Leander Leichtsinn

Lange habe ich über den Leichtsinn gelacht. Ihn nicht ernst genommen. Seine pfauenartige Präsenz ignoriert. Ihn spöttisch Leander Leichtsinn genannt.

Und was macht er? Bedankt sich für diesen albernen Namen. Verbeugt sich eitel, zieht sich in einen Winkel zurück und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Ich frage mich, von wem er den Befehl erhält. Wahrscheinlich von meinem Gehirn, entweder auf Diva- oder auf Stromsparmodus.

Die Diva lässt Leander freies Geleit. Im Galopp lässt er die Gefahr links liegen. Ist nur auf Gewinnen gepolt. Plustert sich auf und wirft die Federboa um seinen Gockelhals, wenn wieder einmal alles gut gegangen ist.

Im Stromspar vergisst er einfach zu denken. Hat keine Power für potentielle Patscher. Im Endeffekt geben sich Diva und Stromspar die Hand und grinsen unverschämt.

Leichtsinn ist nicht der Mangel an Logik. Leichtsinn ist schneller und ohne Kummer. Schwerelos für einen kurzen Moment, in dem alles andere möglich ist – ein Sturz, ein Fall, ein Tod. Der flüchtige* Augenblick, in dem der Leichtsinn das Zögern verhindert und den Sinn in einen Hauch von Nichts hüllt. So schwebt er als Schwert, wie manche sagen. Ich habe dieses Schwert noch nie gesehen.

Mit Leichtsinn fordere ich das Leben heraus, mache es kurzweilig, luftig und liebenswert. Wer will schon ein langes Leben? Leander lacht, als ich das sage.

 

*Dieser Beitrag ist Teil der Ausstellung “flüchtig” im Pumpwerk Siegburg vom 13.8.-23.9.2016

Julian und Ezra

sind eigentlich Esther und Julia. Ein kleiner Versprecher gepaart mit flüchtigem Verstehen extrahiert aus langjährigen Freundinnen in Nullkommanix zwei Existenzen, die mit ihrer Identität ringen.

Sie waren sich nicht immer grün; ganz im Sinne von Snow White Stiefmutters Spiegel wollte eine immer die Schönere sein und setzte dafür auch schon mal mediocre Methoden ein. Blöde Beautytipps zum Beispiel, Masken die Pickel machen, gentechnisch veränderte Gurken auf den Augen, geheuchelte Komplimente zu schief sitzenden Karohosen. Das sieht toll aus. Nur du kannst das tragen. Trotzdem diese aus gemeiner Abhängigkeit bestehende Treue.

Über viele Jahre Sommerferien auf einem Campingplatz in der Toskana. Wer da wen übertrumpfte war saisonabhängig und glich sich mit den Jahren aus. Nicht das übliche User und Dealer Beziehungsgefüge, aber sie waren ja auch nicht zusammen. Nicht mal die Idee stand irgendwann im Raum. Umarmungen nach durchtanzten Nächten und verkatertes Kuscheln vor dem Fernseher von der harmlosen Art, die nicht am Esther-oder Julia-Selbstverständnis knabbert.

Und jetzt das. Neue Kennung, Körper und Küsse. Sie sind Julian und Ezra und sie wohnen in dieser Wohnung mit einem Schlafzimmer, dessen Blick auf einen ummauerten Garten geht. Sanft gezähmte Wildnis. Weinranken und Wiesenblumen. Wacholder Juniperus sabina für den Wunsch nach Wirklichkeit: Sie nennen ihn ihren de Sadebaum, er ist in allen Teilen giftig und hätte ihnen in ihrem früheren Leben ersthaften Schaden zufügen beziehungsweise zu Fehlgeburten führen können.

„Wie sind wir nur hierher gekommen?“

„Vielleicht eine Zeitschleife oder ein Paralleluniversum.“

„Du versuchst ja nicht einmal eine vernünftige Erklärung zu finden.“

„Wäre es dir lieber wir könnten uns nicht an die anderen erinnern?“

Wenn sie von früher sprechen sind sie die anderen. Lachen über die Leichen, über die sie gingen. Gewonnen haben sie ein gewaltiges Maß an Ungestüm und Unverfrorenheit. Gewissheit über ihre Gefühle. Gemeinsamkeit.

