Selbstähnlich

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„Das sieht dir wieder ähnlich!“ sagt meine Schwester, als ich den Sauerkirschlikör aus dem Schrank hole. Ich lache, weiß aber eigentlich nicht, was sie meint. „Was meinst du damit?“ frage ich. „Na, ja … der Likör, dass du überhaupt welchen hast.“ Hä? Ich habe nicht regelmäßig Likör vorrätig, weil ich das süße Zeug gar nicht mag. Dieser ist ein Geschenk und ich nutze die Gelegenheit, meine unangemeldete Schwester damit zu bewirten. Ich bin so was von einer untypischen Likörliebhaberin. Das glatte Gegenteil von ihr. Also stelle ich ihr gleich die ganze Flasche hin.

Würde ich auf ihrem Ausruf herumreiten, könnte dies ein Streit über Ähnlichkeit werden. Du siehst ihr ähnlich, sie sieht ihm ähnlich und er sieht ihr ähnlich. Wir sind uns da (auch) nicht einig. Ganz zu schweigen von den ähnlichen Wesensmerkmalen und Charakterzügen. So ein Charakterzug kann gefährlich schnell in einen Tunnel voller dunkler Familiengeheimnisse rasen.

Während meine Schwester die Flasche leert, gleiten meine Gedanken in wiederkehrende Strukturen. Mein Gehirn liebt diese Routine. Beim Wort ähnlich wird es nach dem ersten Aufmucken geschmeidig wie Vollmilchschokolade, kommt das selbst hinzu, schmilzt es dahin. Selbstähnlich…. zergeht dem Gehirn auf der Zunge. Das liegt auch daran, wie oft ich diesen Weg gehe. Als Phänomen ist die Selbstähnlichkeit meine Verbündete zur Erklärung der Welt. Mehr. Des Kosmos. Von allem also.

Ich sehe aus dem Fenster. Draußen tanzen die ersten Schneeflocken vom Himmel, auch die Kochsche. Als theoretische Schneeflocke dürfte sie das nicht. Seit wann fliegt Mathe einem zu? Doch da schwebt sie in ihrer ganzen selbstähnlichen Pracht. Jedes vergrößerte Stück ist bis ad infinitum mit sich selbst identisch. „Wunderschön,“ flüstere ich.

„Was ist wunderschön?“ fragt meine Schwester. „Ach, nichts“, antworte ich wie immer. „Typisch“, sagt meine Schwester und prostet mir zu.

kochsche-schneeflocke-abb-selbstaehnlichkeit Skizze

 

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Farbe Feuer Kraft

DracheDas Fest fängt an und der Mann trinkt. Alkohol mischt sich in seine Sinne. Vor die Augen setzen sich Schleier aus explodierender Luft. Auf seiner Haut brennen Funken. In den Ohren dröhnen Geräusche. Sein Gehirn denkt in Schleifen: Farbe Feuer Kraft, Farbe Feuer Kraft. Aus diesen Worten macht er ein Mantra und die Melodie ihrer Wiederholung bewegt sich wie Wind.

Singend geht er durch Silvester. In der Gegenwart des Neuen Jahres angekommen schwenkt er seine Flasche und geht zum Fluss. Dort brennen in Tonnen Gestänke aus Plastik. Das Ufer ist ein Meer aus Qualm. Was verbrennt ihr hier? Sachen, die kein Glück bringen. Er schaut in die Tonnen und erkennt nix. Alles nur Schmelz. Melasse. Magma. Er torkelt weiter und an einer der Tonnen trifft er mich. Ich stehe hier und tanze. Er singt Farbe Feuer Kraft. Ich höre zu, schaue ihn an und lächle.

Es kann eine Geschichte aus uns werden. Das Uns glimmt noch, würde sich aber zur Flamme verändern. Glaube ich, die ich in dieser Nacht die Zukunft sehe wie ich den Sand an den Füßen spüre. Er müsste mal mehr Wörter sagen. Mehr als Farbe Feuer Kraft. Oder reicht das aus für einen Weg? Wo hat er diese Worte her? Seine Worte erinnern mich an meine: Mut Morgentau Gelegenheit. Darf ich mich vorstellen? Mut Morgentau Gelegenheit. Für diese Nacht reicht das.

Jede/r hat drei Wörter. Die können sich ändern. Von Zeit zu Zeit. Ansonsten stiften sie Ruhe und Stabilität. Den Mann von der Tonne nenne ich FFK. Er ruft mich MMG. Okay, das ist nicht was Poeten tun. Pöbel hätte uns der Adel genannt. Die um die Tonne stehen.

Bei Sonnenaufgang ist das Neue Jahr da. Wie eine Ware wartet es auf Verwertung. Es hat Kleber mit der Aufschrift: Nutze mich! Ein Imperativ zum Jahresanfang. Mir kommt das komisch vor. Ich will lieber eine Gelegenheit ergreifen. Das mit der Zeit ist ja eher Zufall. Kannst du mir folgen, frage ich FFK. Er nickt und folgt mir.