Fluss im See

Morgens geht sie schwimmen, viertel vor sieben. Sommers wie winters die knarzende Treppe hinunter in Badeschlappen, die Bettwärme noch auf der Haut und der Blick verträumt. Vertrauter Weg zum Wasser, nur einige Schritte vor der Tür fließt der See. Die Strömung sieht sie nicht, aber sie kennt ihr unbeugsames Ziehen, wenn sie in ihren Sog gerät.

Die Russen haben ihre Angeln ausgelegt. Sie fangen Fische mit vielen Gräten die sonst niemand isst. Das Wasser ist klar und kalt. Sie geht an den Russen vorbei und sie schauen nicht. Ihr Bademantel flattert im Wind, heute ist Sturm und er will die Blätter von den Bäumen reißen. Noch nicht denkt sie und geht noch ein Stück am Ufer entlang. Betonierte Schräge. Treppen. Auf eine der Stufen legt sie ihre Sachen, federt dann auf bloßen Füßen stromaufwärts bis die Distanz stimmt und sie sich vorsichtig nach unten tastet. Ihre Besonnenheit ist zur Gewohnheit geworden seit sie hier mal geschlittert ist. Blut und Aufregung, kein Schmerz. Wie lange ist das her.

Rhein_10Enten meckern als sie in den See steigt, sie sagt See, nicht Fluss, obwohl er hier wieder herausfließt aus der Breite. Der Rhein. Ihr Gehirn kennt was kommt und erregt sich nicht beim Eintauchen ihres warmen Körpers, das Herz pumpt, der Kreislauf rennt, alle Funktionen unter Kontrolle. Das hier ist gegen und nicht für einen Herzinfarkt. Deshalb schwimmt sie aber nicht. Sie will das Kribbeln fühlen, die kleinen Blasen aus Luft, die sich von ihr lösen, den Moment der Stille, wenn sie der See aufnimmt.

Nach fünf Zügen spürt sie die Strömung. Sie bemächtigt sich ihres Gewichts und trägt es behutsam fort. Wird langsam schneller und stärker. Sie muss nun Kraft aufwenden um ihr zu entkommen. Nur etwas Wille und Muskeln. Wie jeden Tag. Die Strömung ist fast immer gleich. Die Temperatur ist launischer. Sie schwimmt auf die Treppe zu, wieder frei vom gewaltsamen Griff. Ihr Geist ist jetzt wach. Sie schlüpft in ihren Mantel und geht zurück. Die Russen gucken nicht. Sie denkt an das was heute vor ihr liegt.

neurotypisch

ImageWenn Blicke töten könnten wäre ich jetzt wahrscheinlich schon six feet under. Als neurotypische Empfängerin von Signalen kann ich die Mordgelüste erkennen. Ich habe selbst schon solche ausgesandt und deshalb weiß ich sowohl darüber Bescheid, wie ich ihnen begegnen kann als auch wie ich sie verarbeiten kann. Ein ganzer Schwarm von Synapsen wird aktiviert, um mir mögliche Verhaltensweisen zur Verfügung zu stellen. Erstaunlicherweise amüsieren mich solche Situationen. Sie sind selten, zugegeben, und sie finden oft in Beziehungen statt, da wo sie gar nicht hingehören, wenn sie überhaupt irgendwo hingehören außer nach Hollywood. Aber selbst in diesen einsamen spannungsgeladenen Augenblicken bewege ich mich nicht neurountypisch. Denn ich weiß, dass zwischen meinem Blick und mir eine ganz besondere informationelle Signifikanz steckt, die ich zwar manchmal lieber besser unter Kontrolle hätte, aber das ist ein anderes Problem.