bist süchtig danach, stimmt´s?

Die Zeit ist um

In meine Wanne steigt ein dicker Mann, sehr dick. Der Wasserspiegel steigt um mehrere Zentimeter. Ich lächle höflich und denke Mann ist der dick. Sein Körper verschwindet unter der Oberfläche. Sein großer gelockter Kopf hüpft wie ein Korken auf und ab. Dampf steigt auf. Dann spricht er zu mir. Er sagt nicht Hallo oder seinen Namen. Nein, er erzählt von seinem Krampf. Ein anhaltender Krampf in der Wade. So schlimm, dass er orthopädisch behandelt werden muss. Der Arzt hat ihm mehr Bewegung verordnet. Seitdem fährt er Rad, also E-Bike.

Ich tauche kurz unter, denn die Wanne ist ein Whirlpool im Freien und es ist Winter. Da wird der Kopf kalt. Das Wasser ist warm, aber der Kopf wird kalt. Der Pool ist direkt am Rhein, es tuckern Frachter vorbei. Meine Beine machen Schwimmbewegungen wie ein Frosch. Dabei schaue ich auf die Uhr. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Der Mann redet, ich strample. Er spricht von den Touren mit seinem E-Bike. Er fährt zum Beispiel mit der Bahn bis an die belgische Grenze und radelt dann durch das hügelige Land. Oder er fährt nach Aachen und von da nach Holland. Holland finden wir beide gut. Ich nicke stumm.

Rhein_10Von der Wanne haben wir Aussicht auf eine Burg über Bad Breisig. Diese Burg kenne ich nicht. Ich frage den Mann ob er weiß was mit der Burg ist. Er sagt, da wohnt ein amerikanischer Nerd, Computer und so. Echt? Ja, nicht Steve Jobs, RIP, aber auch ziemlich groß. Also ist die Burg in Privatbesitz. Jaja. Ich glaube ihm nicht. Wenn ich auf die Burg schaue, gucke ich immer gegen das Licht. Ich sehe nur die Silhouette.

Nach fünfzehn Minuten verabschiede ich mich. Sage ich wolle noch schwimmen. Aber ich will nur weg. Dieses Missverhältnis der Proportionen irritiert mich. Am Arm des Mannes ist mehr als an meinem Bein. Also mehr von Allem: Knochen, Gefäße, Fleisch, Haut, Haare. Mein Gehirn betont diese Dinge wie Dexter. Der diese Teile im Meer versenkt. In schwarzen Mülltüten. Weil es Morgen ist und weil die Sonne scheint fröstelt mich nicht. Meine Anteilnahme bei Dexter ist keine Opfersicht.

Mit kräftigen Zügen schwimme ich gegen meine Zickigkeit. In der Halle steht der Bademeister auf einem Bein und animiert mit lauter Stimme die Badenden, es ihm gleichzutun. Die Menschen fallen wie in Zeitlupe. Ich ziehe meine Bahnen und zähle die Minuten. Im Bad geht es immer um die Zeit. Ich bezahle die Zeit, die ich hier verbringe. Der Meister balanciert noch. Er folgt meinem vorbeischwimmenden Blick. Dann ist es vorbei. Die Zeit ist um.