Verloren haben sie … nichts. Außer vielleicht den Reiz von Rüschenblusen und die Lust auf fieses Versteckspiel. Ihre Rolle war nie eindeutig pro- oder antagonistisch also vernachlässigen sie das. Nun sind sie beide irgendwie gleich. Ob das auf Dauer genug Spannung erzeugt. Warum sollen sie sich einem abstrakten Prinzip beugen. Irgendwie nagt der Zweifel an ihrem Glück wie die Maus an einer Wurzel. Dieses ständige Grübeln. Warum haben es die anderen nicht mit ins Grab genommen. Sind sie überhaupt gestorben. Oder nur gehirngewaschen. Vielleicht vergiftet mit Sadebaumöl.

wacholder

Wespennest

Abends steht sie. Betrachtet die Wespen, die unter den Holzgiebel fliegen. Hektisch. Die nach Wespenart spontan seitliche Ausfälle machen. Die Bewegung der Flügel unsichtbar. Sie sollen sich hier nicht versammeln. Das Gesumme im Dach wird durch das Gebälk verstärkt. Das ganze Haus scheint zu wespenvibrieren. Legt sie ihre Finger ans Fenster spürt sie das unruhige Zittern. Legt sie ihr Ohr an die Wand flüstert die Königin ihr zu zieh dich zurück. Sie erschrickt und knickt in weiche Knie. Die weiße Gardine weht im Wind und sie will sich in ihr Flattern retten. Doch der Vorhang kann kein Gewicht tragen nur Luft. Sie ist mehr als Luft. Schwer im Vergleich. Nie weht die Gardine gleich. Macht immer neue Muster. Vor allem abends also jetzt wo sie steht. Sitzen will sie nicht. Sie ist unruhig. Sind die Wespen eine Projektion? Nein. Sie sind wirklich. Real. Sie bauen ein Nest. Wespennest. Gesumme von morgens bis abends. Keine Stiche. Erst im Spätsommer, wenn es soweit ist. Im Stehen verliert sie die Zeit. Wacht auf aus zwei Stunden Unbestimmtheit. Wo war sie? Unterwegs könnte man es nennen. In Gedanken. Im All. Im Universum. Friedlich ist es dort. Still. Taub. Sie hört nichts. Das Alles ist in ihr drin. Weit ist es dort. So viel Platz. Unendlich viel. Sie lächelt.

greifSpäter liegt sie. Kann nicht schlafen. Lauscht auf einen Atem der nicht ihrer ist. Dreht sich. Bis sie ganz eingewickelt ist. Gefesselt. Fühlt wieder die Falten. Im Fieber ist es als falle sie in Spalten von Fels. Wie kann ein Bett so hart sein. Wie kann sie so steif sein. Liegt da wie ein Brett. Bewegung ist nur im Kopf möglich. Die Füße zucken. Ist sie jetzt eine Wespe? Schmeckt sie Pelz in ihrem Mund? Das Gelb. Das Schwarz. Kneift sie die Augen ganz fest ist es schwarz. Das hält sie nicht durch. Also wieder Gelb. So leuchtend. Was ist passiert? Es ist Morgen und es ist die Sonne. Freundlich. Anschmiegsam. Zärtlich. Ein neuer Tag Ernst. Sie lächelt. Geh weg Ernst, ich liebe dich, aber ich will dich nicht sehen.

Der ganze Tag heiter. Rein. Keine Einbildungen. Sie redet und reibt sich verwundert die Augen. Sie geht und greift nach echten Gegenständen. Ein Glas glatt wie Seide. Eine Gabel kalt wie Eis. Eine Gurke grün wie Gras. Gelächter. Greifvögel am Himmel. So kann es immer sein. Sie lacht.