Katharina

Sisters talk about Schiaparelli Mars Lander

„Wenn eine Katharina heißt, dann ist sie Großem verpflichtet.“

„Kaiserin, Königin, Heilige. “

„Katharina von Bora war eine verarmte adelige Nonne, die berühmt wurde, weil sie Martin Luther geheiratet hat.“

„Beziehungsweise er sie. Ohne ihn hätte sie ihre Größe nicht entfalten können.“

„Er seine schon.“

„Ja, wahrscheinlich. Jede Frau an seiner Seite wäre in die Geschichte eingegangen.“

„Aber Katharina von Bora … allein dieser Name ist ja schon bezeichnend.“

„Du hast einen Narren an ihr gefressen!“

„Das gebe ich zu. Ich spüre eine starke Leidenschaft in ihrem Blick.“

„Sie hat auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient.“

„Warum habe ich erst jetzt von ihr gehört? Ich kann das gar nicht glauben!“

„Du weißt, dass sie aus ihrem Kloster abgehauen ist, oder?“

„Ja, wie mutig! Mittellos und vogelfrei. Es heißt, sie sei bei den Cranachs untergekommen.“

„Keine schlechte Connection. Heute wären das die Springers oder so… „

„Mit Martin Luther hat sie jedenfalls keinen schlechten Fang gemacht.“

„Er hat sie „Herr Käthe“ genannt, kannst du dir das vorstellen?“

„Echt? Scheint mir nicht angemessen zu sein – aber die waren ja schließlich ein Paar.“

„Ich würde nicht wollen, dass meine privaten Briefe später alle lesen können.“

„Du schreibst doch gar keine Briefe! Meinst du deine Liebes-WhatsApps oder Snapchats?“

„Ja, wer weiß, wie lange die durch das Netz geistern? Kann doch keiner sagen!“

„Also immer schön vorsichtig formulieren, Verehrteste. Sonst kommen irgendwann deine peinlichen Kosenamen heraus.“

„Für mich interessiert sich sowieso niemand. Ich heiße schließlich nicht Katharina.“

„Stimmt.“

 

*Katharina von Bora: Ausstellung anlässlich des Luther-Jahres im Frauenmuseum Bonn
15. Januar bis 1. November 2017
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wäre sie frei

Sie kauert im Keller. Kühl ist es, nicht kalt. Krümmt sich dort im schwarzen Staub wo früher die Kohlen lagen. Du kriegst mich nicht sagt sie. Ich kann sie kaum erkennen. Wer ist sie? Freiheit oder Angst. Wut. Liebe. Konzentriere ich mich auf die Kontur oder mache ich eine Kehrtwende. Keine Chance. Komm raus rufe ich.

wäre sie freiWäre sie die Freiheit würde ich mich freuen. Fast glaube ich sie zu fühlen. Ihr feines Flattern noch fern aber verheißungsvoll. Entfaltet vielleicht ihre Flügel und fliegt mit mir fort. In ein fernes Land das nur in meiner Fantasie funktioniert. Meine Flucht wäre folgenlos.

Wäre sie Angst wollte ich sie nicht. Auch nicht an dem Abend als sie allgegenwärtig ist. Die Angst macht mir angst. Am Anfang ist sie andeutungsweise harmlos, dann wachsen aus der Ahnung lange Schnüre wie von Angeln geworfen und haken sich fest. In einem Ausmaß, das lahm macht. Das einen Ausweg in den Abgrund führt.

Wäre sie Wut würde ich mich wehren. Will mich nicht ihrem Willen beugen. Sie wandert ja schon eine Weile mit mir. Wuchtet sich durchs Wasser wie ein schwerfälliger Wal während ich versuche zu entwischen. Die Wellen werfen mich wieder in die Welt. Noch mehr Wut als die, die ich schon habe, würde mich weichkochen. Widerlichen Wackelpudding aus mir machen. Suche das Weite, Wut.

