Die Nähe zu Ernst

Ernst

Ernst und ich kennen uns seit der Kindheit. Er ist ein Junge, mit dem ein Mädchen wie ich gerne Zeit verbringt, ruhig und unaufgeregt. Typisch für ihn ist seine beharrliche und kompromisslose Höflichkeit, so als hätte er entschieden, diese Tugend zu verkörpern.

Unsere Familien sind Nachbarn, nicht befreundet, denn dieses Befreundetsein gehört dieserzeit nicht zur gängigen Lebensweise von Familien. Freizeit, Ferien und Feiertage sind den Verwandten gewidmet und wir haben reichlich davon. Große Familienfeste finden in Turnhallen statt. Die meiste Zeit des Trubels hocke ich unter irgendeinem Buffet, über dem eine lange Tischdecke hängt und betrachte die polierten Schuhe meiner Sippe.

Auch als ich schon ein Teenager bin und mir den kurzen Rock über die angewinkelten Knie ziehe, halte ich mich im Hintergrund auf. Schüchtern ist mein Attribut. Schüchtern ist nicht schlimm, das „wächst sich aus.“ Wachsen will ich schon noch, aber meine Schüchternheit soll dabei nicht verloren gehen. Sie dient mir als Schutz vor allzu groben Ansprachen von Onkeln und Tanten mit der gefürchteten „Was willst du denn mal werden?“-Frage. Später wird aus meiner Schüchternheit Zurückhaltung, aber das weiß ich da noch nicht.

In unserer Gegend gibt es im Sommer bunte Heuwiesen voller Butterblumen und Klee. Mit Ernst liege ich in diesen Wiesen. Die roten Kleeblüten zupfen wir aus und saugen an ihren süßen Minitrichtern. Ernst heißt auch mit Familiennamen Ernst und er versteht seine Eltern nicht, wieso sie ihm als Vornamen ihren Nachnamen gegeben haben. Unsensible Eltern bekommen ein sensibles Kind, so beschreibt er sein Schicksal. Mit zehn sagt er: Ich werde mein Leben lang ausgelacht und beschmunzelt werden, wenn ich nicht irgendwann zu einer Coolness finde, das diese bescheuerte Kombination des Gleichen als eine Art Künstlername ausweist. So als hätte ich als Neugeborener darauf bestanden, bloß keinen Unterscheid zu machen. Wenn schon Ernst, dann richtig. Als Ernst seinen Doktortitel erhält, ist er schon so gefestigt, dass er ihn im Sinne von Ernst genommen werden nicht mehr braucht.

In den Wiesen, die wie durch ein Wunder nie Bauland werden, wahrscheinlich weil unser Ort zu abgelegen für die Wohnhäuser der Wochenendpendler ist, sprechen wir von einem Leben, das anders ist als das unserer Eltern. Ernst denkt zum ersten Mal daran, seinen Doppelnamen zum Motto seines Leben zu erklären. Wir entsagen aller Lustbarkeiten und lesen Kirkegaard, Nietzsche und Sartre, schwelgen in deren Formulierungen und versuchen, außer dem Ernst noch andere ernsthafte Prinzipien zu finden, denen wir Priorität einräumen.

Wir finden die Freiheit, die Schuld und ganz plötzlich auch die Liebe. Die Liebe hat in diesen Wiesen auf uns gewartet, sie raschelt und wispert in jedem Halm, sie zaubert goldene Reflexe um die Rispen, summt und brummt um uns herum. Ernst sagt, sie war glaube ich immer hier und ich nicke. Eine tiefe Liebe zu Ernst, wie er im Gras sitzt und nicht lacht. Seine Brille zurechtrückt. Blütenstaub von meiner Bluse wischt. Unsere Liebe ist über das ganze Land verteilt und auch wenn sich unsere Wege trennen, wächst sie weiter, weil sie gar nicht aufhören kann zu wachsen. Sie wächst wie wir in unser Leben hinein. Sie ist ein Teil unseres Blickes, wenn wir in die Sterne schauen. Dann wächst sie sogar über sich hinaus. Bis ins Universum. Im Ernst.

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Ganz anders

ganz anders2Mitten im Wald eine blonde Frau. Sie stolpert durch das raschelnde Laub, hier ist kein Weg. Wie hat sie mich gesehen. Meine freie Hand greift nach dem Messer. Die kalte Klinge auf meiner Haut. Die Frau ruft Hallo? Wo ist mein Unsichtbarmantel. Ach ja ich habe keinen. Auch kein Mitri Kettenhemd. Meine Masche ist neben den Wegen durch den Wald zu gehen. Damit mich niemand sieht. Und jetzt kommt die da. Meine Tarnung ist Makulatur.

Als sie über einen Ast fällt frage ich was ist. Sie hat sich verlaufen, das ist alles. Will dorthin wo sie gerade herkommt. Ihr Atem riecht nach Alkohol, doch ihr Blick ist klar. Er folgt meinem ausgestreckten Arm. Dort über den Acker, dann den Anger hoch. Sie nickt dankbar, geht. In ihrem Haar Blätter. Hinter den Bäumen geht die Sonne unter. Das letzte Gold auf den Stämmen der Buchen. Mein Messer blitzt. Schneidet in einen späten Apfel, süß läuft der Saft heraus.

Die Frau läuft im Kreis. Schon ist sie wieder in der Lichtung. Nicht dort wo sie will. Ihre Orientierung ist hin. Meine nicht. Ich gehe zu ihr. In ihren Augen erhasche ich einen Blick auf ihre Seele. Sie ist nicht wie ich. Ihre Liebe ist wie ein Dieb, sie stiehlt sich was sie kriegen kann. Gierig fiebert sie auf die nächste Gelegenheit. Ich führe sie zur Markierung und lasse sie die Farben sagen. Rot Weiß noch drei Kilometer. Immer den Weg entlang. Sie geht. Gehorcht mir wie ein Kind. Ist gewohnt zu tun was man ihr sagt. Ganz anders als ich.

Ich stehe mit meinem Messer auf dem Weg und sehe ihr nach. Schiebe sie mit meinem Willen weg von mir. Will sie nicht wiedersehen. Dieses Mal kommt sie nicht wieder.

Erleichtert bleibe ich eine Weile. Warte auf die Dämmerung. Im Unterholz scharren die Schweine. Sie werden kommen sobald ich gehe. Mit ihren Rüsseln nach Eicheln wühlen. Die Erde zu ihrer erklären. Es ist ihre. Jedenfalls mehr als meine.

Als ich fast im Tal bin höre ich sie. Es sind viele. Ihre borstigen Körper schleifen an den Büschen und sie grunzen wie es sich gehört. Wilde Schweine. Große und kleine. Nicht meine Welt. Bin schließlich keine Jägerin. Nur eine Waldläuferin abseits der Wege.