OA, LEBA, HÄZ: Drei Organe

OA
oa hömma
hömma
sssssssssssssssssssssss
mmmmmmmmmmmm
rrrrrrrrrrrrrrr
ratata ratata ratata ratata
oa
boa BOA!
oa

 

LEBA
leba LÄBA
BA! LÄBA
gluck gluck gluck gluck
gluck gluck gluck gluck
gluck gluck gluck gluck
BA! LEBA
leba

 

HÄZ
bumbum bumbum
härrrrz
bumbum bumbum
här – zi – lein
här – zi – lein
här – zi – lein
BUM!
BUM BUM
BUM BUM
bumbum bumbum
bumbum bumbum

 

…. zu den Lautgedichten gibt es eine Performance in der Kunststation Bonn mit mir und Karla M. Goetze heute am 1. Juli 2017 um 15.00 Uhr.

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Zeitfenster

zeitfenster_substanz

Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht (Schiller, Wilhelm Tell)

Hätte ich ihr bloß nicht mein Herz ausgeschüttet. Nicht geredet wie ein Wasserfall und mich von sanften braunen Augen in Sicherheit wiegen lassen. Das war ein Fehler. Falsches Thema, falsche Person, falsche Umgebung. Die ganze Konstellation ist am Kippen.

Konstellationen neigen dazu, zu zerfallen. Sie sind zerbrechliche Zustände, Zeitfenster. So ein Zeitfenster ist eine Gelegenheit zum Nichtstun. Meistens tue ich nicht nichts, sondern viel zu viel für so ein relativ kleines Fenster. So wie ich zu viel Wäsche in die Maschine stopfe, baue ich komplexe Konstellationen auf. Aus Worthülsen, Satzfetzen, Sprachstilen und rhetorischen Figuren. Viel zu viel Zeug. So eine Konstellation ist kaum zu ertragen. Sie tut so, als wäre sie manifest, dabei ist sie nur auf Sand gebaut. Stürzt schnell zusammen. Konstellationen sind keine auf Dauer errichteten Konstruktionen.

Bedauern quillt wie Brei in mein Bewusstsein. Erste Beschwerden über die brutale Wortwahl. Zurücknehmen geht nicht, Bedauern schon. Bedauern hat eine Komponente der Gemeinsamkeit und ist in der Lage, eine alte Konstellation mit einer neuen zu ersetzen. Bedauern begünstigt die Leichtbauweise der Lebenslustigen. Sich von deren Lust und Laune leiten zu lassen – und Luftschlösser zu bauen.

Am Ende fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe es nur ausgeschüttet, nicht verloren. Gebrochen ist es auch nicht. Es schlägt mir bis zum Hals. Hätte mich diese miese kleine Konstellation in die Klinik gebracht, so stünde auf meinem Krankenblatt: Beim Sturz aus dem Zeitfenster mit einem blauen Auge davongekommen.

Holunderherz

Holunder am 07-06-2015

sambuca nigra

Die Sehnsucht ist nur noch ein Strich. War lange eine Wand, dann ein Sandsack, auf den ich eingeschlagen habe. Der Strich verblasst auch so langsam. Jeden Tag zeichne ich ihn nach, doch die Sonne bleicht schneller. Sie wird meine Sehnsucht verschlingen und ich werde mir eine neue suchen.

Denn wenn die eine verschwindet, brauche ich eine andere. Dieses Mal ist es kompliziert, weil die Sehnsucht meine Hoffnung im Schlepptau hat. Sie fährt voll auf verblassen ab. Von wegen die Hoffnung stirbt zuletzt. Ihr Verschwinden schmerzt wie ein Schlangenbiss.

Mein Rücken am Holunder. Knorriges warmes Holz. Es knarzt im Wind und ich flüstere „stärke mein Herz.“ Herber Duft steigt auf. Im Topf wird er süß. Ich koche die Blüten und fülle das Gold in Gläser. Die Sonne macht Honig daraus.

Über die Welt hin … ziehen die Wolken.

Grün durch die Wälder
fließt
ihr Licht.

Herz, vergiss!

In
stiller Sonne
webt lindenster Zauber,
unter werdenden Blumen blüht tausend
Trost.

Vergiss! Vergiss!

Aus fernem Grund pfeift, horch, ein Vogel.
Er
singt sein Lied.

Das
Lied … vom
Glück!

(Leidlösendes Trio, Arno Holz 1924)

Das Tor ist zu

Tor zuWir haben die Glocke nicht gehört, die alle Besucherinnen zum Ausgang klingelt. Stehen jetzt vor dem Schmiedeeisentor und es ist verschlossen. Draußen gehen gut gelaunte Leute vorbei, sie scheinen uns nicht wahrzunehmen. Ist die Tür zum Garten zu, wird der Garten zu einer Galaxie fernab. Kein unmittelbarer Kontakt zur Welt in/auf der wir leben. Auch nach innen sind die Straßengeräusche gedämpft wie aus großer Entfernung. Das Gitter lässt nix durch. Auch uns nicht.

Wir sehen uns an und finden das, was gerade abgeht gar nicht so schlimm. Eine unerwartete Aufregung, ein ungeplantes Abenteuer, ein verlängerter Ausflug. Auch das Nachrichtennetz liegt lahm. Mit unseren Mobiltelefonen in der Hand sehen wir lächerlich aus. Komplizierte technische Kommunikationshilfsmittel, die hier im Garten anmuten wie kleine versteinerte Rindenstücke der Schwarzkiefer, die ihrem Namen zum Trotz silbern in der Abendsonne glänzt.