Wäre sie Liebe finge mein Leben Feuer. Lebendiges Licht. Leuchtende Laterne. Eine lila Flamme wie in diesen Lampen aus längst verlorenen Legenden. Ich lenkte sie langsam aus dem Staub in ein liebliches Land. Die Leute lachen wenn sie die Liebe erblicken. Erinnern sich an Leidenschaft, rosa Luft und verträumte Augenlider. Will sie nicht links liegen lassen. Los! Lieber alles andere verlieren, aber nicht die Liebe.

Ich nähere mich der schwarzen Gestalt. Es ist nur ein Schatten.

Venezianischer Tau

nixeEs ist wieder passiert: Ich switche in eine andere Welt. Das passiert mir im Museum öfter, aber hier und um diese Zeit und überhaupt hätte ich das nicht erwartet. Die blassen Porzellanköpfchen mit den leicht geröteten Engelswangen fangen an zu lächeln, ihre zarten Wimpern berühren die glatten Wangen und ihr seidiges Haar weht einen winzigen Moment. Ihre Samt- und Brokatkleider rascheln sacht und in einem Augenblick der Leidenschaft drehen sie sich an ihrer Aufhängung um die eigene Achse. Es sind Matrosen, Skifahrer, Blumenmädchen, ja Teufelinnen mit anzüglichem Blick, Elfen, Nixen und Zwerge, die auf Schweinen reiten.

Morgens um elf im Siebengebirgsmuseum. Nein, ich habe keine Nacht hier verbracht. Ich nehme an einer traditionellen Präsentation teil – der Präsentation eines Weihnachtsbaums zum Thema Papier und Watte. Wer glaubt, das Thema Papier und Watte wäre langweilig, irrt gewaltig. Ich will nur ein paar Schlüsselwörter nennen, die mich sofort in ihren Bann geschlagen haben: Venezianischer Tau, das sind winzige Glasperlen aus der venezianischen Glaskunst, die auf glatten Oberflächen wie kühler Tau funkeln. Silberkaschierte Pappglöckchen, Glimmerkarton, Gelatine- und Obladenbildchen, Goldkaschiertes Papierkörbchen mit süßer Füllung, Paradiesgärtlein, Papiermaschee ….

Der Baum ist ein Traum. Ja, diesen Satz muss ich einfach schreiben. Der Baum steht im Foyer des Siebengebirgsmuseums und könnte eigentlich noch etwas größer sein. Geschmückt ist er mit Papier- und Watteschmuck aus dem Fundus bzw. aus der künstlerischen Nachbildung von Irmgard und Peter Becker, die ihrer Leidenschaft für historischen Christbaumschmuck ganzjährig in ihrem Frl. Erna´s Weihnachtshaus frönen. Richtig und angemessen ist der Eindruck erst, wenn ich – wie von Irmgard Becker in ihrem kleinen Einführungsvortrag empfohlen – den Baum nicht als Gesamtkunstwerk sehe, sondern mir die einzelnen Schmuckstücke aus der Nähe betrachte.

Ins Herz schließe ich die gelbblaue Nixe mit ihrer grünen Perlenlaterne und der silbernen Alge über der Brust. Ernst und konzentriert leuchtet sie sich den Weg durch das Tannengewirr. Ich glaube sie sieht irgend einer ähnlich die ich mal kannte, vielleicht eine Verwandte. So zart wie die Erinnerung. Flüchtig. Wie der verzauberte Augenblick, aus dem ich wieder auftauche.

Wo bin ich. Ach ja, im Museum. Presse ist auch da.

Lecker Blut

Anna und ich sind wie schon berichtet passionierte Cocktail Verkösterinnen. Jetzt wo wir uns wieder sehen können wir auch wieder regelmäßig los neue Drinks suchen. Nein wir sind nicht süchtig nach Alkohol nur nach dem Ambiente, dem Drumherum, der Verbindung von Gerüchen mit Geschmack, vom Kitzel der Verzierung an unseren Lippen. Wir versuchen dann, die richtigen Worte zu finden, präzise auszudrücken wie genau sie schmecken, wie süß, bitter, saftig, salzig, fad, rich, fett, pelzig, klebrig. Auch das Aussehen prüfen wir wie zwei amtliche Testerinnen, kritisch zusammengekniffene Augen, Nuancen in der Farbbestimmung, das Holz der Bar, das Licht in den Flaschen, die Wahl der Gläser, tausend Kleinigkeiten. Manchmal streiten wir uns deswegen, reden uns in Rage ob der Unterschiede in der Wahrnehmung. Es gibt diese Wahrheit nicht, es gibt sie nie.

druckDie Diskussionen sind hitzig: Wir sind Drama Queens bis in die Haarspitzen. Leidenschaftliche Auseinandersetzungen, hart geworfene Sofakissen, blitzende Augen und aggressive Körpersprache sind unser Ding. Das ist nicht aufgesetzt, das kommt aus unserem Innern. Von ganz tief uns so spontan, so dass wir vermuten, es war von Anfang an da. Das Drama Gen. Geerbt von einer früheren Generation grenzverletzender Großgrundbesitzer. Anna ist Halbitalienerin und hat die Rechtfertigung für ihre Performance quasi schon im Pass stehen. Bei mir ist das schwieriger, obwohl es in einem Seitenast meines Stammbaums südamerikanische Sojabohnenbauern gibt. Nichts worauf ich stolz bin, aber eine Erklärung ist es allemal. Mein Gehirn will den Grund wissen. Warum es manchmal wie verrückt Adrenalin und die anderen Dramahormone produzieren bzw. die Produktion veranlassen muss.

Vom Mögen dramatischer Momente kann keine Rede sein, wir lieben sie. Wo keine Welle in Sicht ist machen wir eine. Wir brauchen diese Brandung. Zum Surfen. Wir wollen Wirbel und Strudel. Auf den Sand geworfen werden. Blessuren davontragen. Dann die Wunden lecken. Blut schmecken. Dass das nicht jedermanns Ding ist, ist ja klar. Man muss es schon gut kennen und es liebevoll Temperament nennen. Denn in diesem Moment meinen wir was wir sagen, kleine Explosionen in der Luft, deren Rauchwolken schnell wieder verwehen. Dann ist wieder gut, alles gesagt, wir gehen kurz raus die Nase pudern und das war´s.

 

x-beliebig

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Dieses Identitäts-Hin-und-Her mit meinem Gehirn mache ich nicht länger mit. Wie kommt es überhaupt auf die Idee, eine einzige Identität wäre ausreichend oder angemessen. Das ist reduktionistischer Blödsinn á la Platon, wonach jeder nur ein einziges wahres Ich hat. Mit den Tierideen kann ich mich auf Dauer sowieso nicht anfreunden. Als Gorilla habe ich außerdem einen so fast identischen Genpool mit mir selbst und meiner vermuteten biologischen Vergangenheit, dass es bestimmt einige affige Nanoteilchen in mir gibt. Ich stehe dazu und schäme mich nicht.

Vielleicht sind sie das wohlige Gefühl von Geborgenheit, wenn die nächste Generation meiner Familie durch die Spielgeräte schwingt. Ich kann zwar jedem Tier etwas abgewinnen, hüpfe nach Känguru-Art immer noch gerne auf meinem Trampolin und genieße den Rückstoß meiner Schafshörner beim versuchten Durchbruch einer Mauer. Das ist alles in mir. Aber weg von den Tieren, Hirn. Das sind zwar ganz nette Analogien und ich schätze die Bemühungen der grauen Zellen, meine Existenz schillern und mein Ego tanzen zu lassen. Viel näher sind mir meine menschlichen Eigenarten.