Jemand lacht. Über uns? Das wäre angemessen. Ist doch noch einer hier, der uns wegscheucht? Ein Gärtner, der sein Gelände schützt und die empfindlichen Pflanzengesellschaften. Eigentlich wollen wir nicht raus und rennen in den Schatten der Redwoods. Wir schmiegen uns an die ungewöhnlich dicke, sehr weiche, rotbraune, faserige Borke. Fühlt sich an wie ein Fell. Warm. Ihre dicken Äste reichen bis zum Boden. Dies könnte unser Schlafplatz sein. Später.

Der da lacht ist ein Frosch. Früher oder später ein ganzes Konzert und aufgeregte Wellen in den Tümpeln. Wir sind jetzt garantiert allein. Was wir in der Sonne neugierig betrachten beobachtet im Dämmer uns. Sie sind viele, viel mehr als wir zwei. Unser Pflanzenwissen reicht aus, die Panik in Schach zu halten, denn sie sind stationär, zumindest ziemlich. Romantisch ist das nicht. Wie nicht geladene Gäste in ungebetener Garderobe, argwöhnisch beäugt. Es bilden sich Risse in unserem Selbstbewusstsein. Wir sind Menschen. Die sind Pflanzen und Tiere und Nacht.

Sekunden werden Stunden. Eine Ewigkeit unter dem Dach des Mammutbaums. Er ist der sanftmütige Nachbar der Redwoods und nimmt uns auf in seine stachligen Arme. Wir sind jetzt dankbar und demütig. Wickeln uns in unsere Jacken und atmen leise. Sehnen uns nach unseren Decken und den Daunen darin. Die Nacht ist warm und windig. Rauschen die Wipfel, raschelt das Schilf, Quaken die Frösche bis zur Erschöpfung. Fliegt ein großer Vogel. Seine Beute sind wir nicht. Wir schlafen jetzt. In unsere Träume krabbeln rote Ameisen mit giftiger Säure, Eichhörnchen kratzen unsere Haut, Schlangen lecken an den lackierten Nägeln und schlängeln wieder davon. Das Holz knackt, das Gras knistert, das Wasser gluckert. Die Sterne ziehen Streifen am Himmel.

Wir träumen für immer in diesem Garten zu bleiben. Sein Gewimmel und seine Geräusche wie selbstverständlich zu nehmen. Inmitten zu sein mit Regen für den Durst, Würmer für den Hunger und Wärme für das Herz. Selbst zu einer seltsamen Pflanze zu werden, die einer Gesellschaft angehört. Einer Familie. Mit Wurzeln und allem drum und dran.

Wir schlafen und das Tor ist zu.

Venezianischer Tau

nixeEs ist wieder passiert: Ich switche in eine andere Welt. Das passiert mir im Museum öfter, aber hier und um diese Zeit und überhaupt hätte ich das nicht erwartet. Die blassen Porzellanköpfchen mit den leicht geröteten Engelswangen fangen an zu lächeln, ihre zarten Wimpern berühren die glatten Wangen und ihr seidiges Haar weht einen winzigen Moment. Ihre Samt- und Brokatkleider rascheln sacht und in einem Augenblick der Leidenschaft drehen sie sich an ihrer Aufhängung um die eigene Achse. Es sind Matrosen, Skifahrer, Blumenmädchen, ja Teufelinnen mit anzüglichem Blick, Elfen, Nixen und Zwerge, die auf Schweinen reiten.

Morgens um elf im Siebengebirgsmuseum. Nein, ich habe keine Nacht hier verbracht. Ich nehme an einer traditionellen Präsentation teil – der Präsentation eines Weihnachtsbaums zum Thema Papier und Watte. Wer glaubt, das Thema Papier und Watte wäre langweilig, irrt gewaltig. Ich will nur ein paar Schlüsselwörter nennen, die mich sofort in ihren Bann geschlagen haben: Venezianischer Tau, das sind winzige Glasperlen aus der venezianischen Glaskunst, die auf glatten Oberflächen wie kühler Tau funkeln. Silberkaschierte Pappglöckchen, Glimmerkarton, Gelatine- und Obladenbildchen, Goldkaschiertes Papierkörbchen mit süßer Füllung, Paradiesgärtlein, Papiermaschee ….

Der Baum ist ein Traum. Ja, diesen Satz muss ich einfach schreiben. Der Baum steht im Foyer des Siebengebirgsmuseums und könnte eigentlich noch etwas größer sein. Geschmückt ist er mit Papier- und Watteschmuck aus dem Fundus bzw. aus der künstlerischen Nachbildung von Irmgard und Peter Becker, die ihrer Leidenschaft für historischen Christbaumschmuck ganzjährig in ihrem Frl. Erna´s Weihnachtshaus frönen. Richtig und angemessen ist der Eindruck erst, wenn ich – wie von Irmgard Becker in ihrem kleinen Einführungsvortrag empfohlen – den Baum nicht als Gesamtkunstwerk sehe, sondern mir die einzelnen Schmuckstücke aus der Nähe betrachte.

Ins Herz schließe ich die gelbblaue Nixe mit ihrer grünen Perlenlaterne und der silbernen Alge über der Brust. Ernst und konzentriert leuchtet sie sich den Weg durch das Tannengewirr. Ich glaube sie sieht irgend einer ähnlich die ich mal kannte, vielleicht eine Verwandte. So zart wie die Erinnerung. Flüchtig. Wie der verzauberte Augenblick, aus dem ich wieder auftauche.

Wo bin ich. Ach ja, im Museum. Presse ist auch da.