Aufgezählt ergeben sie allerdings eine ziemlich lange unvollständige Liste auf der gerade mal ersten und ausschließlich privatpersönlichen Kategorien-Ebene, die so gut wie nicht viel aussagt: Frau mit Haut und Haar, früher Mädchen mit Bücherwurm, auch Kind im hohen Gras, Jugendliche auf Kafkatripp, Sinnsucherin, Hippiesympathisantin make love not war, Punkpinonierin mit Respekt vor Springerstiefeln und Vorliebe für aggressive Gitarrenmusik, Schneebegeisterte, Eigentumsverächterin, Second Hand Überzeugte, Biovegetarierin mit inkonsequenten Genießerinausflügen zu einem guten Stück Fleisch, Beerensammlerin, Marmeladenköchin, Tagebuchschreiberin, Läuferin, Fahrradfahrerin, Autofahrerin, Zugfahrerin, Beziehungserfahrene, Mitseglerin, Wander-, Abenteuer-, Strand- und Bergurlauberin, Kaltwasserschwimmerin, Konzertbesucherin, Museumsgängerin, Theaterrezensistin, Kino- und Fernsehguckerin, Kleinkunstbewunderin, Fußballzuschauerin, Fußballspielerin, Kletterin, Frisbeevirtuosin, mit-drei-Bällen-Jongliererin, Pflanzenkennerin, Walnussknackerin, Himmelsrichtungsexpertin, Planeten-, Stern- und Universumsinteressierte, Botanische Gärten Besucherin, Staudenliebhaberin, Liebhaberin im Allgemeinen und Speziellen, Geliebte, Liebende, Verliebte, Mutter einer Tochter, Mutter eines Sohnes, Schwester einer Schwester, Patin einer Nichte, Tante zweier Neffen, Tante von Zwillingen, Freundin, Nachbarin, Meditierende, Geruchs- und Geräuschempfindliche, Aussichtsreiche, Dachterrassengestalterin, Weintrinkerin, Hefeweizentrinkerin, Kaffeetrinkerin, Grüner-Tee-und Cocktail-Schlürferin, Obstbrändekennerin, Sushiverschlingerin, Spaghettiköchin, Pizzabäckerin, Weihnachtsgebäckfanatikerin, Jeansträgerin, Sommerkleidträgerin, Offene-Schuhe-Verneinerin, Barfuß-am-Strand-Schlenderin, Muschel- und Steineaufheberin, Nähmaschinenbesitzerin, Minimalistin, Designer- und Menschenkennerin, Stilsichere, Draußenschläferin, Zuhörerin, Vorleserin, Schlechte-Witze- und Geschichtenerzählerin, Smartphoneträgerin, Gedankenmacherin, Grüblerin, Nachdenkerin, Schreiberin, Diskutantin, Einzelgängerin, Haarefärberin, Lesebrillenträgerin, Monochromistin, Gelegenheitsraucherin, Wolkenfotografiererin, Kurzfilmdreherin, ehemalige Großstadt- jetzt Kleinstadtbewohnerin.

Mal ehrlich, ich könnte einfach jede x-Beliebige sein – die wirklich interessanten Sachen kommen ja erst in den Ebenen darunter und auch diese Liste halte ich mal eben extrem kurz, denn das ist es worüber ich schreibe und schreiben werde: Feinheiten und Fetische, subtile Differenzierungen, Sensibilitäten, Hypersensibilitäten, sensitive Wahrnehmungen, kribbelige Angelegenheiten, dunkle Gedanken, verborgene und überbordende Leidenschaften, geheime Sehnsüchte, kleinkarierte Pingelichkeiten, peinliche Ausrutscher, höchstes Vergnügen, wilde Unbefangenheit, große und kleine Gelüste, schmerzliche und zu Tränen rührende Augenblicke, unbändige Wut, rasender Zorn, lodernde Liebe, grenzenlose Freude, tief empfundenes Glück.